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Vom Straßenkind zum Kochlehrling

Neue Hoffnung durch Ausbildung Vom Straßenkind zum Kochlehrling

Abdoul Dziallo ist erst 19 Jahre alt. In seinem Leben hat er viel mehr erlebt als andere mit 70 Jahren. Jetzt hofft er auf eine bessere Zukunft.

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Abdoul Dziallo (rechts) mit seinem Ausbilder Michael Kroll bei der Essensausgabe während einer Veranstaltung im UKGM.Foto: Till Conrad

Marburg. Jahrelang hat Abdoul auf den Straßen von Conakry gelebt, der Hauptstadt von Guinea. So wie zehntausende von Jungen und Mädchen, meist zwischen 6 und 14 Jahren. Wenn Abdoul über diesen Teil seines Lebens erzählt, wird seine Stimme ganz leise. Das Leben auf der Straße in Guinea - es wird bestimmt von Hunger, von Diebstahl, auch von Drogen. Kurz: es ist ein einziger Überlebenskampf.

Abdoul hat diesen Kampf gemeistert. Ob es sechs oder sieben Jahre waren, die er auf der Straße gelebt hat, weiß er nicht mehr genau. Nur, dass er irgendwann den Beschluss gefasst hat, abzuhauen. „Ich wollte nach Deutschland - weil ich einmal einen Mercedes Benz gesehen habe und beschloss: so einen fahre ich auch einmal.“

Guinea in Zentralafrika: Das Land gehört trotz vieler Bodenschätze zu den ärmsten Ländern der Welt. Auf der jährlich erscheinenden Liste der Vereinten Nationen über die Verteilung des wirtschaftlichen Reichtums auf der Welt belegt Guinea den 179. Rang unter 187 Nationen. Jahrzehntelange Misswirtschaft und Korruption wirken heute noch nach.

Guinea wurde wie seine Nachbarländer von dem Ebola-Virus heimgesucht. Fast 2500 Menschen starben an der Seuche.

Seine Eltern hat Abdoul nie kennengelernt. Inzwischen kennt er wenigstens den Namen und den Aufenthaltsort seiner Mutter. Sozialarbeiter haben ihm nach seiner Ankunft in Deutschland am letzten Tag des Jahres 2012 geholfen, sie zu finden. Abdouls Mutter lebt in Mali, dem Nachbarland Guineas.

Abdouls Flucht nach Deutschland dauerte Jahre - die Geschichte, die er erzählt, ist so ergreifend, dass Zuhörer sie kaum ertragen können: Er schlug sich - zu Fuß und per Anhalter - über Mali und Algerien nach Marokko durch.

Ohne Geld für die Überfahrt blieb ihm nichts anderes übrig, als für die Organisation, die ihn über das Mittelmeer zu bringen versprach, zu arbeiten. Was genau er tun musste, berichtet Abdoul nicht. Wie lange er festsaß, weiß er nicht genau. Irgendwann jedenfalls wurde ihm gesagt, ein Boot zu besteigen, das ihn nach Spanien bringen sollte.

Was der durchschnittliche Mitteleuropäer nur aus dem Fernsehen kennt, Abdoul hat das Grauen selber erlebt. Vor der spanischen Küste, die Küstenschutzpolizei schon in Sichtweite, kenterte das Boot nach einer Explosion und zerbrach. ­Abdoul hatte noch Glück im Unglück. „Irgendwie bekam ich eine Schlaufe zu fassen, an der ich mich festgehalten habe“, berichtet er. 13 seiner zunächst Mitreisenden hatten dieses Glück nicht. Sie ertranken, Europa schon vor Augen. Abdoul wurde von der spanischen Küstenwache aus dem Wasser gezogen. Nach sechs Monaten durfte er weiterziehen nach Deutschland.

Sein Leben hat sich hier zum Besseren gewendet. Er hat hier einen Asylantrag gestellt, er wurde 2013 als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ dem Landkreis Marburg-Biedenkopf zugewiesen. In der Wohngruppe, die die Familie Schwieder in Wetter für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreibt, fand er Unterkunft und Betreuung. Abdoul machte in gut zwei Jahren seinen Hauptschulabschluss - und begab sich auf Jobsuche.

So lernte er Michael Kroll kennen, den stellvertretenden Küchenleiter des Universitätsklinikums Gießen und Marburg auf den Lahnbergen. Abdoul war mit seinem Betreuer zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen - es endete mit einem Lehrvertrag.

„Ich war vorher skeptisch“, gesteht Michael Kroll, „aber Abdoul hat schon allein damit gepunktet, dass er auf Anhieb alle notwendigen Unterlagen abgeliefert hat - das findet man heute außerordentlich selten.“

Abdoul bekam also den Lehrvertrag - nach wenigen Wochen ist er ein „überaus beliebter Kollege“, wie Kroll berichtet, „der Liebling aller Mütter in seiner Schicht“. Die Hälfte seines Lohns schickt er nach Mali, zu der Mutter, die er noch nie gesehen hat.

Inzwischen hat sich Abdoul ein eigenes Zimmer in Kirchhain genommen, sucht aber mittlerweile ein anderes, näher an seiner Arbeitsstelle auf den Lahnbergen, die er am Wochenende nur schwer mit dem Bus erreichen kann. „Er wird seinen Weg machen“, sagt sein Ausbilder: „Er will lernen, er ist aufmerksam, außerdem zuvorkommend und freundlich.“

Abdoul selbst weiß, dass sein Asylantrag möglicherweise abgelehnt wird. Er weiß aber auch, dass er seine Lehre beim UKGM auf jeden Fall abschließen kann. Das macht ihm Hoffnung.

Abdoul Dziallo ist einer von hunderttausenden Flüchtlingen, die in Deutschland ankommen. Seine Biografie ist erschütternd, sein Beispiel macht Mut.

von Till Conrad

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