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Als der Kinosaal noch häufig Feuer fing

Berufe im Wandel der Zeit: Filmvorführer Als der Kinosaal noch häufig Feuer fing

Viele Berufe ändern sich mit den Fortschritten der Technik. Dazu gehört auch die Arbeit eines ­Filmvorführers im Kino: Früher wurden Filmrollen zusammengeklebt, heute werden Filme auf Computer überspielt.

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Vom großen Filmvorführgerät bis zum Server: Marburgs Cineplex-Chefin Marion Cloosmann erklärt, wie sich der Kinobetrieb im Laufe von 100 Jahren gewandelt hat.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Es gab eine Zeit, da war der Beruf eines Filmvorführers richtig gefährlich. Nur die Begabtesten, die handwerklich Geschicktesten und zugleich Wagemutigsten konnten in dem Beruf bestehen, der ebenso gefährlich war, wie die Arbeit eines Testpiloten. Zumindest auf dem Papier. „In der Versicherung war der Filmvorführer in derselben Risikoklasse eingestuft, wie ein Testpilot“, erzählt Marion Cloosmann, Geschäftsführerin des Marburger Cineplex.

Das hatte aber einen guten Grund: Der Beruf war in den Anfangszeiten der Kinogeschichte wirklich sehr gefährlich. „Die Lichtquelle für den Film bestand früher aus einem offenen Feuer im Abspielgerät“, erklärt Cloosmann anhand eines Ausstellungsstücks aus den 20er-Jahren im Cineplex. Kohlestäbe sorgten damals dafür, dass der Film Licht bekam und so an der Wand sichtbar wurde. Der Film selbst war auf einem Hornfilm. „Und das Filmmaterial war daher hochbrennbar“, sagt die Marburger Kinochefin.

„Keine gute Kombination. Da kann man sich ausrechnen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Brand sehr hoch war.“ Damals seien daher sehr viele Kinosäle abgebrannt. Aus Gründen des Arbeitsschutzes musste der Vorführraum, in dem der Filmvorführer saß, daher komplett vom Kinosaal getrennt werden. Es durfte keine Verbindungstür geben, über die ein Feuer auf den Saal hätte übergreifen können.

Filmvorführer war früher auch Handwerker

Der Beruf des Filmvorführers erforderte neben Mut aber auch handwerkliche Fähigkeiten: „Damals war der Filmvorführer der Gesamtherrscher über die gesamte Technik im Vorführraum“, sagt Cloosmann. Denn der musste nicht nur den Film einlegen und die Maschine anschalten – sondern sie auch pflegen, in ihre Einzelteile zerlegen und wieder zusammensetzen können. „Wenn es zu einer Störung kam – auch in großem Umfang während der Filmvorführung – war ein guter Filmvorführer auch in der Lage, das Problem komplett selbst zu beheben“, erklärt Cloosmann.

Anders sei das heute: Wenn bestimmte Teile der Technik kaputtgehen, dann könne das Team vom Cineplex nichts machen. „Bestimmte Teile können wir nicht reparieren, weil sie für uns nicht zugänglich sind.“ Das liege daran, dass die Filmindustrie natürlich Angst vor Piraterie habe. „Bestimmte Technik müssen wir komplett austauschen wenn sie kaputtgeht – dann können wir also nur warten, bis externe Techniker kommen.“ Ansonsten könne es heute auch mal zu technischen Problemen beim Abspielen kommen: „Wie jeder Computer daheim hat auch unserer manchmal einen Schluckauf“, scherzt Cloosmann. Dann kann schon mal eine Farbe im Film komplett verschwinden. „Früher hat man höchstens mal den Film falschrum eingelegt.“

Was das Abspielen der Filme selbst betrifft, habe sich die Arbeit im Kino auch komplett gewandelt in den vergangenen 103 Jahren, in denen die Familie Cloosmann in die Marburger Kinowelt involviert ist. Laut der Chefin kamen Filme früher wie heute einmal in der Woche: Heute werden die Filme auf Festplatten angeliefert, gut verpackt in mehrere Boxen. Die Filme werden dann auf den Server des Kinos gespielt.

Filme starten heute automatisch

„Damals kamen sie in einzelne Akten zerteilt auf Rollen“, erklärt die Marburgerin. Die 35-Millimeter-Filme wurden dann zusammengeklebt und auf eine große Rolle gewickelt, bevor sie dem Publikum gezeigt werden konnten. „Wenn der Film aus dem Programm genommen wurde, haben wir ihn wieder in die Akte zerschnitten und an den Filmverleih zurückgeschickt.“ Etwa 20 Kilogramm wiegt ein solcher Steifen. „Ein durchschnittlicher Film ist zweieinhalb bis drei Kilometer lang“,verrät Cloosmann.

Heute gibt es den Filmvorführer so im Cineplex nicht mehr. Vieles regelt der Computer: Der heute sogenannte technische Dienst speise eine spezielle Software mit den neuen Filmen und mit den Daten, um wie viel Uhr welcher Film in welchem Saal laufe. „Die Filme können also komplett automatisch starten“, erklärt die Kinochefin. Dennoch sei es sehr wichtig, dass beim Filmstart jemand im Vorführraum sei: „Das Bild muss überprüft werden – und vor allen Dingen der Ton.“ Denn die benötigte Lautstärke richte sich nach der Personenzahl und werde manuell eingestellt – je nachdem, ob drei oder 100 Besucher im Saal sitzen. „Eigentlich hat sich eine handwerkliche und körperliche Arbeit fast zu einem Schreibtischjob mit ein paar Kontrollgängen gewandelt“, spitzt die Kinochefin zu.

Läuft der Film, helfen laut Cloosmann alle mit, um den Kinobetrieb aufrecht zu erhalten: Die Angestellten am Einlass helfen dann beispielsweise an der Theke, das Popcorn aufzufüllen,­ räumen auf, kontrollieren­ die Toiletten. „Bei uns ist eigentlich jeder Mitarbeiter so geschult, dass er in allen Bereichen eingreifen kann“, sagt Cloosmann. Es komme eben auf Teamarbeit an. „Früher waren die Berufe streng getrennt: Es gab den Filmvorführer, den Kassierer, den Verkäufer und den Kontrolleur am Einlass.“ Insgesamt arbeiten rund 80 Mitarbeiter am runden Kinobetrieb – im Winter mehr als im Sommer. Denn die klassische Kinozeit für Besucher und Hollywood war schon immer der Winter.

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Die OP erscheint seit nunmehr 150 Jahren. Seither hat sich vieles im Verlag und auch im Druckhaus geändert: Überall hat die Technik Einzug gehalten, Arbeitsprozesse wurden verbessert, verkürzt, verändert. Ganze Berufszweige verschwanden von der Bildfläche, andere entstanden neu. Und dann gibt es zahlreiche Berufe, die im Laufe der Zeit erhalten geblieben sind – zumindest dem Namen nach. Das Aufgabenfeld hat sich jedoch häufig sehr stark gewandelt. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens stellt die OP solche Berufe vor – egal ob Schriftsetzer, Filmvorführer­ oder Friseur. Wenn auch Sie eine Idee für einen verschwundenen oder veränderten Beruf haben, schreiben Sie an 150@op-marburg.de

von Patricia Grähling

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