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Arbeit

Behinderte als Belastung oder Bereicherung in Unternehmen?

Gleichberechtigung Behinderter auf dem Arbeitsmarkt - davon ist Deutschland noch weit entfernt. Von der guten Joblage derzeit haben die meisten nichts. Eine junge Frau will das ändern.
Vielfalt als Gewinn: Verena Bentele setzt sich dafür ein, dass Unternehmen Menschen mit Behinderung gezielt einstellen.

Vielfalt als Gewinn: Verena Bentele setzt sich dafür ein, dass Unternehmen Menschen mit Behinderung gezielt einstellen.

© Friedrich Bungert

Berlin. Kontraste auf dem Arbeitsmarkt: Die Zahl der Arbeitslosen ist auf einem Tiefstand, die Quote liegt bei 6,3 Prozent - Behinderte sind mit 14 Prozent abgehängt. Darauf machte dieser Tage die Aktion Mensch aufmerksam. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, die ehemalige Profi-Biathletin und von Geburt an blinde Verena Bentele, will sich mit der Situation nicht abfinden. Sie wirbt jetzt massiv bei Unternehmen - und setzt dabei keineswegs auf den Mitleidsbonus.

"Entscheidend ist, wie Behinderung gesehen wird", sagt Bentele in ihrem mit modernen Bildern ausgestatteten Büro im Berliner Regierungsviertel. "Es gibt Unternehmen, die Vielfalt bei den Beschäftigten als Gewinn sehen und deswegen Menschen mit Behinderung einstellen." Jetzt will die 32-Jährige mit Wirtschaftsvertretern in Berlin Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausloten. Dabei sind auch Firmen, die sich bewusst für behinderte Mitarbeiter entscheiden. Für Chefs kann sich dies durchaus rechnen.

Licht und Schatten: Laut Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl schwerbehinderter Beschäftigter 2012 auf 965 000 - ein Fünftel mehr als 2007. Dennoch wuchs die Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter laut BA zuletzt fast in allen Altersgruppen. Das Älterwerden der Gesellschaft lässt auch die Zahl der Schwerbehinderten steigen. Oft ist eine Krankheit im Laufe des Lebens die Ursache.

Insgesamt ist fast jeder zehnte Bundesbürger behindert - mehr als 7,5 Millionen Menschen. Das ist auch ein Markt. Beispiel: Kann ein Software-Unternehmen mit betroffenen Mitarbeitern Produkte behindertengerecht erstellen, muss es, so Bentele, fertige Software nicht im Nachhinein für diese Gruppe anpassen.

In der Software- und Elektronikbranche gilt es bereits als Trend, dass die Firmen gezielt Menschen mit Autismus einstellen. Eine ihrer besonderen Fähigkeiten: Muster erkennen. Von den rund 50 000 Menschen mit Down-Syndrom haben wenige einen regulären Job - oft durch Kontakte und Engagement von Eltern und Freunden eingefädelt. Dabei können sie mit ihrer oft größeren Direktheit etwa Altenheime, Krankenhäuser, Kindergärten oder Gastronomie bereichern.

Viele Behinderte haben einen akademischen Abschluss - den Weg zum Job ebnet dieser ihnen oft nicht. "Unter Akademikern oder Facharbeitern mit Behinderung gibt es anteilsmäßig mehr Menschen ohne Arbeit als bei derselben Gruppe ohne Behinderung", sagt Bentele. Von den schwerbehinderten Arbeitslosen im Jahr 2013 suchten rund 59 Prozent Arbeit als Fachkräfte oder Akademiker.

Sind Unternehmen ausreichend auf Menschen mit Handicap eingestellt - oder verursachen diese nur Aufwand und Kosten? Ab 20 Arbeitsplätzen sind Firmen verpflichtet, zu mindestens 5 Prozent Schwerbehinderte zu beschäftigen. Aber: Ein Viertel dieser Firmen hat keinen einzigen Menschen mit Behinderung. Bentele: "Andere erfüllen die vorgesehenen Quoten nicht." Für die Unternehmen erscheine es oft attraktiver, Ausgleichsabgaben zu zahlen. Wer keinen Behinderten eingestellt hat, muss 290 Euro im Monat zahlen.

Bentele meint: Viele Arbeitgeber meinten fälschlicherweise, Menschen mit Behinderung seien unkündbar oder verursachen vor allem Kosten und Mehraufwand. Nach neuen Gesetzen ruft Bentele nicht. "Ich möchte fragen, welche Unterstützung Unternehmen auf dem Weg brauchen." So seien es oft kleine Dinge, die als große Probleme erscheinen - etwa wenn ein blinder Arbeitnehmer in einem Unternehmen mit wechselnden Arbeitsplätzen eingesetzt werden soll.

"Die Lösung ist beispielsweise: die Vorlese-Software für Menschen mit Sehbehinderung einfach auf jedem Rechner installieren." Die zwölffache Paralympics-Siegerin selbst ist in ihrem Fulltime-Job in der Bundesregierung auch darauf angewiesen - und versichert, das funktioniere kostengünstig und effektiv.

dpa


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