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Peitsche statt Zuckerbrot - ein vorlauter Genosse

Kanzlerkandidat 2013 Peitsche statt Zuckerbrot - ein vorlauter Genosse

Es ist entschieden: Die SPD hat einen Spitzenkandidaten. Er ist scharfzüngig, schnoddrig; ein Pragmatiker, den die Parteilinke fürchtet.

Berlin. Seit ein paar Jahren Hinterbänkler im Bundestag, Buchautor und ein Redner, der Vortragssäle füllt. Ein vorlauter Genosse, allemal. Im vergangenen Jahr zuckte die Partei zusammen und Generalsekretärin Andrea Nahles setzte eine strenge Mine auf, nachdem es Peer Steinbrück gewagt hatte, sich in einem Interview zur Spitzenkandidatur zu äußern. Sollte es so kommen, hatte Steinbrück auf die Nachfrage des Journalisten gesagt, „dann wollen sie gewinnen, und zwar mit jeder Faser ihres Körpers.“ Es ist so gekommen. Früher als geplant.

Seit gestern ist die SPD-Troika Geschichte. Möglicherweise noch rechtzeitig, bevor sich Fatalismus breit macht, in den Ortsvereinen, aber auch in der Bundestagsfraktion. Denn mit dem gewinnenwollen ist das so eine Sache. Fast verzweifelt fragen sich führende Sozialdemokraten mittlerweile, was man denn noch ausrichten könne gegen eine Kanzlerin, die beliebt ist und es bleibt, egal, wie konfus die Regierung agiert. Die Troika drohte zum Komödienstadel zu werden, bei dem sich keiner in den Vordergrund spielen darf.

Steinbrück neigt nicht zu Fatalismus, auch nicht zum verzagten Taktieren. Er ist einer, der für die Politik brennt, auch wenn die Chancen schlecht stehen. Irgendwann hat er einmal gesagt, dass er Nashörner mag, weil sie nicht mehr aufzuhalten sind, wenn sie einmal in Fahrt gekommen sind.

Norddeutsch unterkühlt

Steinbrück ist Hamburger, norddeutsch unterkühlt. Er studierte Volkswirtschaft in Kiel. 1969 trat er in die SPD ein, weil er den Umgang mit dem da­maligen Kanzler Willy Brandt „infam“ fand, wie er einmal sagte - die Opposition ereiferte sich über Brandts uneheliche Geburt und seine Exilzeit. Nach dem Diplom zog es Steinbrück in die Politik. Er wurde Mitarbeiter im Bonner Bau- und Forschungsministerium, später wechselte er als Hilfsreferent zu Helmut Schmidt ins Kanzleramt. 1986 leitete er das Büro von Ministerpräsident Johannes Rau in Düsseldorf, 1993 wurde er Minister in Schleswig-Holstein und schließlich 2002 Nachfolger von Wolfgang Clement als Regierungschef einer rot-grünen Koalition in Nordrhein-Westfalen.

Der Kandidat Steinbrück sei eine echte Kampfansage an Schwarz-Gelb, sagt Grünen-Parteichefin Claudia Roth heute. Ein ungewöhnliches Lob. Denn die Grünen haben nicht gerade die besten Erfahrungen mit ihm gemacht, als er noch Chef in Düsseldorf war. Er quälte sie, so wie er in den vergangenen Jahren die Linken in der eigenen Partei quälte. Der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti fuhr er einst in die Parade, als sie sich mit den Stimmen der Linkspartei zur Regierungschefin wählen lassen wollte. 2007 beschimpfte er die parteiinternen Kritiker der Agenda-Politik als Heulsusen.

Einen Verzicht auf die Rente mit 67 hält er für Schwachsinn. Steuererhöhungen, sagt er, dürfen kein Selbstzweck sein. Auf die Belastung des Mittel­stands müsse man Rücksicht nehmen. „Vorsicht an der Bahnsteigkante“, rief er den Linken beim SPD-Zukunftskongress vor zwei Wochen zu. „Auch wenn ich weiß, dass ich jetzt auf Empfindlichkeiten stoße.“

Schmidt wusste es längst

Peitsche statt Zuckerbrot? Der lockere Spruch ist so etwas wie Steinbrücks Markenzeichen geworden. Reif für die Geschichtsbücher ist seine Drohung, die Kavallerie in die Schweiz zu schicken. Bei einem EU-Finanzministertreffen verglich er Steueroasen wie die Schweiz, Luxemburg und Liechten­stein mit Ouagadougou. Der Botschafter von Burkina Faso schickte daraufhin eine Protestnote.

Aber nicht nur das lockere Mundwerk macht Steinbrück zu einem ungewöhnlichen Politikertyp. Sein größtes Pfund im kommenden Wahlkampf könnte das Vertrauen sein, das er sich als Finanzminister in der großen Koalition erworben hat. Sein Auftritt mit Kanzlerin Angela Merkel während der Finanzkrise und die gemeinsame Versicherung, dass die Spareinlagen der Deutschen sicher seien, katapultierte ihn auf die Liste der beliebtesten Politiker.

Ein Siegertyp? Zur Geschichte des Kandidaten Steinbrück gehört auch, dass er noch keine Wahl gewonnen hat. 2005 unterlag er dem CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Die SPD landete bei 37 Prozent; ein Erdrutsch für die erfolgsverwöhnten Genossen im Ruhrpott.

Einer hat übrigens schon länger gewusst, dass Steinbrück der richtige Kandidat ist. „Er kann es“, verkündete Altkanzler Helmut Schmidt bereits im vergangenen Jahr. „Schmidt hat immer recht“, witzelte Parteichef Gabriel gestern. Die gesamte Partei werde Steinbrück unterstützen, sagte Gabriel außerdem. Es klang wie ein Befehl.

von Gabi Stief

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