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Schulen

Weniger Sitzenbleiber in Hessen: "Ehrenrunde" umstritten

Wenn Hessens Schüler am Freitag ihre Zeugnisse bekommen und in die Sommerferien starten, dürften einige von ihnen weniger Grund zum Jubeln haben. Auch in diesem Jahr heißt es für manche Kinder und Jugendliche: "Ehrenrunde" drehen.
Ein Schüler meldet sich während des Unterrichts.

Ein Schüler meldet sich während des Unterrichts.

© Frank Rumpenhorst/Archiv

Frankfurt/Main. Die Zahl der Sitzenbleiber sinkt allerdings seit mehreren Jahren. Die Debatte darüber, ob diese Praxis sinnvoll ist, bleibt.

"Wir sind der Auffassung, dass Schule so ausgestattet sein sollte, dass sie alle Kinder mitnehmen kann", sagte der hessische Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Jochen Nagel. Die Schulen sollten mehr mit Förderung und weniger mit Auslese arbeiten können. Dafür fehlten aber oft die Ressourcen. Nur in Einzelfällen, etwa nach einer langen Krankheit, könne es ratsam sein, eine Klasse zu wiederholen. Generell findet Nagel: "Sitzenbleiben zeigt das Versagen des Systems."

Dagegen sieht Kultusminister Alexander Lorz (CDU) das Sitzenbleiben nicht als Problem. "Es kommt darauf an, was man pädagogisch daraus macht", sagte er. Die Nichtversetzung sei ein letztes Mittel, wenn Fördermaßnahmen während des Schuljahrs nicht gefruchtet hätten. "Denen, die eine Ehrenrunde drehen, würde ich sagen: Nehmt das als zusätzliche Chance!", sagte Lorz. Es gebe viele Prominente, die eine Ehrenrunde gedreht hätten und erfolgreich geworden seien. Lehrer sollten die Schüler motivieren: "Wenn Du diese Chance annimmst, kommst Du wieder in die Spur und schaffst Deinen Abschluss!"

Sitzenbleiben könne durchaus sinnvoll sein, meint auch Knud Dittmann, der Vorsitzende des hessischen Philologenverbandes, der Gymnasiallehrer vertritt. Der Erfolg einer "Ehrenrunde" sei zwar unterschiedlich. Aber es gebe immer wieder Schüler, die sich dadurch sehr erfolgreich entwickelten. "Die Alternative wäre, junge Leute durchzuschleppen, obwohl sie den Anschluss verloren haben und dann nicht den Abschluss schaffen."

Im Schuljahr 2014/15 wiederholten rund 13 000 Kinder und Jugendliche eine Klasse - vor zehn Jahren hatten nach Angaben des Statistischen Landesamtes noch 21 600 eine "Ehrenrunde" gedreht. Spitzen gibt es demnach häufig in den Jahrgangsstufen vor den Abschlüssen oder in der Klasse 11. Zahlen von diesem Jahr liegen noch nicht vor.

Für die Versetzung in die nächste Klasse heißt es in der Regel: vier gewinnt. Wer in allen Fächern mindestens die Note "ausreichend" erhält, kommt weiter. Sieht es schlechter aus, kann unter Umständen die "Ehrenrunde" folgen.

Das sollte allerdings nur das letzte Mittel sein, wenn zuvor alle Fördermaßnahmen gescheitert sind, wie Edith Krippner-Grimme betonte, die Landesvorsitzende des Lehrerverbandes Hessen. Zudem müsse es Lücken in gleich mehreren Fächern geben - einzelne Schwächen könnten auch während des normalen Unterrichtsbetriebes angegangen werden. Wenn alles nichts helfe, berge das Sitzenbleiben "die Chance, den Stoff, den ein Schüler momentan nicht kann, anzugleichen und gestärkt diese Fächer wieder anzugehen". Nachteil sei natürlich, dass dadurch ein Jahr verloren gehe.

Krippner-Grimme nennt eine Mischung aus mehreren Faktoren als Grund für die sinkende Zahl der Sitzenbleiber: mehr individuelle Förderung an den Schulen, den anhaltenden Trend, Kinder zu privaten Nachhilfe-Instituten zu schicken sowie "Ostercamps" des Landes, in denen Schüler mit schlechten Halbjahreszeugnissen Stoff aufarbeiten können. Auch Knud Dittmann vom Philologenverband sieht im Ausbau von Fördermöglichkeiten an den Schulen einen Grund für die Entwicklung - und warnte davor, Mittel zu streichen. Unter Kürzungen des Landes bei der Lehrerzuweisung für die gymnasiale Oberstufe etwa könne auch das Förderangebot leiden.

dpa


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