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Verkehr

Vom Handspiegel zum Hightech - Geschichte des Rückspiegels

Vor 100 Jahren bauten die ersten Hersteller dem Auto einen Rückspiegel ein. Die Idee ist allerdings noch ein paar Jahre älter und dürfte auf das einstige "Fastest Girl on Earth" zurückgehen - die britische Rennfahrerin Dorothy Levitt.
Rückspiegel mit integriertem Monitor: Neben dem herkömmlichen Spiegelbild zeigt Nissans sogenannter Smart Mirror auf Wunsch ein Kamerabild an.

Rückspiegel mit integriertem Monitor: Neben dem herkömmlichen Spiegelbild zeigt Nissans sogenannter Smart Mirror auf Wunsch ein Kamerabild an.

© Nissan

Berlin. Die Dame hielt im Auto ihren Schminkspiegel nach oben und warf einen Blick hinein. Dann tat sie etwas Ungewöhnliches: Sie nahm nicht ihr Antlitz in Augenschein, um den Lippenstift nachzuziehen. Nein, sie drehte den Spiegel ein wenig und wollte sehen, ob da jemand hinter ihr unterwegs ist. Dorothy Levitt, 1882 in London geboren, ist in der Automobilgeschichte eine besondere Person. Sie schrieb mit "The Woman and the Car: A Chatty Little Handbook for the Edwardian Motoriste" in einem von Männern dominierten Umfeld ein sehr frühes Handbuch zum Autofahren. Zudem gilt sie als eine der ersten Rennfahrerinnen und eben als Ideengeberin für den Rückspiegel.

"Frauen sollten an geeignetem Platz im Auto einen kleinen Handspiegel mitführen" und "ihn von Zeit zu Zeit hoch nehmen, um während der Fahrt im Verkehr nach hinten zu blicken", notierte Levitt in der 1909 erstmals erschienenen Publikation. Es sollte aber noch ein paar Jahre dauern, bis ihre Idee in der Industrie ankam.

Im Jahr 1914 montierten erste Fahrzeughersteller Rückspiegel an Alltagsautos. Zuvor hatte der Rennfahrer Ray Harroun für das allererste 500-Meilen-Rennen von Indianapolis 1911 eigenhändig einen Rückspiegel angebracht. Das Unikat fand mittig Platz auf dem Cockpit seines Rennwagens Marmon Wasp, mit dem Harroun das Rennen gewann.

Bis der Rückspiegel im Automobilbau eine Selbstverständlichkeit wurde, dauerte es weitere Jahre. Zum Beispiel das bekannte und bis 1927 gefertigte Model T von Ford bekam recht früh einen. In den 1930er und 40er Jahren setzte sich der Rückspiegel - ob als Innen- oder Außenspiegel - dann zusehends als Standardausstattung durch.

Heute sind die Gehäuse der Spiegel mit Technik vollgestopft. Außenspiegel lassen sich beheizen, für das Rückwärtsrangieren absenken und zum Parken anklappen. Sie warnen per Leuchtsignal vor Verkehr im Toten Winkel und haben teils eine Umfeldbeleuchtung eingebaut, zählt Arnulf Thiemel vom ADAC Technik Zentrum die Funktionen auf. "Der Innenspiegel wird zur Navigationsanzeige oder als Monitor für die Rückfahrkamera genutzt. Und im Spiegelfuß werden Kameras für die Verkehrszeichenerkennung, den Notbremsassistenten oder die Spurverlassenswarnung untergebracht." Dazu kommen Lichtsensoren für Fernlichtassistenten oder Sensoren, die beschlagene Scheiben erkennen und die Lüftung aktivieren.

Nissan entwickelte jüngst einen "digitalen Rückspiegel" mit LCD-Monitor. Neben dem herkömmlichen Spiegelbild kann sich der Fahrer das Bild einer Kamera am Autoheck anzeigen lassen.

Rund ein Jahrhundert nach ersten Ideen zu einem Rückspiegel zeichnet sich auch ein Wandel bei den Außenspiegeln ab. Das in Kleinserie produzierte Spritsparmobil XL1 von VW verzichtet zugunsten von Kameras auf Außenspiegel, um für bessere Verbrauchswerte eine möglichste gute Aerodynamik zu erreichen. Der Batterieautohersteller Tesla zeigte 2012 vom Model X eine Studie ohne Außenspiegel, ebenso Porsche im gleichen Jahr mit dem Konzeptauto Panamera Sport Turismo, nachdem bereits 2010 bei der Porsche-Studie 918 Spyder die Spiegel fehlten. "Das Thema ist technisch beherrschbar und überhaupt kein Problem", sagt Porsche-Sprecher Hermann-Josef Stappen. "Nur die Gesetzgebung hängt der technischen Realität hinterher."

Nach der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung ist es laut dem ADAC-Rechtsexperten Markus Schäpe zwar schon seit 2005 möglich, als "Einrichtungen für die indirekte Sicht" Spiegel durch Kamera-Monitor-Systeme zu ersetzen. Doch die Autohersteller orientieren sich an internationalem Recht, um die Autos in möglichst vielen Ländern verkaufen zu können. "Es war eine langwierige Geschichte und hat einige Jahre gedauert", sagt VW-Sprecher Michael Franke über den Prozess, für den sogenannten E-Mirror des XL1 eine Zulassung in den Zielmärkten zu erlangen. "Die maßgebliche ECE-Norm R 46 schreibt eigentlich Außenspiegel für Pkw zwingend vor." Kamerasysteme statt Spiegeln sind demnach bislang nur für manche Lkw erlaubt.

dpa


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