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Kristall und Sideboards: Die 60er Jahre erleben ein Comeback

Fällt den Designern und Herstellern denn nichts Neues mehr ein? Jahr für Jahr nehmen sich die Kreativen der Wohnbranche ein anderes Jahrzehnt vor und entleihen das Design für ihre neuen Möbel und Dekorationen. Jetzt sind die frühen 60er dran. Doch warum?
Einrichtungen, wie sie in der Vergangenheit schon einmal in den Häusern zu sehen waren: Viele Hersteller wagen gerade die Rolle rückwärts, so auch Core One ApS.

Einrichtungen, wie sie in der Vergangenheit schon einmal in den Häusern zu sehen waren: Viele Hersteller wagen gerade die Rolle rückwärts, so auch Core One ApS.

© Core One ApS

Frankfurt/Main. Die Einrichtungsbranche macht die Rolle rückwärts: Dekorationen und Möbel im Stil der 60er Jahre liegen im Trend. Das zeigte sich deutlich auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt am Main.

Die Wohnexpertin Katharina Semling sieht etwa Cocktailsessel und grafische Muster verstärkt im Kommen - "aber mit etwas italienischem und französischem Einfluss, was das Ganze etwas schicker macht".

Viele Hersteller bauen ganze Themenwelten in dem Stil auf - man betritt mit dem Raum eine andere Zeit. Es finden sich zwischen epochentypischen warmen Mokka- und Orangetönen zum Beispiel filigrane Tischchen, Sofas mit schmalen Beinen und farbenfrohe Teppiche mit grafischen Mustern.

Während sich die Kreativteams der Hersteller vor einigen Jahren schon mal an dem Jahrzehnt bedienten und Hippie-Themen, das Folkloristische, Freigeistige und Freizügige aufgriffen, werden derzeit eher "die Gewinner des Wirtschaftswunders in einer Neuauflage zum Leben" erweckt, erklärt Susanne Knacke, Sprecherin des Unternehmens Kare, die Rückbesinnung. "Dunkle, edle Hölzer treffen auf glänzendes Messing und zeugen vom neuen Wohlstand der Nachkriegsgeneration." 

Sogar bis in die Küche und dort bis zu den Kochutensilien zieht sich dieser Trend. "Wir merken einen Hang zur Nostalgie, das ist ein großes Thema", bestätigt Hermann Hutter vom Bundesverband für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur (GPK). Back- und Kochutensilien gebe es derzeit häufig in den für die ersten Wohlstandsjahrzehnte typischen Farben Orange und Braun sowie im verspielten Rosa und Hellblau. Gläser und Schalen, die an Omas erstes Kristall in der Nachkriegszeit erinnern, sind wieder häufiger zu finden. Auch Emaille-Becher kommen wieder, genauso wie Waagen und Küchenuhren im Retro-Look.

Doch warum gibt es überhaupt diese Rückgriffe auf bereits bekannte Stilelemente? Können sich die Designer nichts Neues mehr ausdenken? Doch, aber Rückgriffe sprechen die Käufer an, sagen Konsumexperten. "Nostalgie ist heute und in Zukunft deshalb so beliebt, weil sie große Sicherheit gibt", erklärte Ursula Geismann, Trendexpertin des Verbands der Deutschen Möbelindustrie, anlässlich der Kölner Möbelmesse IMM Cologne im Januar. Auch hier war der Trend auszumachen. "Die Entwürfe geben uns Halt und vor allem Zeitbezug. Das genau in einer Zeit, in der sich alles und jeder ständig selbst überholt, in der die Beschleunigung des Alltags zu nerven beginnt", deutet es Geismann.

Sie machte für 2016 vor allem das Mid-Century als Trendepoche aus, also Einrichtungen, deren Vorbilder in die Zeit zwischen 1940 und 1960 zurückgehen. Möbel des Mid-Century-Designs sprechen die Kunden aber auch noch auf eine wirtschaftliche Weise an: Die Möbel stehen für handwerkliche Qualität, erklärt Henrik Sig Kristensen, Sales Manager des Möbelunternehmens Core One.

Gerade die 60er treffen für Knacke in der aktuellen Zeit einen Nerv: "Die erwachsenen Kinder und Enkel der Wirtschaftswunderzeit sehnen sich zurück in eine heilere Welt ohne Krisen und mit Analog-Telefon in Grün auf dem Sideboard", so die Kare-Sprecherin. "Es ist die Sehnsucht nach einer aufgeräumten, klar strukturierten Welt, in der ein Hauch von Spießigkeit Sicherheit vermittelt."

Was bei den Kunden gut ankommt, bewegt natürlich Unternehmen, die alte Designklassiker in ihrem Repertoire haben, diese auch wieder aus der Mottenkisten hervorzuholen - schon seit einigen Jahren eine beliebte Marketing-Aktion, und der Trend ist ungebrochen. Die Firma e15 kündigte zum Beispiel nun an, Jahrzehnte nach ihrer Erstproduktion erstmals wieder Möbel des Designers Ferdinand Kramer aus der Zeit zwischen 1925 und 1959 aufzulegen. Und auch Walter Knoll brachte zum 150. Firmenjubiläum seine Klassiker wieder auf den Markt, darunter auch den Sessel 375 aus dem Jahr 1957. Beschrieben wird er passenderweise vom Unternehmen so: "Symbol für den Aufschwung der Zeit und den neuen Rückzug ins Private."

dpa


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