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Tourismus

Delmenhorst: Arm und ein bisschen sexy

In kaum eine andere Stadt zieht es weniger Touristen: Delmenhorst ist bei den Übernachtungszahlen bundesweit ein Schlusslicht. Dabei ist die Stadt gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Vier Geschichten über Delmenhorst.
Klare Position gegen Nazis: Gerd Renker organisierte vor einigen Jahren den Protest gegen den Verkauf eines Hotels an Rechtsextreme.

Klare Position gegen Nazis: Gerd Renker organisierte vor einigen Jahren den Protest gegen den Verkauf eines Hotels an Rechtsextreme.

© Markus Hibbeler

Delmenhorst (dpa/tmn) – Delmenhorst gilt als die unattraktivste Stadt in Deutschland. Wenige Übernachtungen und Geldmangel lassen den Ort grau und wenig spannend erscheinen. Doch der Schein trügt: Zwischen beeindruckender Industriearchitektur und ausschweifenden Traditions-Partys gibt es Einiges zu entdecken.

Kurz vor dem Ortsschild fängt es an zu regnen. 80 000 Einwohner und kein Mensch unterwegs. Donnerstagabend, kurz nach 22.00 Uhr in Delmenhorst. An der Dönerbude beim Bahnhof packt der Betreiber gerade den Grillspieß ein. Im Hotel gegenüber breitet der Nachtportier mit großer Geste die Arme aus: "Willkommen in Delmenhorst".

Delmenhorst ist laut einer neuen Studie, die Kreis und kreisfreie Städte berücksichtigt, die Stadt mit den wenigsten Übernachtungen in Deutschland. Kaum jemanden zieht es in die Stadt zwischen Oldenburg und Bremen. Eine graue Maus, direkt an der A1 gelegen. Ein Ort arm wie Berlin, aber nicht so sexy. Von den Erwerbsfähigen ist jeder zehnte arbeitslos. Die Stadt hat hohe Schulden. Sexy könnte sein, dass das bekannteste Kind der Stadt Sängerin Sarah Connor ist. Doch die ist weggezogen. Warum also einen Urlaubstag in Delmenhorst vergeuden?

Die Stadt in der Stadt: Jeder dritte Delmenhorster hat einen Migrationshintergrund. Das liegt nicht zuletzt an der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, kurz Nordwolle. Wer vom Rathaus aus zehn Minuten zu Fuß aus der Stadt herausläuft, steht plötzlich auf einem der größten Industriedenkmäler Europas. Zu sehen sind eine Reihe von roten Backsteinhäusern und –hallen in verschiedenen Größen.

Von 1884 bis zum Konkurs 1981 war auf diesem Gelände Nordwolle beheimatet, ein Unternehmen, das Wolle und Garn verarbeitete. Nordwolle hatte zeitweise weit über 3000 Mitarbeiter, betrieb mehrere Fabriken in Deutschland und war in seiner Hochphase für bis zu 25 Prozent der globalen Wollverarbeitung verantwortlich. Um die Jahrhundertwende entwickelte sich das Nordwolle-Gelände zur Stadt in der Stadt. Heute lässt sich im sehr informativen und interessant aufbereiteten

Nordwestdeutschen Museum für Industriekulturnachvollziehen, wo damals was stand.

Gerda Hartmann führt durch das Museum und weiß gar nicht so genau, wo sie anfangen soll. Es gibt einfach zu viel zu erzählen. Da ist die Geschichte von der Familie Lahusen, der Nordwolle lange gehörte. Dann ist da die Geschichte der Gastarbeiter, die in zwei großen Wellen kamen und in Delmenhorst integriert werden mussten. Und schließlich ist da die Geschichte vom langsamen Niedergang der Fabrik. Wie langweilig kann eine Stadt mit solch einer Geschichte und so einem Museum sein?

Bratwürste gegen Rechts: Direkt im Stadtzentrum liegt an einer viel befahrenen Straße eine Brachfläche. 2006 gibt es noch keine Brachfläche, sondern ein Hotel. Es wird bekannt, dass der Inhaber das Gebäude verkaufen will. Käufer sollen Rechtsextreme sein. Doch dann kommt den Delmenhorstern eine Idee: Warum nicht das Hotel selbst kaufen?

Gerd Renker muss jetzt noch lachen, wenn er daran denkt, wie das damals war: "Auf dem Markt haben die Gemüsefrauen Tomaten gegen Rechts verkauft, und der Fleischer briet Bratwürste gegen Rechts", erzählt er. Zusammen mit einem Freund hat Renker die Sammelaktion angezettelt.

Die Medien werden aufmerksam. Erste Artikel erscheinen mit dem Tenor: Eine Kleinstadt steht auf gegen Rechts. Am Ende wird es 3500 Zeitungsartikel geben. Und mit dem Medienecho kommt das Geld. Die Stadt kauft schließlich das Hotel. Doch sie hat keine Verwendung für das Hotel, stattdessen kostete es Unterhalt, und so reißt sie es schließlich ab. Doch die Erinnerung bleibt. Wie langweilig kann eine Stadt sein, in der die Bürger so etwas zuwege bringen?

Kohlfahrt bei Varoufakis: Delmenhorster sagen, der einzige Grund, nach Delmenhorst zu kommen, ist eine Kohlfahrt bei

Schierenbeck. Bernd Schierenbeck ist der König der Kohlfahrer, ein Mann Mitte 50, mit einem Händedruck wie ein Schraubstock und dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis optisch nicht unähnlich. Schierenbeck bietet Kohlfahrten im großen Stil an, eine Tradition, die es so nur in Delmenhorst und Umgebung gibt.

Zur Kohlfahrt gehört, dass man zunächst ein bis zwei Stunden durch den Wald spaziert, häufig mit einer Gruppe von etwa 10 bis 30 Mann. Dabei zieht man einen Bollerwagen, in dem Schnaps und eine Brotzeit sind. Die Zeit vertreibt man sich mit Boßelkugeln oder allerlei albernen Spielen wie Papierhandtuch-Weitwurf. Dabei gilt die Regel: Wer verliert, trinkt einen Schnaps.

Dann kommt das Essen: Eine Kohlfahrt heißt so, weil es Grünkohl mit Grütze gibt, dazu meist Kassler, Schweinebauch und Kochwürste. Doch eigentlich geht es nur um die Party. "Um halb acht stehen die ersten auf den Tischen", sagt Schierenbeck. Von 400 Desserts kann er manchmal nur noch 200 verteilen, der Rest steht schon auf der Tanzfläche oder an der Theke. "Das muss harte, gute Party sein", sagt er. Wie langweilig kann eine Stadt sein, die so feiern kann?

Offen für Neues: Zum Abschluss ein Besuch beim Oberbürgermeister. Axel Jahnz ist erst seit kurzem im Amt. Er hat seine eigene Theorie dazu, warum niemand nach Delmenhorst kommen will. Die Studie gehe von falschen Annahmen aus. Sie benachteilige Orte, die wie Delmenhorst vor allem für Touristen aus der nahen Gegend interessant sind, die nicht übernachten.

Er sitzt in dem schönen, alten Rathaus und blickt auf den Marktplatz. Von oben sieht man die Sonnenschirme der Cafés. Er erzählt vom Kartoffelfest, vom Weinfest und vom Stadtfest. Er erzählt, dass die Menschen gerne hier leben und die Stadt Zuzug hat.

"Letztendlich ist Delmenhorst aber keine Stadt, in der man einen langen Urlaub plant", sagt er. Aber wer weiß: Manchmal müsse man im Leben auch Glück haben. Vielleicht kommt auf einmal ein Investor mit einer verrückten Idee, die Touristen nach Delmenhorst bringt. Platz gäbe es – "und willkommen wäre der auch". Wie langweilig kann eine Stadt sein, die offen für verrückte Ideen ist?

dpa


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