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Weicheifreie-Zone auf dem Rugby-Platz

OP-Serie: Abenteuer Sport Weicheifreie-Zone auf dem Rugby-Platz

"Klar können Sie mittrainieren. Sie brauchen nur reißfeste Kleidung." OP- Redakteurin Marie Lisa Schulz ging mit vielen Vorurteilen, großem Respekt und einer Portion Angst zum Training der Rugby Union Marburg.

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OP-Redakteurin Marie Lisa SChulz wird von den Marburger Rugby-Damen getacklet.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Tackle einfach die Dicke um.“ In diesem einen Satz sind drei Wörter, die mich bei meinem ersten Training mit der Damenmannschaft der Rugby-Union Marburg gewaltig stören. Tackeln? Wie genau geht das, bitte? Einfach? Was bitte soll an diesem Sport einfach sein? Und der Ausdruck „die Dicke“ - mit Verlaub, meine Damen, ein bisschen mehr Respekt, bitte!

Mein irritierter Blick verrät meine Gedanken. „Die Dicke“, klärt mich Trainerin Simone Naruhn auf, ist ein schwerer Sack, mit dem das korrekte „Umrempeln“ des Gegeners geübt werden soll. Tacklen eben.

"Entschuldigung" gehört nicht auf den Platz

90 Minuten Training, drei Tage Muskelkater und ein winzig kleiner blauer Fleck, auf den ich gehörig stolz bin - das ist meine Abschlussbilanz nach einer Trainingseinheit bei den Rugbyfrauen. Doch bevor ich meine Wunden stolz präsentieren kann heißt es sprinten, rangeln, schieben, fangen, werfen, tacklen - und ganz nebenbei die gute Erziehung vergessen. Das Wort „Entschuldigung“ muss ich für die Dauer des Trainings ersatzlos aus meinem Wortschatz streichen - und spätestens ab diesem Zeitpunkt fängt mir dieser Sport an Spaß zu machen. Zumindest kurzzeitig. Denn schon fünf Minuten später stehe ich japsend am Spielfeldrand. Mein Herz rast, meine Lunge brennt.

„Das ist eine lauf- und kontaktintensive Sportart, die auch viel Taktik enthält,“ erklärt Simone Naruhn. 23 junge Frauen sind bei der Rugby Union Marburg gemeldet. Studentinnen, Angestellte, Frauen in leitenden Positionen. Sie alle eint eines: Der Spaß an der Bewegung und der gemeinsame Kampf gegen die Vorurteile: „Rugby ist ein Sport für Mannsweiber“ - dieses Klischee kann Simone Naruhn einfach nicht mehr ignorieren. Selbst wenn sie wollte. „Mannsweiber“, sagt sie lachend, seien keine im Team. Einfach nur ganz normale Frauen. Große, kleine, schlanke und stämmige. „Bei uns gibt es keinen Zickenkrieg. Wir sind ein Team. Und manchmal sind Männer auch zimperlicher als Frauen“, weiß Naruhn.

Anfänger und Profis im selben Training

Das Training bereitet die 29-Jährige immer akribisch vor. Spielzüge werden einstudiert, die Koordination und Kondition aufgebaut, das Zusammenspiel des Teams verbessert. Auch ein kurzes Trainingsspiel darf nicht fehlen. Ohne Körperkontakt versteht sich. Aus Rücksicht auf mich, die Neue in der Mannschaft.

„Anfänger trainieren hier zusammen mit Profis. Es ist toll zu sehen, wie schnell die meisten erste Fortschritte erzielen“, erklärt Simone Naruhn. Zu den Profis gehört auch Rugby-Spielerin Jenny Naruhn. Die 27-Jährige ist Sportsoldatin, finanziert sich ihr Studium durch Rugby. „Manchmal ist es schwer, Anfänger und Profis gleichermaßen glücklich zu machen“, bekennt Trainerin Naruhn. 80 Prozent ihrer Freizeit investiert sie in den Sport. Rugby gehört mittlerweile zu ihrem Leben. „Ich kriege hier zwei Sachen geboten. Sport und nette Menschen. Das ist schön, wenn man ohnehin wenig Zeit hat.“

Und auch auf dem Platz verliert die zierliche Trainerin ihren Zeitplan nicht aus dem Auge. Hopp - umziehen. Hopp - warm machen. Hopp - Wurf-, Spring- , und Laufübungen. Dann werden Spielzüge geübt. Spektakuläre. Damit ich nicht nur müde, sondern auch schwer beeindruckt aus dem Training gehe. Der Einwurf beispielsweise. „Wir bilden eine Gasse“, erklärt Naruhn. Und ehe ich mich versehe packen mich zwei der Spielerinnen an den Oberschenkeln. Ach, was. Bleiben wir bei der Wahrheit. Sie packen mir beherzt an den Hintern. „Strack machen und den Ball fangen“, lautet noch die Anweisung, die sie mir zubrüllen, bevor sie mich über ihre Köpfe in die Luft hieven. Ich mache mich strack, fange den Ball und stehe mir nichts, dir nichts wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Orientierungslos renne ich über das Spielfeld meiner Mannschaft hinterher. Mir wollen die einfachsten Regeln nicht einleuchten: Mit dem Ball nach vorne rennen ist erlaubt, den Ball nach vorn passen verboten. Ich bin verwirrt, überfordert, erschöpft. Dieser Sport ist nichts für Zimperliesen.

Gerade als ich mich bemitleiden will, finde ich mich in einem Zweikampf wieder. Und wieder kommen die verbotenen Worte aus meinem Mund. „Hab ich dir weh getan? Verzeihung!“ Meine Mitspielerinnen gucken mich strafend an: „Fürs erste Training ganz okay, aber das mit dem Entschuldigen musst du lassen“, nuschelt eine durch ihren Mundschutz. „Entschuldige, dass ich immer Entschuldigung sage“, japse ich und gehe mich umziehen. Nicht ohne vorher zu fragen: „Entschuldigung Trainerin, darf ich wiederkommen?“

Hintergrund:

  •  Eine Rugbymannschaft besteht aus 15 Spielern. Es wird 2x40 Minuten gespielt. Die Spielgemeinschaft Marburg/Gießen ist in der 1. Rugby-Bundesliga Nord vertreten
  •  Es gibt die Variation mit 7 Spielern (7er-Rugby), hierbei wird 2x7 Minuten gespielt. Die RU Marburg stellt ein Team in der Regionalliga West.
  •  Rugby wird ab 2016 olympisch. Jenny Naruhn ist eine von vier Rugbyspielerinnen, die in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen wurden.
  •  Trainingszeiten (Anfänger willkommen): Dienstag und Donnerstag, 19 Uhr bis 20:30 Uhr, Afföllerwiese. Reißfeste Kleidung mitbringen

von Marie Lisa Schulz

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