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Gesellschaft

"Bufdi" trotz Rente - "Man kommt sich nicht so verloren vor"

Fernsehtechniker Peter Gmell wollte trotz seines stressigen Berufslebens noch nichts vom Ruhestand wissen. Der 66-Jährige steht immer noch früh auf und arbeitet als "Bufdi" in einer Tagesstätte für psychisch kranke Menschen in Frankfurt am Main.
Bufdi Peter Gmell (66) in der Tagesstätte.

Bufdi Peter Gmell (66) in der Tagesstätte.

© F. Rumpenhorst/Archiv

Frankfurt/Main. "Ich wollte nicht so abrupt aufhören und mal was ganz anderes machen", sagt der Rentner. Hans-Jürgen Enders hat nach rund 20 Jahren als Flugingenieur im Frachtverkehr aus gesundheitlichen Gründen umgesattelt: Er entschied sich für eine Ausbildung als Betreuungskraft und arbeitet seither in einem Pflegeheim - zunächst ehrenamtlich und jetzt mit 56 Jahren im Bundesfreiwilligendienst.

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ist seit Juli 2011 der Nachfolger des abgeschafften Zivildienstes. Doch längst nicht alle "Bufdis" oder "BFDler" sind jünger als 27 Jahre. Fast jeder zwölfte ist nach Darstellung des Bundesfamilienministeriums älter als 61 Jahre. Von den in Deutschland 48 996 Menschen im BFD (Februar) arbeiten 2099 in Hessen. 21 von ihnen haben wie Gmell ihren 65. Geburtstag schon hinter sich. Und 125 Frauen und Männer sind wie Enders zwischen 51 und 65 Jahre alt.

Enders hat in verschiedenen Cargo-Maschinen "viel von der Welt gesehen und meinen Erfahrungshorizont erweitern können". Als es gesundheitlich nicht mehr ging, musste er sich etwas Neues suchen. "Ich hatte schon immer eine soziale Ader", begründet er seine Entscheidung. Dazu gehört auch, dass er zu seiner demenzkranken Mutter zog und sie einige Jahre lang pflegte. In dem Frankfurter Pflegeheim betreut er jetzt 39 Stunden in der Woche alte Menschen.

Dazu gehört Small-Talk, "ein bisschen wie der gute Nachbar", sagt Enders. Er hilft zudem Rollstuhlfahrern sich innerhalb des Hauses zu bewegen und bietet zu festen Zeiten Programm an: Er spielt mit den Heimbewohnern Karten und liest ihnen regelmäßig vor. "Ich versuche Bücher aus der Zeit heraus zu fischen, mit denen die Leute etwas anfangen können." Unter dem Motto "Frankfurt aktuell" berichtet er freitags, was in der Woche in der Stadt und der Umgebung passiert ist. Neuerdings schreibt der leidenschaftliche Leser und Hobbyschriftsteller zusammen mit drei älteren Frauen sogar einen Roman. "Er spielt in einem Pflegeheim."

Für Gmells Chefin Gisela Hefft kam der 66-Jährige wie gerufen: "Es hatte gerade ein FSJler (Freies Soziales Jahr) gekündigt, weil er einen Studienplatz hatte", berichtet die Leiterin der Tagesstätte. Gmell machte auf Anhieb einen so guten Eindruck, dass das Sozialwerk Main Taunus seinen Job als Bufdi gleich auf die maximale Zeit von 18 Monaten verlängerte. "Er kommt sehr gut an", sagt Hefft. Seine ruhige, entspannte Art schätzten die Menschen in der Tagesstätte sehr. Den Umgang mit psychisch Kranken hatte sich Gmell anfangs schwieriger vorgestellt. "Man merkt den Unterschied gar nicht." Den Umgang mit verschiedenen Menschen war der Fernsehtechniker im Service jahrzehntelang gewöhnt.

Gmell kommt 25 Stunden pro Woche in die Tagesstätte. Er bereitet das Frühstück für täglich rund 25 Menschen vor, räumt mit ihnen anschließend gemeinsam ab und holt in riesigen Boxen das warme Mittagessen aus einer Großküche ab. Gegen 13 Uhr ist Schluss. Gmell mag seinen Job: "Es könnte nicht besser sein."

Für ihre Arbeit erhalten Bufdis ein Taschengeld von bis zu 357 Euro im Monat. Manche Einrichtung stellt zusätzlich auch Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung. "Das Geld ist aber für mich nicht ausschlaggebend", sagt Gmell. Er freut sich über eine Aufgabe, zumal seine Lebensgefährtin noch voll im Berufsleben steht. "Man kommt sich nicht so verloren vor und das Gefühl, gebraucht zu werden, ist auch schön", sagt er. "Was soll ich denn den ganzen Tag daheim machen?"

Enders, der das Leben mit Hartz IV kennt, sieht das ähnlich: "Das ist keine Sache des Geldes. Es macht mir so viel Spaß, und ich kriege von den Bewohnern so viel zurück", sagt er mit leuchtenden Augen. "Bufdi ist eine tolle Sache. Ich kann das auch jungen Leuten nur ans Herz legen, gerade wenn sie noch nicht so genau wissen, was sie machen wollen."

dpa


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