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Ernährung

"Man könnte einen Weinberg hacken" - Weinbau wird digitaler

Von wegen: Im Weinbau wird noch alles per Hand gemacht. Die Weinwelt ist digitaler als mancher Laie denkt. Das birgt aber auch Gefahren - zum Beispiel Angriffe von Hackern.
Landet wirklich nur so viel Spritzmittel an den Reben wie benötigt? Das möchten Winzer Richard Grünewald und Studierende der Hochschule Worms mithilfe einer App herausfinden.

Landet wirklich nur so viel Spritzmittel an den Reben wie benötigt? Das möchten Winzer Richard Grünewald und Studierende der Hochschule Worms mithilfe einer App herausfinden.

© Uwe Anspach

Worms. Nach Hightech sieht es hier nicht aus: Ein Weinberg erstrahlt im herbstlichen Sonnenlicht, die Blätter an den Reben leuchten gelb und rot. Natur pur, mag man meinen. Doch hinter der Weinberg-Idylle im rheinland-pfälzischen Worms versteckt sich eine große Portion Entwicklergeist.

Winzer Richard Grünewald rattert mit seinem Traktor an den Rebstöcken entlang. Am Ende seines Gefährts befindet sich eine Vorrichtung für Spritzmittel, von zwei Seiten werden die Rebstöcke damit besprüht. Eine alljährliche Arbeit im Weinberg, die sich deutlich optimieren und nachhaltiger gestalten lässt.

Das ist das Ziel von Grünewald, der zusammen mit Studenten der Hochschule Worms eine

Spritzmittel-App entwickelt. Sie soll kontrollieren, dass wirklich nur das Spritzmittel an den Reben landet, das benötigt wird, und überflüssiges recyceln. "Ich habe kein kommerzielles Interesse, es geht mir darum, ökologisch sinnvoll zu arbeiten", sagt Grünewald.

Und so funktioniert's: Drei Sensoren am Traktor messen, wie viel Spritzmittel verwendet wird. Mithilfe von Geodaten wird zusätzlich ermittelt, ob das Mittel auf der Weinbergsfläche gleichmäßig verteilt wird, erklärt der zuständige Professor Bernd Ruhland von der Hochschule Worms. Die App zeige dem Winzer auf seinem Traktor an, wie viel er aktuell verwendet. An einer Steuereinheit könne er dann nachregulieren.

"Zurzeit haben wir ein mechanisches Problem: Es bildet sich zu viel Schaum und die Sensormessung wird beeinträchtigt", sagt Ruhland. Im kommenden Frühjahr, wenn Grünewald wieder Spritzmittel einsetzen muss, soll die App in einem weiteren Feldversuch getestet werden.

Grünewald sieht eine große Chance im sogenannten "Precision Farming" - der computergestützten Bewirtschaftung, die die Bedingungen vor Ort beachtet. "Der Trend geht zu immer größeren Winzerbetrieben. Die Dokumentation des Anbaus von Hand zu erstellen, wäre irre. Das muss automatisiert werden", sagt er. Auch könnten Wetterdaten mit Hilfe digitaler Technik besser erfasst werden, um Prognosen für den Pilzbefall der Reben zu geben.

Das birgt auch Gefahren: "Theoretisch könnte man einen Weinberg hacken", sagt Grünewald. Winzer verrieten ihre Geheimnisse beim Anbau und somit ihre Daten nur recht ungern. Deshalb gibt es in dem Bereich große Bedenken.

Die hessische

Hochschule Geisenheim, bundesweit renommierte Forschungsstätte für den Weinbau, hat die neuesten Entwicklungen besonders im Blick. Viele digitale Möglichkeiten seien noch gar nicht reif für die Praxis, erklärt der Institutsleiter für allgemeinen und ökologischen Weinbau, Manfred Stoll.

Beispielsweise werde daran gearbeitet, mit Sensoren am Traktor den Gehalt von Stickstoff und Chlorophyll in den Blättern zu messen. So könne man Schlüsse auf die späteren Gehalte des Mostes für Verarbeitung im Weinkeller ziehen.

Bereits jetzt werden bei rund zwei Drittel der Weinlese Maschinen eingesetzt. Hier stecke noch jede Menge Entwicklungspotenzial, sagt Stoll. "Es ist nicht zwangsläufig so, dass der Winzer dadurch bessere Weine produziert, aber seine Entscheidungen sind besser begründet und die Arbeit optimiert."

Der Online-Weinhandel "

Geile Weine" steht für den Trend hin zur digitalen Vermarktung des Produkts. Das Start-up aus Mainz will mit moderner Optik und verständlichen Erklärungen zu Weinen eine junge Zielgruppe ansprechen. Michael Reinfrank ist dort als gelernter Winzer und Co-Gründer für die Produktpalette verantwortlich.

Digitale Entwicklungen würden auch immer Schwierigkeiten mit sich bringen, sagt er. "Der Winzer darf nicht nur an seinem Rechner sitzen oder auf eine App schauen, sonst geht das Gefühl für Produktqualität verloren", erklärt Reinfrank. "Was bringen Analyseergebnisse, wenn der Geschmack nicht stimmt." Und schmecken könne man nun einmal nur mit der Zunge.

dpa


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