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Senior Gauland besänftigt eine erschöpfte Partei

AfD-Parteitag Senior Gauland besänftigt eine erschöpfte Partei

Die AfD reibt sich bei der Suche nach einer neuen Bundesspitze in Flügelkämpfen fast auf. Gauland kann mit seiner Wahl zum Co-Vorsitzenden die Situation gerade noch entschärfen. Doch die schwelenden Konflikte dürften die AfD bald wieder einholen.

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Alexander Gauland (links) ist das bekannteste Gesicht der Partei. Der Fraktionschef ist nun auch Co-Vorsitzender.

Quelle: AP

Hannover. In der AfD spielen Tiermotive auf Krawatten eine große Rolle. Partei-Senior Alexander Gauland hat die Hundekrawatte zu seinem Markenzeichen gemacht. Doch am Sonnabend in Hannover stand zunächst ein anderes Tier auf dem Herrenbinder im Mittelpunkt: Berlins AfD-Landeschef Georg Pazderski trug kleine hellblaue Löwen auf seiner dunklen Krawatte.

In der Stichwaal brechen die ganzen Gegensätze der AfD auf

Der 66-jährige Ex-Offizier, der als vergleichsweise gemäßigt gilt, hatte gehofft, sich gegen seine innerparteilichen Widersacher von der extremen Parteirechten durchzusetzen. Doch Pazderski scheiterte krachend. Der extrem rechte „Flügel“ hatte die schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein ins Spiel gebracht.

Sie schien chancenlos, doch sie traf in ihrer Rede den richtigen Ton: Mit Sätzen wie „Ich möchte nicht in dieser Gesellschaft ankommen, denn in dieser Gesellschaft werden wir ausgegrenzt“, erntet die Adlige stehende Ovationen. Sie spricht von „Identität“ und wendet sich dagegen, dass „Vereine vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil sie eine besondere Heimatliebe an den Tag legen“ - eine kaum verschlüsselte Hinwendung zur „Identitären Bewegung“. Ausschlaggebend war aber ein kurzer Verweis auf Russland: Der frühere NATO-Offizier Pazderski verteidigte die Westbindung, sie warb für den Ausgleich mit dem großen Nachbarn im Osten.

Pazderski schäumte vor Enttäuschung

Zwei Mal gab es ein Patt zwischen Sayn-Wittgenstein und Pazderski. Der stürmte wütend auf Gauland zu: „Ihr habt mich fallen lassen“, warf er dem Altmeister an den Kopf. Denn eigentlich hätte es hinter den Kulissen einen Deal gegeben: Der amtierende Parteichef Jörg Meuthen und Pazderski sollten die neue Doppelspitze bilden, Gauland sollte Vize werden, die extreme Rechte sicherte sich zudem Unterstützung bei weiteren Posten in der zweiten Reihe. Doch nicht alle hielten sich daran. „Wir machen keine Deals“, sagte Torben Braga, Sprecher des Thüringer Landeschefs Björn Höcke. Und auch Höcke-Freund André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt zeigte sich unzufrieden von den Hinterzimmer-Runden mit Meuthen, Pazderski und Gauland.

Meuthen machte keine Anstalten die Partei, zu einen

Meuthen galt ohnehin als gesetzt, er wurde von den knapp 600 Delegierten mit soliden 72 Prozent wiedergewählt. Aber dennoch hatte er sich nicht getraut, in einer Kampfkandidatur gegen Pazderski anzutreten. Seine Bewerbungsrede war auffällig defensiv. Meuthen war aus dem baden-württembergischen Landtag ins Europa-Parlament gewechselt, was Irritationen auslöste. „Ich behalte kein Doppelmandat“, sagte er und: „Ich fliehe nicht nach Brüssel, weil die Fraktion in Stuttgart nicht funktioniert“. Er bekommt 72 Prozent und Ovationen. Meuthen hat seine eigene Haut gerettet, aber kein Signal ausgesendet, die zerstrittenen Parteigliederungen zu einen.

Das muss dann Gauland tun, der liebend gern in der zweiten Reihe der Parteiführung geblieben wäre, schließlich ist er Fraktionsvorsitzender und bleibt es auch. „Wollen Sie antreten?“, fragt ihn ein Delegierter nach dem Patt-Desaster. „Von wollen ist keine Rede mehr“, gibt Gauland zurück. In seiner Rede versucht er, alle zu integrieren: Pegida genau so wie das Parlament. „Es hat keinen Zweck, irgendeine Wurzel abzuschneiden“, sagt er. Und die NATO-Mitgliedschaft sei genauso wichtig wie der Ausgleich mit Russland. Knapp 68 Prozent der Delegierten stimmen für Gauland, der Applaus ist müde. Die Partei hat sich selbst erschöpft.

Von Jan Sternberg/RND

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