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Weiße Rosen für eine Frau, die zu mutig war

Marwa el-Scherbini Weiße Rosen für eine Frau, die zu mutig war

Dies sind die letzten Worte, die Marwa el-Scherbini in Deutschland gehört hat: „Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein? Sie haben hier nichts zu suchen. Wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss. Ich habe NPD gewählt.“

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Trauerfeier für die ermodete Marwa in Dresden.

Quelle: Sebastian Willnow/ddp

Dann ist Marwa el-Scherbini vor den Augen ihres Mannes, ihres dreijährigen Sohnes, eines Richters, eines Staatsanwalts, eines Saals voller Menschen ermordet worden. Innerhalb von 32 Sekunden, mit 18 Messerstichen.

Dies ist das Leben, das Marwa el-Scherbini in Deutschland geführt hat: Vor vier Jahren kam die Ägypterin mit ihrem Mann nach Dresden. Der Pharmakologe forschte am Max-Planck-Institut. Marwa kümmerte sich um den kleinen Sohn, der bald geboren wurde. Manchmal half die studierte Pharmazeutin in einer Dresdener Apotheke aus. In drei Monaten wollte die Familie nach Ägypten zurückkehren. Die junge Frau war wieder schwanger. Das Kind ist mit ihr gestorben.

Am Sonnabend haben mehr als tausend Menschen der getöteten Muslima gedacht. Christen, Muslime, Juden, sind am Nachmittag mit weißen Rosen zur Goldenen Pforte des Dresdener Rathauses gekommen. „Unsere geliebte Schwester Marwa ist eine Märtyrerin, denn sie starb für ihre Religion (Islam)“, steht auf einem Transparent, das ein jordanischer Student hält. „Ich kann nicht verstehen, dass ein Mensch aus einem anderen Kulturkreis einfach ausgelöscht wird“, sagt eine Rentnerin. „Marwa hat ihren Mut mit ihrem Leben bezahlt“, sagt die Vertreterin einer Opferberatungsstelle.

Die 31-jährige Marwa el-Scherbini hat ein Kopftuch getragen, in der Öffentlichkeit, ganz selbstverständlich. Es gehörte für sie zum Ausdruck ihrer Religion dazu. Auch in Deutschland, auch in einer Stadt wie Dresden, wo Kopftuchträgerinnen zwar nicht gerade das Straßenbild dominieren, wo aber Menschen aus jeder Ecke der Welt ständig und zu Tausenden als Touristen zu Gast sind. In einem Bundesland, an dessen Hochschulen 10.000 ausländische Studenten immatrikuliert sind.

Die meisten haben sich an dem Kopftuch nicht gestört. Manche haben es bestimmt getan. Aber nur einer hat seinen ganzen Hass auf seine Trägerin gerichtet. Aus lächerlichem Anlass: weil die Mutter ihn bat, die Schaukel auf einem Spielplatz für ihren kleinen Sohn freizugeben. Als „Schlampe“, „Terroristin“ und „Islamisten“ hat Alex W., ein 28-jähriger Russlanddeutscher, der 2003 nach Deutschland kam, die Ägypterin da beschimpft.

Hätte sie es ignorieren sollen? Sich umdrehen, weggehen, klein beigeben? Marwa el-Scherbini war nicht so. Deshalb hat sie das getan, was ein Mensch in einem Rechtsstaat in solchen Momenten tun kann: Sie hat den Rüpel wegen Beleidigung angezeigt. Auch das eine Selbstverständlichkeit.
Doch für beides, was in der Theorie so selbstverständlich scheint, den Ausdruck der eigenen Religiosität wie das Eintreten für sich selbst, braucht es im Alltag Mut. Diesen Mut hat Alex H. aus Perm in Russland der Frau aus Ägypten nicht verziehen. Warum er so voll Hass war, ob er vielleicht selbst bei einem mutmaßlichen Einsatz im Tschetschenien-Krieg traumatisiert worden ist, das alles ist noch nicht geklärt.

Es ist auch noch nicht geklärt, wie es passieren konnte, dass Alex W. in einem Raum voller Menschen die Chance hatte, Marwan el-Scherbini zu töten und auch ihren Mann zu verletzen, bevor Wachleute eingriffen – und ein Polizist auf den Ehemann statt auf den Angreifer schoss. Und keine Erkenntnis gibt es bislang, ob Alex W. ein fanatischer Einzelgänger ist oder ob er in rechtsextremistischen Kreisen zu Hause war.

Auch deshalb ist die öffentliche Trauerfeier mit den weißen Rosen mehr als „ein wichtiges Zeichen an die Familie und in die ganze Welt“, wie es Sebastian Vogel, der Vorsitzende des Dresdener Ausländerrates, sagt. Er hat zusammen mit ägyptischen Studenten der TU Dresden, der Stadt und anderen Organisationen zu der Zeremonie aufgerufen. SPD-Chef Franz Müntefering ist gekommen, Landes- und Kommunalpolitiker, der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, und Ägyptens Botschafter Ramsi Ess Eldin Ramsi.

Der Botschafter versucht, gegen das Misstrauen anzureden. Marwa el-Scherbini sei ein Opfer von blindem Hass und Fanatismus geworden, die ihre Quelle in der Ignoranz hätten. Er spricht von einer „verbrecherischen Einzeltat, die nicht die Wirklichkeit der deutschen Gesellschaft zum Ausdruck bringe. „Diese Gesellschaft ist weltoffen, offen für andere Kulturen, Nationalitäten und Glaubensrichtungen.“ Andere, wie Franz Müntefering, sind direkter: „Wir müssen dafür sorgen, dass Rechtsextreme und Rassisten verboten werden und keine Chance mehr haben, sich in Parteien zu organisieren“, fordert der SPD-Vorsitzende. Neben deutschen Medien sind auch TV-Sender aus der arabischen Welt vor Ort.

Die Bundesregierung hatte erst mit erheblicher Verzögerung auf den Tod reagiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenministerin Frank-Walter Steinmeier (SPD) kondolierten erst eine Woche nach der Tat – und erst, als der Zorn der ägyptischen Öffentlichkeit unüberhörbar geworden war. In ihrer Heimatstadt Alexandria, wo die Tote bestattet wurde und eine Straße künftig ihren Namen tragen soll, wurde der Trauerzug zum Protestmarsch gegen Deutschland.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad steht allerdings mit seiner Forderung, der UN-Sicherheitsrat müsse gegen Berlin Sanktionen verhängen, ziemlich alleine da. Er warf dem Westen am Sonntag Doppelzüngigkeit vor: „Da kommen ein paar Leute in Teheran auf die Straßen und verbrennen öffentliches Eigentum, und schon reden alle von Menschenrechtsverletzungen, wenn die Polizei eingreift. Aber wenn eine unschuldige Frau in einem Gerichtssaal zerstückelt wird, regt sich niemand auf.“

von Sven Heitkamp
 und Susanne Iden

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Dresden
Botschaft Teheran Marwa El Sherbiny Hakenkreuz Davidsstern Dresden

Mit einer öffentlichen Trauerfeier haben am Samstag vor dem Dresdner Rathaus mehrere Hundert Menschen der in der vergangenen Woche im Dresdner Landgericht getöteten Ägypterin Marwa El Sherbiny gedacht.

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