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Redetalent reicht nicht: Debattierclubs für Studenten

Bei den alten Griechen und Römern waren gute Redner hoch angesehen. Sie hatten sogar Schulen, die Rhetorik lehrten. Auch heute gibt es Debattierclubs, in denen die Redekunst geübt und perfektioniert wird - aufs Sprechen allein kommt es dabei aber nicht an.
Die Punktwertung der Juroren an die Redner der Debatte.

Die Punktwertung der Juroren an die Redner der Debatte.

© Andreas Arnold

Mainz. Schließt man für kurze Zeit die Augen, könnte man glauben, eine parlamentarische Debatte zu verfolgen. Doch der Raum, in denen die Redner von "Opposition" und "Regierung" diskutieren, ist kein "Hohes Haus".

Es ist ein alter Hörsaal an der Mainzer Universität mit abgenutzten Holzsitzreihen und einer Jalousie, die schief am Fenster hängt. Das bescheidene Ambiente tut der Begeisterung der Redner aber keinen Abbruch.

"Unser Ziel ist der Meinungsaustausch und die Fähigkeit, sich mit Themen kontrovers auseinanderzusetzen", sagt Allison Jones, die Präsidentin des Debattierclubs Johannes Gutenberg (DCJG). Der Club wurde 2002 gegründet und zählt derzeit etwa 100 Mitglieder. Die Bandbreite der Themen ist groß: Fragen aus Politik, Gesellschaft, Kultur oder Phantasie stehen zur Auswahl, über die die Teilnehmer bei den Club-Treffen abstimmen. An diesem Abend haben sie sich entschieden, über "Gated Communitys" zu diskutieren, private, geschlossene Wohnanlagen, in die sich wohlhabende Personen zurückziehen können.

Die Debatte folgt festen Regeln: "Jedes Team, dem seine Position zugelost wird, besteht aus drei Leuten, die für oder gegen das Thema argumentieren", sagt Jones. Die Debatte beginnt nach 15 Minuten Vorbereitungszeit. Das Ziel: Jury und Publikum mit Argumenten und Auftreten überzeugen. Die Juroren achten dabei darauf, dass keiner der Redner länger als sieben Minuten spricht. Ein Klingelzeichen läutet die letzte Minute der Redzeit an, ein Doppelklingeln 60 Sekunden später setzt den Schlusspunkt.

In den ersten sechs Minuten dürfen dem Redner sogar Fragen gestellt werden. Gesprochen wird weitgehend frei, einzige Orientierungshilfe ist ein Notizzettel. Während der Debatte, bei der es wie im "richtigen Parlament" Zwischenrufe und Beifall gibt, zeigt sich der Charakter der einzelnen Redner. Manche unterstützen ihre Argumente gestenreich, andere sind eher zurückhaltend.

Am Ende der zweistündigen Diskussion ziehen sich die Juroren zur Beratung zurück. Redetalent allein genügt nicht, um zu überzeugen. Juror Stefan Lüthje erklärt: "Wir beurteilen inhaltliche und sprachliche Aspekte der Rede. Dazu gehören der Aufbau der Rede und die Argumentation sowie Sprachfluss und Gestik." Bis zu 100 Punkte können vergeben werden. "Der Durchschnitt liegt bei 40 Punkten, 50 bis 55 Punkte sind Spitzenwerte." Bewertet wird das Team, aber auch jedes einzelne Mitglied erhält Rückmeldung von der Jury - Debattieren nach dem sogenannten deutschem Format. Im Wettstreit um die richtigen Worte gibt es auch eine Wertung nach britischem Muster, bei der allein eine Rolle spielt, welches Team die besten Argumente hatte.

Die Fähigkeiten, die beim Debattierclub geübt und perfektioniert werden, helfen auch nach dem Studium weiter. Christian Strunck, der 2015 die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft gewonnen hat, arbeitet als Jurist und profitiert von seinen Erfahrungen, wie er sagt. "Es fällt leichter, in Schriftsätzen selbstständig zu argumentieren", sagt Strunck, der seit dreieinhalb Jahren Clubmitglied ist. Auch Allison Jones, die seit fünfeinhalb Jahren im DCJG mitdiskutiert, kam ihr Engagement schon zugute. 2012 gewann die Jurastudentin die ZDF-Fernsehshow "Ich kann Kanzler".

Jörg Rukawina ist neu beim DCJG. "Es ist schwer, sieben Minuten Redezeit zu füllen", räumt der Politikstudent ein, der an diesem Abend zum dritten Mal an einem Clubabend teilgenommen hat. Er will regelmäßig kommen, um seine Rhetorik zu verbessern, wobei ihm die "alten Hasen" gern mit Rat und Tat zur Seite stehen. "Wir geben Anfängern Tipps, denn jeder soll sich in seiner Argumentation wohl fühlen", sagt Strunck.

Mitglieder des DCJG treten bei Turnieren gegen Redner aus anderen Debattierclubs an deutschsprachigen Universitäten an. Organisiert sind diese im Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH). "Insgesamt gibt es in Deutschland 71 Debattierclubs mit etwa 4000 studentischen Mitgliedern", erklärt Elisa Schwarz, Sprecherin des VDCH. In Rheinland-Pfalz existiert außer in Mainz auch an der TU Kaiserslautern und an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) Vallendar ein Debattierclub. Der Club in Kaiserslautern besteht seit 2008 und hat etwa 15 Mitglieder. Die WHU Debating Union in Vallendar ist ein englischsprachiger Debattierclub, der 2013 gegründet wurde und 25 Mitglieder hat.

dpa


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