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Verkehr

Kuscheln hinterm Lenkrad - Autositz wird zum Wellness-Möbel

Heizen, kühlen und kneten waren gestern - mit immer aufwendigerer Elektronik rüsten die Zulieferer die Autositze von morgen zu Wellnessmöbeln.
Trend bei Autositzen: Auch die Bezüge werden individuell gestaltet.

Trend bei Autositzen: Auch die Bezüge werden individuell gestaltet.

© Johnson Controls

Detroit. Erst ein langer Flug, dann zwei zähe Besprechungen und jetzt auch noch Stunden im Stau - bei so einem Tagespensum kann jeder weitere Kilometer zur Qual werden. Höchste Zeit für ein bisschen Wellness - oder für ein Auto wie den Kia Telluride.

Denn auf den Einzelsesseln im Fond des luxuriösen SUV erfassen sogenannte Smart Sensors Vitaldaten wie Herzrhythmus und Pulsschlag der Insassen. Auf dieser Basis starten sie ein Entspannungsprogramm bis hin zu einer belebenden Beleuchtung aus einem im Dachhimmel integrierten LED-System.

Bislang gibt es den großen Kia nur als Einzelstück. Doch die Branche arbeitet mit Hochdruck an einer neuen Sitz-Generation, die das Wohlbefinden an Bord steigern. Schon jetzt bieten Luxusautos wie die Mercedes S-Klasse statt einer konventionellen Sitzklimatisierung auf Knopfdruck eine Hot-Stone-Massage. Aber noch müssen die Passagiere diese selbst aktivieren und entsprechend einstellen. Doch bald könnte die Elektronik besser wissen, wann es Zeit für etwas Wellness im Wagen ist. "Der Sitz wird sozusagen zum Partner des Fahrers für Komfort und Gesundheit", sagt Detlef Jürss, der beim Zulieferer Johnson Controls die entsprechende Sparte leitet.

Dafür hat zum Beispiel der Zulieferer Faurecia aus Stadthagen gemeinsam mit der NASA und der Ohio State University das Active Wellness-Sitzsystem entwickelt. Mit integrierten Sensoren ermittelt es dem Hersteller zufolge die Herzfrequenz und den Atemrhythmus. Passend zum jeweiligen Zustand des Nutzers startet es ein speziell angepasstes Massageprogramm und leitet frische Luft durch das Sitz-Belüftungssystem, was ermüdete Fahrer wieder in Form bringt oder gestresste Fahrer entspannt. Dabei erfasst die Elektronik auch die Daten von Fitness-Trackern oder Sportuhren und berücksichtigt so die Aktivitäten vor der Abfahrt, erläutert Forschungschef Robert Huber. Wer gerade vom Joggen kommt, erfährt deshalb eine andere Sitzbehandlung als ein Autofahrer, der den ganzen Tag am Schreibtisch verbracht hat.

"Denn der Gesundheitsgedanke wird in Zukunft im Auto eine immer wichtigere Rolle spielen", sagt Andreas Wolf, der beim Zulieferer Continental den Geschäftsbereich Body & Security leitet und ebenfalls auf dynamische Massagen und ein individuell abgestimmtes Wohlfühlprogramm setzt. Die technischen Voraussetzungen dafür sind bereits geschaffen, erläutert Wolf: So ließen sich die Zellen der im Sitzpolster eingearbeiteten Massagematte für eine anregende Druckbehandlung unabhängig voneinander sehr schnell gezielt be- und entlüften.

Das Auto werde zunehmend weniger als ein Fahrzeug, sondern als ein Raum wahrgenommen, in dem wir leben und arbeiten, hat Andreas Maashoff von Johnson Controls beobachtet. "Ganz ähnlich wie im Wohnzimmer oder dem Büro haben die Menschen das Bedürfnis, sich hier wohlzufühlen. Deshalb wollen sie dieses mobile Heim und umso mehr die Sitze dann auch entsprechend gestalten."

Nach Angaben eines Opel-Entwicklers sind Autositze mittlerweile mit die teuersten Einzelbauteile im Innenraum und stehen auch wegen ihres Gewichts und ihres Platzbedarfs im Fokus. So meldet Renault, dass im frisch eingeführten Flaggschiff Talisman eine neue Konstruktion bis zu drei Zentimeter mehr Beinfreiheit für die Hinterbänkler bringt.

Und Johnson Controls reklamiert für die letzten zehn Jahre eine Gewichtsersparnis von 20 bis 30 Prozent, sagt Detlef Jürss. "Noch 2010 wog eine Vordersitzstruktur 14 Kilogramm, 2015 sind wir bereits bei rund 10 Kilogramm."

dpa


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