Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Qualvoller Abschied vom Verbrennungsmotor

IAA in Frankfurt Qualvoller Abschied vom Verbrennungsmotor

Diesel-Skandal? Kartellvorwürfe? ­Auf der weltgrößten Automesse in Frankfurt soll die Zukunft des Autos gefeiert werden.

Voriger Artikel
Flugausfälle bei Air Berlin in Köln und Düsseldorf
Nächster Artikel
Keime in Hähnchen- und Putenfleisch

Letzte Ausfahrt: Elektroauto. Volkswagen präsentiert auf der IAA das voll elektrische SUV „I.D. Crozz“.

Quelle: dpa

Frankfurt. Matthias Müller kommt im Sedric. Die fahrerlose Kabine summt auf die IAA-Bühne, der VW-Chef entsteigt der „Mobilitätsvision“ und liest Sätze vor, an denen lange gefeilt wurde. „Wir haben verstanden, und wir werden liefern“, sagt Müller. Noch mehr Elektromodelle wird der Konzern auf den Markt bringen, noch mehr Milliarden in emissionsfreien Antrieb investieren. Und Sedric, der dienende Kasten, wird zu einer ganzen Modellfamilie ausgebaut. Vor genau zwei Jahren hat Müller gesagt, er halte das autonome Fahren für einen „Hype, der durch nichts zu rechtfertigen ist“. Da war er Porsche-Chef und der Abgas-Skandal eine Woche entfernt.

Manchmal würde Müller sicher gern mit Jörg Kläschen tauschen. Der Kieler will mit dem Achtzylinder kommen, zusammen mit ein paar Freunden vom AMG Owners Club. Seit Ende der Siebzigerjahre fährt Kläschen Mercedes, AMG ist die Konzernmarke für alles Schnellere mit Stern. In Frankfurt wird er sich die Mercedes-Halle ansehen, traditionell das Herz der IAA, noch etwas Porsche und BMW. Schon mit Massenware der Gegenwart kann er wenig anfangen, mit der Autozukunft soll ihm keiner kommen: „Diese ferngesteuerten Dynamoteile – dann fahr’ ich lieber Bus.“

Zwei Welten auf einer Messe

Auf dieser 67. IAA müssen zwei Autowelten Platz finden. Da sind die klassischen Magnete jeder Autoshow – flach, schnell, laut, aber politisch inzwischen sehr unkorrekt. Wenn am Donnerstag die Kanzlerin zum Eröffnungsrundgang kommt, wird man sie an den Geschossen vorbeilotsen, hin zur neuen Autowelt: geräumig, leise und gern weiß lackiert mit ein wenig Eisblau. Weil es so rein aussieht, wie der Elektromotor drinnen sein soll.

Bilder von der Zukunft sind die einzige Chance, das zerrüttete Verhältnis der Autobauer zur Berliner Politik zu kitten. Konnte man Volkswagens Diesel-Skandal noch als Einzelthema abhaken, treffen die massenhaften Manipulationen von Abgaswerten inzwischen weite Teile der Branche. Angela Merkel hat öffentlich wissen lassen, dass sie „stocksauer“ sei auf die Konzernherren, die sie manches Mal in Brüssel rausgepaukt hat – mit bestenfalls halbwahren Argumenten, wie sie heute weiß.

Sie revanchierte sich mit der Interviewbemerkung, dass irgendwann wohl das Stündlein des Verbrennungsmotors schlagen werde – sie wisse aber noch nicht, wann. Den Automanagern gefror das Blut in den Adern. Die politisch Fantasiebegabten unter ihnen – es sind nicht viele – sehen schon ein Ausstiegsdatum à la Energiewende auf sich zukommen. Auf einen Schlag wären Milliarden in den Bilanzen vernichtet. Es geht für die Autobauer nicht um viel. Es geht um alles.

Sie hätten das „mit Verspätung“ begriffen, sagt ein Manager, der ähnliche Prozesse in anderen Industrien schon schneller erlebt hat. „Man sieht den Zug schon lange auf sich zurollen.“ Der kommt inzwischen im Eiltempo näher, mit Herausforderungen wie kaum noch erfüllbaren Emissionsvorschriften, einem erfolgreichen Elektroauto namens Tesla, Internetkonzernen mit Autoambitionen und einer jungen Generation, in der viele nicht mehr vom Smartphone aufschauen, um gebogenes Blech zu sehen.

Fußballtrainer würden jetzt beim 0:2 in der Halbzeit sagen: Ihr müsst Reaktion zeigen. Während Fußballer dann manchmal erst recht ins Stolpern kommen, sei von Unsicherheit in der Branche nichts zu spüren, sagt Continental-Manager Felix Gress. Im Gegenteil: „Es ist die spannendste Zeit seit 100 Jahren.“ So war es oft in deutschen Chefetagen: Es dauert, bis der Hebel umgelegt ist, aber dann gibt es kein Halten mehr. Man hat verstanden, jetzt wird geliefert bis zum Umfallen.

Hoffen auf leistungsfähige Batterien

Vor allem das Trio Daimler, BMW und VW mit seinen zwölf Marken überbietet sich in Frankfurt gegenseitig mit Ankündigungen neuer Elektromobile, vorzugsweise für die Jahre 2019 oder 2020. Das ist kein Zufall, denn erst dann werden Batterien mit alltagstauglicher Leistung zur Verfügung stehen – hofft man. Da werde noch manche Luftnummer vorgeführt, lästert zwar ein Experte, aber eine Alternative gibt es nicht. 2021 werden Verbrauchsvorschriften gelten, die ohne Elektroantrieb nicht zu schaffen sind. Schon gar nicht bei schrumpfendem Dieselanteil.

Ach ja, der Diesel. Mercedes-Fahrer Kläschen wohnt am Nord-Ostsee-Kanal. Knapp 100 Schiffe kämen da täglich vorbei, erzählt er, vorzugsweise mit Schweröl befeuert. „Was die rausblasen, entspricht wahrscheinlich Zehntausenden Autos.“ Man solle doch nicht immer auf die Autofahrer einprügeln. So würde auch mancher Manager auf der IAA-Bühne gern reden, aber wer es tat, fand sich im Shitstorm wieder. Also wird wenig vom Diesel geredet. Er habe Zukunft, heißt es allenthalben, und sei jetzt auch sauber. „Der Diesel hat nach wie vor seine Berechtigung“, sagt etwa der Renault-Manager Martin Zimmermann. „Es gibt zu viel Unsicherheit, um sich jetzt auf eine Antriebstechnologie festzulegen.“ Derweil behauptet Karl-Thomas Neumann das Gegenteil – der frühere Continental-, VW- und Opel-Manager kann gerade frei von Vorstandsräson reden. Er plädiert für einen „klaren Schnitt“. Volkswagen berichtet, dass künftig jeder neue Dieselmotor die aufwendigere Abgasreinigung mit SCR-Katalysator bekommen werde und jeder Benziner Partikelfilter. Es ist der letzte Absatz der Mitteilung zur IAA.

Es sei eine einfache Wahl, sagt Conti-Mann Gress: „Blicken wir nach hinten oder nach vorn?“ Die Antwort kennt auch Christoph Stürmer, Autoexperte beim Beratungsunternehmen PwC: „Fast forward.“ Nach vorn, und zwar schnell. Hin zu Elektroantrieb und Vernetzung.

Google und Facebook sind dabei

Die Digitalisierung hatte der Verband der Automobilindustrie (VDA) schon lange als Kernthema dieser IAA auserkoren. Das begleitende Kongressprogramm liest sich wie das der Cebit. Google und Facebook sind vertreten, und zur Eröffnungsfeier wird man Facebook-Managerin Sheryl Sandberg mindestens so aufmerksam lauschen wie Angela Merkel. Vernetzung und automatisiertes Fahren sind die eigentlichen Zukunftsthemen – die mit der disruptiven Kraft, wie nun auch Automanager dozieren. Wer über Digitalisierung spricht, setzt den Elektroantrieb in der Regel gleich voraus – und kann nebenbei die leidige Antriebsfrage einfach überspringen.

Es ist ein riesiger Sprung. In diesen Frankfurter Tagen könne man ahnen, wer ihn schaffen wird, sagt Stürmer. „Es ist jetzt unglaublich spannend, die Autowelt zu beobachten“, sagt der Autoexperte. Die Konzerne müssten einen strategischen Spagat bewältigen. Leistung hier und Sicherheit dort, automobile Freiheit auf der einen und automatisches Bremsen auf der anderen Seite, Premiumfahrzeug in der einen und die Theke für Carsharing in der anderen Ecke. „Bei manchen wird das nur noch von der Designabteilung zusammengehalten.“ Es seien eben zwei Welten: „Der eine Teil der Hersteller ist schon drüben, der andere kommt nicht hinterher.“

Vor allem aber fürchtet Stürmer, dass das Publikum nicht hinterherkommt. Mit Blick auf die 900 000 Besucher, die alle zwei Jahre zur IAA pilgern, hält er die Vernetzung für eine „leichte Themaverfehlung“, das Publikum sei dafür noch nicht bereit. Der Kunde legt den Hebel eben nicht so schnell um wie der Konzernvorstand. Eine PwC-Umfrage in mehreren Ländern habe „Erschreckendes“ zum „strukturellen Innovationsmisstrauen“ der Deutschen zutage gefördert. Stürmer dagegen, durchaus auch in der alten Autowelt heimisch, kann sich begeistern. „Die Vision ist cool“, sagt er: „billig, leise, mühelos“. Und nachdem Marketingstrategen jahrzehntelang Freiheit und Sportlichkeit bemühten, findet Stürmer andere Worte: „Seien wir doch ehrlich: Jetzt ist Auto fahren echt mühsam.“

Absagen von Volvo und Rolls Royce

Aber die Leute lieben es. In dieser Klemme hängt die IAA. Mancher Autokonzern sieht das wohl ähnlich. Es gibt prominente Absagen wie Volvo, Rolls-Royce, Peugeot und Fiat-Chrysler mit Marken wie Maserati und Jeep – nur Ferrari vertritt die Italiener. Sichtbar gespart wird im VW-Konzern, wo Audi aus der eigenen in eine gemeinsame Halle umzieht. Der traditionelle Konzernabend wurde auf den Messestand verlegt – allein das spart Millionen gegenüber der üblichen Show in der Jahrhunderthalle.

Manche Absage erklärt Autoanalyst Stürmer auch mit fehlendem Angebot und Ratlosigkeit. Die neue Mobilität werde schlecht verkauft, meint er, zu emotionslos, zu ingenieurgeprägt. Renault versucht es anders. Die Franzosen waren schon bei der Elektromobilität früh dran, manchmal zu früh. Jetzt präsentieren sie ihr Zukunftsmodell Symbioz nicht auf einer nachgebauten Rennstrecke oder auf dem Podest – sondern in einem Haus. Es gehe um die Vision des Jahres 2030, sagt Renault-Manager Zimmermann. „Welche Rolle spielt das Auto dann in unserem Leben?“ Es werde stärker integriert, durch Vernetzung mit anderen Geräten Funktionen jenseits des Fahrens übernehmen. Es sei, sagt Zimmermann, der Versuch, ein Thema zu vermitteln, von dem die Autokäufer noch keine rechte Vorstellung haben. Ob es gelingt, weiß er nach zehn Messetagen.

„Das Publikum stimmt brutal mit den Füßen ab“, sagt Stürmer. So hat jeder Hersteller in Frankfurt sein Zugpferd für die 900 000 Gäste dabei, die kommen werden, wenn die Kanzlerin gegangen ist. In Halle 2 zum Beispiel wartet „Project One“ auf die Mitglieder des AMG Owners Club – Auflage 250 Stück, hüfthoch, gut 1000 PS stark und jenseits von 350 Stundenkilometern schnell. Den Formel-1-Wagen mit Karosserie gönnt sich AMG zum 50-jährigen Bestehen. Doch selbst im Project One wütet ein Vierzylinder mit dem Hubraum eines Kompaktwagens, unterstützt von vier Elektromotoren. Achtzylinderfreund Jörg Kläschen wird tapfer sein müssen.

Von Stefan Winter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaft

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr