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Hochschulpreis für Marburger Professor

Klassenzimmer auf den Kopf gestellt

Professor Jürgen Handke will die Lehre mit digitalen Medien verbessern. Für seine Methode wurde er mit dem Hessischen Hochschulpreis ausgezeichnet.
Professor Jürgen Handke nimmt in seinem Büro ein Lehrvideo auf. Was er im Video an die Tafel schreibt, wird digital gespeichert und kann dann ins Video eingeblendet werden.Fotos: Strothjohann

Professor Jürgen Handke nimmt in seinem Büro ein Lehrvideo auf. Was er im Video an die Tafel schreibt, wird digital gespeichert und kann dann ins Video eingeblendet werden.Fotos: Strothjohann

© Thomas Strothjohann

Marburg. Englische Linguistik – das klingt nicht gerade nach einem Stoff für Youtube-Hits. Doch Jürgen Handkes Lehrvideo-Kanal beweist das Gegenteil. Mehr als 7200 Menschen haben den „Virtual Linguistics Campus“ des Marburger Linguistik- und Anglistik-Professors abonniert. Über 250 Videos hat Handke produziert und bei Youtube eingestellt. Sie wurden inzwischen fast eine Millionen Mal angesehen, sein beliebtestes Video über Grundlagen des Sprechens alleine über 35000 Mal.

Doch warum macht er das? Wozu stellt sich ein Linguistik-Professor Leuchten, Videokamera, Mikrofon und digitale Tafel in sein Büro? Warum arbeitet er sich in Videoschnitt ein und bereitet seine Lehrmaterialien für die Präsentation im Web auf? „Früher musste ich die Inhalte aus den Vorlesungen jedes Jahr wiederholen“, sagt Handke. Heute muss er das nicht mehr. Er produziert die Vorlesung einmal als Video – das war‘s. Fast.

Das "umgedrehte Klassenzimmer"

Im Unterrichtsportal der Uni finden die Studenten jede Woche Texte, Videos und Übungsaufgaben, mit denen sie sich selber den Stoff beibringen sollen. Das klingt, als wollte Handke seinen eigenen Job abschaffen, doch das Gegenteil ist der Fall: „Wir sind eine Präsenz-Uni. Wenn die Studenten den Lernstoff nicht mehr in Vorlesungen lernen, sondern online, können wir die Zeit zum Üben nutzen.“ Das ist die Idee des „Inverted Classroom Model“ (des umgedrehten Klassenzimmers).

Die digitalen Lehrmaterialien stellt Handke in sogenannten Massive Open Online Courses (MOOCs) Interessierten in aller Welt zur Verfügung. Wer Erfolg hat, kann für eine Gebühr von rund 50 Euro ein Zertifikat der Uni Marburg erhalten.

Bevor die Studenten zu Handke in die Lehrveranstaltung kommen, kann er sehen, wie viele die Online-Zwischentests (Worksheets) absolviert haben und wie sie mit den Aufgaben zurechtgekommen sind. Ein weiteres Instrument, zu überprüfen, ob seine Studenten klarkommen: In der Lehrveranstaltung stellt er eine Frage, die sie mit einem Abstimmungsgerät beantworten. Wenn ein Großteil der Anwesenden falsch lag, erklärt Handke das Problem noch einmal persönlich.

Persönliches Gespräch mit 70 Studenten

In der Uni werden aber auch klassische Aufgaben bearbeitet. Also solche, wie es sie früher als Hausaufgaben gab.

Handke geht dann mit seinen Mitarbeitern durch den Hörsaal und beantwortet Fragen. Während Lehramtsstudentin Kristina bemängelt, dass keine Zeit bleibt, alle Fragen zu klären, freut sich Professor Handke, dass er an dem Tag mit 70 Studenten persönlich gesprochen hat. „In einer klassischen Vorlesung mit 120 Teilnehmern hätten sich wahrscheinlich nur zwei Leute getraut und auf Englisch ihre Frage gestellt.“ Bei seinen Rundgängen hat Handke einen Tablet-PC dabei. Wenn er Skizzen macht, um eine Frage zu beantworten, speichert er diese und stellt sie allen Studenten zur Verfügung. An der Stelle sehen seine Studenten noch Verbesserungsbedarf. Während Handke die Studenten einzeln betreut, können die anderen kaum folgen, was besprochen wird. Aber vielleicht gibt es für dieses Problem bald auch eine technische Lösung.

Wer an einer Uni studiert hat, weiß, dass so ein Unterricht nicht jedem Professor liegt. „Für Dozenten ist es sehr schwierig, ihre Rolle aufzugeben und stattdessen Lehrer zu sein“, sagt Handke. Mit seinem offensiven Umgang mit digitalen Lehrmethoden ist er in Deutschland einer der Pioniere. Handke kritisiert das Beharren seiner deutschen Kollegen auf klassische Lehrmethoden und hat seine „Vorschläge für eine zeitgemäße Lehre im 21. Jahrhundert“ in seinem Buch „Patient Hochschullehre“ formuliert (Tectum Sachbuch Verlag). Ihn wundert es nicht, dass seine Lehrvideos mehr aus dem Ausland aufgerufen werden, als aus Deutschland: „Unsere Videos sind auch in Marokko sehr beliebt.“

von Thomas Strothjohann

Blickpunkt

Linguist, Technikfan und Musiker

Jürgen Handke (59) lehrt seit 1991 an der Philipps-Universität Anglistik und Linguistik. Er hat seine Lehre digitalisiert und an moderne Gegebenheiten angepasst. „Die heutigen Studenten sind Digital Natives – die nutzen Youtube-Videos ganz natürlich“, sagt er. Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Handke Musiker und spielte in den 1970ern unter anderem mit Matthias Jabs (später Scorpions) in der Band Deadlock.

Die Konferenz

Die Inverted Classroom Konferenz der Universität Marburg findet am 25. (ab 13 Uhr) und 26. Februar 2014 (ab 10 Uhr) in Marburg in der Wilhelm-Röpke-Straße 6 statt.

Am 25. können Lehrer in einem Workshop lernen, wie sie selber Lehrvideos und digitale Tafelbilder erstellen. Am 26., während der eigentlichen Konferenz, erfahren die Teilnehmer mehr über Trends der Digitalisierung in der Lehre und können sich mit den Marburger Experten darüber austauschen.

  • Anmeldung und weitere Infos gibt es unter www.invertedclassroom.wordpress.com
[Thomas Strothjohann]

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