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Krisenfragen

Fragen und Antworten zur Griechenland-Krise

Noch wird um einen Kompromiss gerungen, doch ein Austritt Griechenlands aus dem Euroraum ist kein Tabu mehr. Wie könnte das in der Praxis überhaupt aussehen?
Dieses Foto wurde bei einer Solidaritätsbekundung auf dem Marktplatz in Marburg aufgenommen. Foto: Nadine Weigel

Dieses Foto wurde bei einer Solidaritätsbekundung auf dem Marktplatz in Marburg aufgenommen.

© Archivfoto: Nadine Weigel

Frankfurt. Sollte es bis Sonntag keine Aussicht auf Einigung im Schuldenstreit mit Athen geben, könnte es zum „Grexit“ kommen. Die Gefahr hat seit dem deutlichen Nein der Griechen bei der Volksabstimmung am vergangenen Sonntag zugenommen.

Muss Griechenland im Falle einer Pleite aus dem Euroraum austreten?

Nein. In den EU-Verträgen ist der Austritt eines Landes aus dem gemeinsamen Währungsraum mit seinen derzeit 19 Mitgliedstaaten nicht vorgesehen. Die Europäische Währungsunion ist eigentlich auf ewig angelegt. Doch die Kassen des griechischen Staates sind im Grunde leer, ohne frische Hilfsmilliarden kommt das Land nach einhelliger Einschätzung von Ökonomen nicht wieder auf die Beine. Bis zum EU-Sondergipfel am Sonntag geben die Geldgeber der Regierung von Alexis Tsipras noch Zeit, zustimmungsfähige Reformvorschläge als Voraussetzung für neue Hilfen vorzulegen. Gibt es dann keine Einigung, muss eine Notlösung her.

Wie könnte es dann weiter­gehen?

Griechenland könnte auch im Fall einer offiziell festgestellten Staatspleite zunächst Euroland bleiben. Wie lange, dafür gibt es keine Regeln. Allerdings wäre das Land gezwungen, Geld in einer eigenen Währung ausgeben. Wenn Athen die Euros ausgehen, könnte die Regierung einen Teil der Staatsausgaben über eine Parallelwährung finanzieren. Der griechische Staat könnte seinen Angestellten und Rentnern einen Teil ihrer Bezüge in Schuldscheinen auszahlen. Werden solche Papiere im Laden um die Ecke als Zahlungsmittel akzeptiert, könnte das zumindest vorübergehend funktionieren.

Ist eine Parallelwährung eine Dauerlösung?

Lange dürfte die Wirtschaft des Landes das nicht durchhalten: Denn die Europäische Zentralbank (EZB) wäre spätestens im Fall einer offiziell festgestellten Staatspleite gezwungen, ihre Nothilfen (Ela) an griechische Banken einzustellen. Damit wäre das griechische Bankensystem pleite und das Land vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Neue griechische Schuldscheine könnten rasch an Wert verlieren, Athen müsste dann immer mehr solcher Papiere drucken. Der wirtschaftliche Verfall Griechenlands würde sich verschärfen. Der Chef der französischen Notenbank, Christian Noyer, der im EZB-Rat über Ela-Hilfen mitentscheidet, warnte gestern im französischen Radiosender
Europe 1: Die griechische Wirtschaft stehe am Rande einer Katastrophe. Falls bis Sonntag keine Einigung gelinge, könnte die Ökonomie des Landes kollabieren, sagte Noyer.

Ist es dann nicht besser, Griechenland führt die Drachme wieder ein?

Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die heimische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten. Heimische Produkte
würden stärker nachgefragt, Importe teurer werden. Da die neue Drachme wohl rasch abwerten würde, käme es vermutlich schon nach ein, zwei Jahren wieder zu einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung, weil weniger Importware gekauft und der Tourismus belebt würde, schätzt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Wie schnell könnte die Drachme wieder eingeführt werden?

Das dürfte Monate dauern – allein deshalb, weil die neuen Scheine erst gedruckt und in Umlauf gebracht werden müssten. „Die Staatengemeinschaft sollte den schwierigen Umstellungsprozess mit großzügigen Übergangshilfen abfedern, die für humanitäre Hilfen an die Ärmsten zweckgebunden sind“, schrieb Ifo-Präsident Sinn Anfang dieser Woche. „Ferner sollte sie Griechenland die Möglichkeit eröffnen, zu einem späteren Zeitpunkt gestärkt und zu einem anderen Wechselkurs in den Euro zurückzukehren.“

Wie könnte ein „Grexit“ konkret ablaufen?

Für einen „Grexit“ gibt es keine Regeln. Um dies einigermaßen geordnet über die Bühne zu bekommen, bräuchte es eine Vereinbarung zwischen Athen und den Europartnern. Allerdings wäre dies zugleich das Eingeständnis, dass das politische Projekt der europäischen Integration bei seinem schwächsten Glied gescheitert ist. Selbst bei einem Austritt aus dem Euro bliebe Griechenland höchstwahrscheinlich in der Europäischen Union. Großzügige Hilfen der 27 anderen EU-Länder wären notwendig, um soziale Lasten abzufedern. Ein Grundproblem Griechenlands bliebe: Einen Großteil der Auslandsschulden müsste das Land nach wie vor in Euro zurückzahlen.

Was würde ein „Grexit“ kosten?

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet vor: Im Falle eines Euro-Austritts Griechenlands wären etwa 350 Milliarden Euro in Gefahr, wenn auch nicht auf einen Schlag: „Richtig ist, dass Griechenland den anderen Euro-Ländern direkt oder indirekt sehr viel Geld schuldet.“ Größter Gläubiger ist der Euro-Rettungsfonds EFSF mit 130,9 Milliarden Euro. Die direkten bilateralen Kredite der anderen Euroländer summieren sich auf 52,9 Milliarden Euro. Dazu kommen Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Verbindlichkeiten gegenüber der EZB. Wie hoch die Verluste für die Euroländer tatsächlich wären, hinge davon ab, ob Athen im Laufe der Zeit nicht doch zumindest einen Teil der Schulden tilgen würde, schreibt Krämer: Hierüber dürfte es nach einem „Grexit“ Verhandlungen geben, vielleicht kommt es dann zu der von der griechischen Regierung immer wieder geforderten „Schuldenkonferenz“.

Um wie viel Geld der deutschen Steuerzahler geht es?

Das Risiko Deutschlands beläuft sich schätzungsweise auf etwa 80 Milliarden bis 90 Milliarden Euro. Deutschlands Staatskasse würde nicht sofort belastet: Die meisten Kredite sind erst ab dem Jahr 2020 fällig.

Wären deutsche Banken betroffen?

Die direkten Gefahren wären gering. Ende 2014 hatten die Institute nach Berechnungen der Bundesbank in Griechenland noch 2,4 Milliarden Euro verliehen. Staatsanleihen des Landes halten sie seit dem Schuldenschnitt vom Frühjahr 2012 kaum noch. Damals mussten die Banken auf rund die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Seitdem fuhren sie ihre Investitionen in griechische Staatstitel systematisch zurück.

von Jörn Bender

Die Krisenfrage
Wenn Sie eine Frage zur Griechenland-Krise haben, die wir oben noch nicht beantwortet haben, können Sie diese per E-mail an nachrichten@op-marburg.de senden. Wir versuchen dann, diese so gut wie möglich zu beantworten.

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