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"Tag der Trauer" der hessischen Jesiden

"Unsere Brüder im Irak sterben"

Die Jesiden in Deutschland sind in Sorge. Ihre Glaubensbrüder im Nordirak berichten über Massenentführunrungen, Vergewaltigungen und tausende Leichen.
Die hessischen Jesiden tragen Trauer. Im Nordirak droht ihren Glaubensgeschwistern ein Völkermord.

Die hessischen Jesiden tragen Trauer. Im Nordirak droht ihren Glaubensgeschwistern ein Völkermord.

© Thomas Strothjohann

Lollar. "Wir wollen eine Kerze für jeden Jesiden entzünden, der gestorben ist - aber ich fürchte, dass es so viele Kerzen im Umkreis nicht zu kaufen gibt“, sagt Irfan Ortak. Irfan ist der stellvertretende Vorsitzende der jesidischen Gemeinde Hessen. Er steht in einer kargen, flachen Halle und spricht in ein knackendes Mikrofon. Vor Irfan sitzen rund 120 Jesiden in Schwarz und eine Reihe von Vertretern verschiedener christlicher Gemeinden sowie aus Politik und Gesellschaft.

Kontakt zu den Flüchtlingen ist schwer zu halten

Ortak steht mit Jeziden im Krisengebiet in Kontakt so gut es geht. Seitdem die Jesiden am vorvergangenen Samstag aus Mosul, Arbil und Lalish ins Sindschar Gebirge geflohen sind, hatten sie kaum Möglichkeiten ihre Handys aufzuladen. Deshalb sei vergangene Woche kaum Kontakt möglich gewesen. Erst als die Amerikaner Solarladegeräte aus der Luft abwarfen, hätten sie wieder etwas von ihren Glaubensbrüdern gehört. Seitdem lässt Ortak sich immer gleich drei weitere Telefonnummern durchgeben, wenn er einen Flüchtling erreicht hat - wer weiß, ob der Gesprächspartner morgen noch erreichbar und überhaupt am Leben ist?

„Das erste, was die Menschen am Telefon sagen ist ‚helft uns‘. Der zweite Satz ist ‚wir können nicht mehr‘ und anschließend erzählen sie von gestorbenen Kindern und den Toten, die auf der Straße verwesen“, sagt der Politikwissenschaftler Ortak, der auch Vorsitzender der „Christlich-Jesidischen Gesellschaft für Zusammenarbeit in Forschung und Wissenschaft“ ist. So schrecklich die Nachrichten sind - in seiner Rede vor den anderen Jesiden appelliert er, sich nicht provozieren zu lassen: „Wenn wir hier auf die Straße gehen und Unruhe stiften, sind wir nicht besser, als die Islamisten“, sagt er und fordert friedlichen Protest.

Hessische Jesiden fordern Deutsche Unterstützung

Am Dienstag war Irfan mit einer Delegation bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel in Berlin, ihn über die Situation der Jesiden im Nordirak zu informieren. Seitdem ist die Bundesregierung zu der Auffassung gekommen, dass den Jesiden in der Region ein Völkermord droht. Helfen will sie, indem sie den Kurden, die im Nordirak gegen die Islamisten kämpft, Rüstungsgüter zur Verfügung stellt, aber keine Waffen.

Den Jesiden in Lollar ist das nicht genug. Ortak und seine Delegation haben sofortige humanitäre Hilfe und die Einrichtung einer Schutzzone für die Jesiden durch die internationale Staatengemeinschaft gefordert. Seine Nichte geht noch weiter: „Wir flehen die Regierung an, dass jemand die Jesiden da rausholt. Rettet sie!“, sagt Sarah Ortak, während sie eine Kerze entzündet und zu den anderen stellt. Neben ihr steht Bese Naser Jundi Jundi. Der alten Frau steht die Sorge ins Gesicht geschrieben. Ein Großteil ihrer Familie lebt im Krisengebiet und ist auf der Flucht. Von ihrer Schwester hat sie seit zwei Tagen nichts gehört.

Was sind Jesiden?

Das Jesidentum ist die Ursprungsreligion der Kurden, inzwischen sind die Jesiden eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich muslimischen Kurden. Der Glaubensgemeinschaft gehören weltweit 500 000 bis 800 000 Menschen an. Sie leben vor allem im Nordirak, im Iran, in der Türkei und in Syrien. Nach Angaben des Zentralrats der Jesiden in Deutschland leben bundesweit bis zu 60 000 Jesiden, vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.
Warum IS Jesiden verfolgt
Traditionell glauben die Jesiden an einen Gott (monotheistische Religion) und verehren sieben Engel. Der wichtigste ist Malak Taus, der durch einen Pfau symbolisiert wird. Dieser wird im Christentum und im Islam als „gefallener Engel“ oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Deshalb sagen Muslime oft, Jesiden seien Teufelsanbeter. Den Jesiden zufolge bestand der Engel mit seinem Verhalten aber eine Prüfung.
Keine heilige Schrift
Das Jesidentum hat keine verbindliche religiöse Schrift wie Bibel oder Koran. Die Religion beruht auf mündlicher Überlieferung. Sie ist etwa 2000 Jahre älter als das Christentum. Als Jeside wird man geboren; es gibt keine Möglichkeit, zum Jesidentum zu konvertieren. Entsprechend gibt es auch keine jesidischen Missionare. Allerdings hat es Berichten zufolge jesidische Ehrenmorde gegeben, weil Jesiden Nicht-Jesiden heirateten.

von Thomas Strothjohann


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