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Prozesse

Ehemaliger KZ-Wachmann kommt vor Gericht: Beihilfe zum Mord

Mehr als sieben Jahrzehnte nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs wird ein früherer SS-Wachmann des KZ Auschwitz mit seiner Vergangenheit. Bald steht der heute 93-Jährige aus Hessen in Hanau vor Gericht - wegen Beihilfe zum Mord.

Hanau. Einem ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Auschwitz wird in Hanau mehr als 70 Jahre nach Kriegsende der Prozess gemacht. Der heute 93-jährige Ernst T. soll laut Anklage an der Tötungsmaschinerie der Nazis während des Zweiten Weltkriegs beteiligt gewesen sein. Der Tatvorwurf lautet Beihilfe zum Mord, wie das Landgericht Hanau am Freitag mitteilte.

Die Anklage ist zugelassen, der Beschuldigte laut Gericht für etwa vier Stunden pro Tag verhandlungsfähig und das Hauptverfahren nun eröffnet. Ab dem 13. April soll der Prozess voraussichtlich beginnen. Nach Auffassung des Gerichts besteht hinreichender Tatverdacht, dass der frühere SS-Mann an den Nazi-Verbrechen im KZ involviert war. Konkret geht es in der Anklage um drei Transporte mit deportierten Personen und mindestens 1075 Menschen getötete Menschen. Laut Anklage war er als damals 19 und 20 Jahre alter Mann acht Monate vom 1. November 1942 bis 25. Juni 1943 in dem Lager im damals besetzten Polen beschäftigt.

Nach einer früheren Mitteilung der Staatsanwaltschaft Frankfurt zur Anklage-Erhebung hatte sich Ernst T. Anfang 1942 in Ungarn freiwillig zum Dienst in der SS gemeldet. Zunächst war er im Rang eines SS-Schützen tätig, später als SS-Sturmmann.

Das Verfahren beruht auf Vorermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Diese hatten im Februar 2014 zu Wohnungsdurchsuchungen ehemaliger SS-Angehöriger geführt, darunter war auch die Wohnung von Ernst T. im Raum Hanau.

Die Anklage stützt sich im Wesentlichen auf Dokumente wie Dienstpläne, Transport- und Lagerlisten. Als Wachmann habe er bei der Ankunft von Transporten Dienst getan und sei daher in die industriell organisierte Massenvernichtung organisatorisch eingebunden gewesen.

Anklage erhoben hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt. Verhandelt wird in Hanau vor der Zweiten Großen Strafkammer unter Vorsitz von Präsidentin Susanne Wetzel als Jugendkammer. Diese Kammer ist zuständig, weil der Angeklagte zum Tatzeitraum noch keine 21 Jahre alt war. Bisher sind drei Angehörige von in Auschwitz Getöteten als Nebenkläger für den Prozess zugelassen worden.

In jüngster Zeit waren bereits hochbetagte NS-Kriegsverbrecher für schuldig erklärt worden, weil sie ihren Teil zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie beitrugen. Zuletzt hatte im Juli 2015 das Landgericht Lüneburg den Ex-SS-Mann Oskar Gröning (94) wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen im KZ Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Am 11. Februar beginnt in Detmold ein Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Verbrecher. Einem 94-jährigen, ehemaligen SS-Wachmann wird vorgeworfen, im KZ Auschwitz zwischen 1943 und 1944 geholfen zu haben, mindestens 170 000 Menschen zu töten. Neben dem Detmolder Fall sind weitere Auschwitz-Mitarbeiter in Kiel und Neubrandenburg angeklagt.

dpa


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