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Tourismus

Reise zum Ich - Urlaub für Sinnsucher

Es gibt Reisen, da ist das Ziel nicht so wichtig. Da geht es um Erlebnisse, die nichts mit Meerblick oder Sightseeing zu tun haben. Reisen ins Ich: Erholung für die Seele im Kloster beispielsweise oder anderswo beim Meditieren.
Zurück zu den Quellen - im Urlaub kann Sinnsuche genauso wichtig sein wie Naturerlebnisse. Klaus-Peter Kappest

Zurück zu den Quellen - im Urlaub kann Sinnsuche genauso wichtig sein wie Naturerlebnisse. Klaus-Peter Kappest

© Klaus-Peter Kappest

Damme/Bremen. Die einen wollen im Urlaub braun werden, die anderen Golf spielen. Und manche suchen spirituelle Erfahrungen. Das klingt esoterisch, ist aber gar nichts Neues. "Die klassische Pilgerreise ist vielleicht die älteste Form des Tourismus überhaupt", sagt Prof. Rainer Hartmann, der an der Hochschule Bremen Tourismusmanagement lehrt. Schließlich zog es schon im Mittelalter Tausende zu den heiligen Stätten des Christentums, nach Santiago de Compostela, nach Rom oder Jerusalem. "So etwas gab es sogar schon in der griechischen Antike."

Heute stehen bei spirituellen Reisen aber meistens keine so eindeutig religiösen Motive im Vordergrund. Das Bedürfnis nach Spiritualität sei eine Gegenbewegung zu ganz weltlichen Entwicklungen: "Beschleunigung, Globalisierung, Kommerzialisierung", zählt Hartmann auf. Gleichzeitig ist im Urlaub manchmal Zeit für Dinge, die im Alltag kaum eine Rolle spielen: "Jeder Dritte schaut sich im Urlaub einen spirituellen Ort an", sagt Prof. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. "Jeder zehnte Deutsche geht beispielsweise in eine Flughafenkapelle oder eine Autobahnkirche."

Und manchen reicht das eben noch nicht. Dann muss man nicht gleich ins Kloster gehen - kann das aber. Klöster stellen sich mit zum Teil umfangreichen Angeboten auf Gäste ein. Auch das

Kloster St. Benedikt in Damme im Oldenburger Münsterland empfängt regelmäßig Gäste, nicht nur katholische. In vielen Klöstern sei zu beobachten, dass eine steigende Zahl von Gästen nicht konfessionell gebunden sei, erklärt Prior Stephan Veith. Selbst wer der Amtskirche den Rücken gekehrt hat, erwarte offenbar, dass

Klöster Orte mit einer gewissen Spiritualität sind.

 

Viele der Gäste in Damme wünschen sich Kontakt zu den Benediktinern. "Die Mehrzahl hat ein echtes spirituelles Interesse", sagt Bruder Stephan. Es gibt die Möglichkeit, am Gottesdienst mit den Mönchen oder am Stundengebet teilzunehmen - oder auch zu Gesprächen, nicht nur über religiöse Themen. Und es gibt ein umfangreiches

Programm, für das Bruder Stephan verantwortlich ist: Dazu gehören Angebote wie "Aikido als Meditation", "Yoga und christliche Spiritualität", meditative Tanzabende und Zen-Einführungskurse.

 

Im Urlaub abzuschalten, eine Gegenwelt zu erleben, sei insgesamt wichtiger geworden, sagt Prof. Reinhardt. "Früher sagte man dazu, man will die Seele baumeln lassen. Das ist schon etwas, was die Leute stark suchen." Das sieht Prof. Susanne Leder ähnlich: Der Verlust vertrauter Strukturen, wachsende Komplexität und mediale Übersättigung seien die Gründe dafür, dass heute mehr Menschen

Spiritualität suchen. "Wir versacken im Alltag", erklärt Leder, die an der Hochschule Meschede Tourismusmanagement unterrichtet.

 

"Für manchen ist es schon eine spirituelle Erfahrung, wenn er sich in eine Kirche in die Bank setzt", sagt Prof. Leder. "Auch sakrale Konzerte können eine große Wirkung haben." Und auch Naturerfahrungen haben dieses Potenzial: "Jeder, der mal am Grand Canyon gestanden und runtergeschaut hat, hat auch diese Erfahrung gemacht."

Spirituelle Bedürfnisse mal schnell im Kurzurlaub befriedigen - geht das? Abzulehnen sei das nicht, sagt Bruder Stephan. "Der heilige Benedikt spricht vom rechten Maß. Ich will einerseits touristisch etwas erleben, aber andererseits auch meiner Seele etwas Gutes tun. Wenn das nicht aufgesetzt ist, halte ich das für gut." Und nutzt die Tourismusbranche das vielleicht nicht einfach nur aus, ohne es ernst zu meinen? Auch da ist der Prior aus Damme gelassen: "Es darf nur kein Etikettenschwindel sein."

dpa


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