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Ja zur Politik - nein zu den etablierten Parteien

Erstwähler Ja zur Politik - nein zu den etablierten Parteien

Ein nicht unerheblicher Teil der Wahlberechtigten sind Erstwähler. Um diese Stimmen scheinen sich die Parteien jedoch nicht unbedingt zu reißen.

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Schüler Julian Burmester steht am 22. 05. 2011 im Wahllokal in Bremen.Foto: Ingo Wagner

Quelle: Ingo Wagner

Marburg. Lisa betritt die Wahlkabine - sie zieht den Vorhang zu und schaut mit Verunsicherung auf die vor ihr liegenden Wahlbögen. Vor der Kabine stehen weitere Wahlwillige mit gezückten Personalausweisen und wippenden Füßen in der Warteschlange. Lisa schließt die Augen und fährt mit ihrem rechten Zeigefinger entlang der Kandidaten-Liste. „Kann mal jemand stopp rufen?“, hallt es aus der Kabine...

Jeder Politikinteressierte muss die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sollte sich eine solche Szene wirklich ereignen. Bei den anstehenden Bundes- und Landtagswahlen am 22. September werden rund 4,4 Millionen Hessen wahlberechtigt sein. Davon sind laut statistischem Landesamt 143000 als Erstwähler dokumentiert. Lisa, das fiktive Beispiel einer Erstwählerin, ist schlichtweg uninformiert. Sie hat keine Parteiprogramme gelesen und war auf keiner Wahlkampfveranstaltung - ihr sind die „da oben“ zu weit weg. Aber bildet Lisa mit dieser Ansicht eine Ausnahme? Wohl kaum. Laut einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums unter zehn bis 17-Jährigen haben zwei Drittel der Befragten den Eindruck, dass die Bundesregierung zu wenig daran interessiert ist, was junge Menschen denken. Noch schlechter steht es um die Kommunalpolitik. Hier haben nur 15 Prozent den Eindruck, dass sich die Politiker um die Anliegen der Jugend kümmern.

Vertrauern herstellen

Interessiert sich Lisa also nicht für Politik, weil die Politik sich nicht für Lisa interessiert? Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks fordert als Konsequenz aus der Umfrage eine Ausbau der Beteiligungsmöglichkeiten junger Menschen: „Die Politik muss auf allen Ebenen alles daran setzen, das fehlende Vertrauen der der Kinder und Jugendlichen herzustellen“.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage zeigt, dass das politische Interesse bei den Jugendlichen steigt - allerdings nur bis zum Alter von 15 Jahren. Danach ist ein Bruch zu verzeichnen. Liegt es nun also doch an den Lehrern diesen Bruch zu kompensieren? Müssen sie die Lust an der Politik vermitteln und können sie das überhaupt? „Zunächst geht es darum, den Schülern klar zu machen, dass es bei der Wahl um viele Themen geht, die Einfluss auf ihren Alltag nehmen“, sagt Tobias Roth, Politik-Lehrer an der Lahntalschule in Biedenkopf. Die wenigsten seien wirklich politikverdrossen, meint Roth: „Selbst jüngere Schüler interessieren sich für Themen wie Mindestlohn oder Außenpolitik“.

Problematisch sei vielmehr die Wahrnehmung der Jugendlichen gegenüber den etablierten Parteien. Sie seien zu verkrustet, zu unflexibel und die politischen Entscheidungsprozesse dauerten viel zu lang, lautet das harte Urteil. „Sich in einer Partei zu engagieren, scheint für die meisten Schüler die unattraktivste Form der politischen Beteiligung“, sagt Roth weiter. Wesentlich positiver würden dagegen die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen wie etwa Greenpeace gesehen. „Bei vielen hat auch die Occupy-Bewegung einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen“, sagt Roth.

Und wie bekommt man nun möglichst viele Erstwähler an die Wahlurne? Vor allem durch die Wertschätzung des demokratischen Systems, meint Roth.

Es geht um ihre Zukunft

Der sogenannte Klassenrat ist eine Einrichtung, mit der an der Lahntalschule versucht wird, bereits Schülern der fünften Klassen einen Weg aufzuzeigen, Probleme und Konflikte in einem Gremium zu diskutieren und zu lösen. „Im Idealfall kann sich der Lehrer dann immer mehr zurückziehen“, sagt Roth.

Ein weiteres Mittel, zur Meinungsbildung beizutragen, sind die „aktuellen fünf bis zehn Minuten“ zu Beginn einer jeden Unterrichtsstunde, berichtet der 31-Jährige. Da spürt man das Interesse an politischen Ereignissen - egal in welcher Alterstufe.

Roth glaubt, dass die meisten seiner wahlberechtigten Schüler am 22. September auch in einer Wahlkabine stehen werden - im Wissen, dass es auch um ihre Zukunft geht.

von Dennis Siepmann

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