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Jeder ist Designer: Möbelunternehmen setzen auf Open Design

Junge Designer wollen ihren Möbelkäufern alle Optionen geben: Statt ihnen ein komplett fertiges Produkt zu liefern, geben sie ihnen eher Gestaltungsideen oder Setzkästen. Der Verbraucher baut sich daraus das für ihn perfekte Möbel oder Wohnaccessoire zusammen.
Die Aufhängung macht das individuelle Produkt aus: Das System Hank von llot llov macht Spiegel zum Hingucker.

Die Aufhängung macht das individuelle Produkt aus: Das System Hank von llot llov macht Spiegel zum Hingucker.

© llot llov/Ender Suenni

Berlin. Es tut sich was in der Möbelindustrie: Eine neue Generation von Produzenten macht den Konsumenten zum Co-Designer und verändert so die Einrichtungsbranche grundlegend.

Ein Beispiel ist das Design-Kollektiv llot llov aus Berlin. Es bietet neben teuren Editionen für Galerien auch Produkte ab 50 Euro an. Doch es sind keine fertigen Produkte im herkömmlichen Sinne, sondern eher Lösungsvorschläge für neue Gestaltungsideen.

Es geht llot llov-Mitgründer Jacob Brinck um die Interaktion. "Jeder Nutzer kann aus unseren Objekten sein eigenes gestalten." Dazu gehören das System Hank, mit dem man Spiegel aufhängen kann, oder das Produkt Hold, das an der Wand angebracht einfach nur eine Glühbirne hält. Je nachdem, wie man das Grundgerüst an die Wand anbringt, entsteht daraus sogar ein künstlerisches Lichtobjekt. "Wir sehen uns nicht als Designer, sondern als Objektforscher, weil wir versuchen, neue Typologien zu erfinden", erklärt Brinck.

Ebenfalls selbst ran muss der Käufer bei Luca Nichettos Hänge-Leuchte Alphabeta für das Designlabel Hem. "Meine Inspiration war das Alphabet. Ich wollte ein System entwickeln, bei dem sich verschiedene Lampenschirme miteinander kombinieren lassen", erklärt der Designer. Die Kollektion besteht aus Leuchtkörpern in unterschiedlichen Formen und Farben. Mit Hilfe eines Online-Konfigurators kann der Konsument daraus über zehn Milliarden Kombinationen erstellen. Folglich hat praktisch nicht mehr der Designer, sondern der Käufer die Endversion der Leuchte gestaltet.

Das Netz ist einer der wichtigsten Treiber des Selbstgestaltens. Internetnutzer sind es gewohnt, Inhalte in Eigenregie über Blogs oder Social Media zu erstellen. Viele Programmierer arbeiten nach dem Open-Source-Prinzip - sie veröffentlichen den Quellcode ihrer Software, damit jeder an dem Produkt mitarbeiten kann. Auf ähnliche Weise beziehen junge Designfirmen den Nutzer in die Gestaltung von Produkten mit ein. Das verändert die Branche. "Wir haben einen großen Plan für die Möbelindustrie: Wir wollen sie digitalisieren und damit revolutionieren", heißt es etwa auf der Seite des Unternehmens Tylko.

Ähnlich wie Hem arbeitet auch Tylko mit namhaften Designern, darunter Ives Béhar. Sein Tisch Hub besteht aus frei kombinierbaren Elementen. Es gibt Tischbeine aus Kugeln, Zylindern oder in konventioneller Form. Maße, Farben und Materialien sind ebenso frei wählbar. Jede Art von Tisch - etwa Konferenz-, Ess-, Schreib-, Küchentisch - lässt sich auf diese Weise gestalten.

Die Konfiguration des fertigen Produkts erfolgt per App. Zudem kann der Nutzer via Handy oder Tablet das Möbel in ein Bild seines Zimmers projizieren und so nachvollziehen, ob es gut in das Ambiente passt. "Jetzt kann jeder herumbasteln und an Details, Form und Farbe feilen, bis das ideale Möbelstück für Zuhause entsteht", erklärt Béhar. "Das ist eine ganz neue Art des Designs." Diese Einbeziehung des Konsumenten in Gestaltung lässt sich auf alle Arten von Wohnprodukten ausweiten. Das Unternehmen Cubit hat neben einem Stauraumsystem ein komplettes Programm mit Polstermöbeln entwickelt. Dessen Elemente lassen sich wie beim Tisch von Ives Béhar oder der Leuchte von Luca Nichetto in nahezu unendlicher Vielfalt kombinieren.

"Wenn wir unser Zuhause einrichten, verbringen wir viel Zeit damit, gut designte, zeitlose Möbelstücke zu finden, die wir uns dann wahrscheinlich nicht leisten können", sagt der Architekt Mikolaj Molenda, Mitgründer von Tylko. Optionen im mittleren Marktsegment der Möbelindustrie gab es dafür lange kaum. Hier setzen die Firmen an.

Zu ihrem Konzept gehört auch, dass die Mitmach-Möbel nicht mehr in aufwendig inszenierten Showrooms in teuren Innenstadtlagen verkauft werden. Der Vertrieb erfolgt komplett über das Netz. Die Produktion basiert auf moderner Maschinentechnik und ist automatisiert. Die Hersteller können also günstiger arbeiten und dies an die Konsumenten weitergeben. Somit ist Design nicht mehr Statussymbol für einige wenige, sondern bereits ab 50 Euro zu haben.

dpa


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