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Flachmann vom Golfplatz - Vier Jahrzehnte VW Scirocco

Da irren sich viele: Nicht der VW Golf hat den Käfer beerbt. Sondern streng genommen war es der Scirocco, mit dem in Wolfsburg die Ära des luftgekühlten Heckmotors zu Ende ging.
Vollmundiges Versprechen: Der Tacho im VW Scirocco TS reicht bis 220 km/h - eine nette Übertreibung.

Vollmundiges Versprechen: Der Tacho im VW Scirocco TS reicht bis 220 km/h - eine nette Übertreibung.

© Thomas Geiger

Wolfsburg. Wir schreiben das Ende der 1960er Jahre: Der VW Käfer läuft und läuft zwar noch, aber in Wolfsburg stehen die Zeichen auf Wandel. Der VW-Vorstand hat erkannt, dass es bessere Antriebstechnologien gibt als den luftgekühlten Heckmotor. Der Plan: Den Antrieb nach vorne verlegen, von einer Boxer- auf eine Reihenkonstruktion und von Luft- auf Wasserkühlung umstellen, und dazu von Giorgio Giugiaro ein zeitgemäßes Bleichkleid schneidern lassen - so wird gerne die Geburtsstunde des VW Golf beschrieben. Doch historisch korrekt ist das nicht, gibt VW-Sammler Jürgen Kolle aus Braunschweig zu bedenken. Denn streng genommen nahm ein anderes Modell die technische Revolution vorweg: der Scirocco.

Im Frühjahr 1974 hatte VW auf dem Genfer Salon den Scirocco enthüllt - ein paar Wochen vor dem Golf. Und weil das nach einem heißen Wind aus der afrikanischen Wüste benannte Auto die gleiche Basis nutzte, waren die wichtigsten technischen Neuerungen damit bereits publik.

Der Scirocco sollte Lust und Leidenschaft in die VW-Modellpalette bringen und das Geschäft in den leistungshungrigen USA beflügeln, berichtet die Historikerin Claudia Böhler in einer Dokumentation für das Unternehmensarchiv. Vor allem sollte er den legendären Karmann Ghia beerben. Und so wie der Volkssportwagen aus Osnabrück vom Käfer abgeleitet wurde, wurde sein Nachfolger vom Erben des Käfers abgeleitet: 1971 schlug der Ausschuss für Produktplanung dem Programmausschuss vor, "ein Coupé im A-Bereich auf Basis EA 337" in Zusammenarbeit mit dem auch für die Kompaktlimousine verantwortlichen Designer Giugiaro und dem Produzenten Karmann zu entwickeln.

Am Ende war der Scirocco dann nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Fabrik etwas schneller als der Golf: "Während der Scirocco bereits ab April 1974 produziert wurde, liefen die Bänder für den Golf erst im Sommer an", berichtet Kolle.

Allerdings liefen sie nicht ganz so lange. Denn während der Golf wie einst der Käfer 'läuft und läuft', hat der Scirocco eine sehr wechselvolle Geschichte: Die bis 1981 gebaute erste Generation kann man mit 504 000 Exemplaren vielleicht noch als Erfolg verbuchen. Doch schon die zweite Auflage war statt des heißen Wüstenwinds nur noch ein laues Lüftchen und brachte es bis 1992 auf gerade mal 291 497 Einheiten. Jahrelang herrschte Flaute. 2008 kam dann der Scirocco III auf den Markt, der aber auch nie so richtig durchstartete.

Dass die Idee vom Golf-Coupé durchaus reizvoll sein kann, wird klar, wenn man in einem der frühen Fahrzeuge Platz nimmt - wie in jenem mit Erstzulassung 2. Juli 1976 aus der VW-Sammlung. Die Lackierung dieses einst 13 895 D-Mark teuren Scirocco TS in "Nepalorange" aus der Farbpalette der Pril-Blumen ist ziemlich ausgefallen, das gilt auch für die heute endlos spießig wirkenden Karos auf den Sportsitzen.

Nach einer kleinen Drehung des dünnen Zündschlüssels schnurrt der Vierzylinder unter der flachen Motorhaube los. Dann schließt sich eine Hand fester um das spindeldürre Lenkrad, während die andere mit dem fragilen Schaltknüppel den ersten der vier Gänge sucht und der Blick auf die Skalen unter den spitzzulaufenden Glaskegeln im Cockpit gerichtet ist: Der rote Bereich des Drehzahlmessers beginnt erst bei über 6000 Touren, und der Tacho verspricht stolze 220 Sachen.

Eine nette Übertreibung: Selbst der sportliche Scirocco TS mit seinen zwischenzeitlich bis zu 63 kW/85 PS erreicht nicht mehr als 175 km/h - aber auch das testet man heute besser nicht mehr aus. Zwar liegt das nur 3,85 Meter lange und schön flache Auto stabil auf der Straße. Aber gut erhaltene Exemplare sind selten.

Allein schon deshalb hätte der Scirocco allemal das Zeug zum begehrten Klassiker. Doch als vergleichsweise angepasstes Allerweltsauto erlangte er nie den Kultstatus eines Opel Manta oder Ford Capri. Wer sich zum Revival der 70er berufen fühlt, kommt auf dem Gebrauchtwagenmarkt mit deutlich unter 10 000 Euro recht weit.

dpa


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