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Ein Forscher taucht in die Farbwelten ein

Professor malt Ein Forscher taucht in die Farbwelten ein

Der Pharmazeut und Mediziner Professor Josef Krieglstein (77) hat einige Jahre nach seiner Emeritierung eine neue Karriere als Maler begonnen.

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Professor Josef Krieglstein hat sich als Maler von abstrakten Gemälden einen Namen gemacht. Jüngst waren mehrere seiner Bilder in der Ausstellung „Malende Ärzte“ zu sehen. Foto: Hitzeroth

Marburg. Den Laborkittel hat Josef Krieglstein bereits seit einigen Jahren gegen einen Malerkittel eingetauscht. Präziser gesagt: Noch öfter als den Malerkittel trägt er eine andere Arbeitskleidung. Denn am wohlsten fühlt er sich in einer alten Trainingshose und in T-Shirts, die durch den ausdauernden „Malgebrauch“ über und über mit bunten Farbtupfern übersät sind. „So ist das halt in einem Malerhaushalt“, meint Krieglstein. Auch seine Frau hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Krieglstein vor fünf Jahren eine neue Karriere als Maler begonnen hat.

Mittlerweile hat der ehemalige Marburger Professor bereits bei rund 20 Ausstellungen seine abstrakten Gemälde gezeigt. Soeben wurde er sogar für eine Ausstellung „Malende Ärzte“ unter der Schirmherrschaft von Professor Frank Ulrich Montgomery, dem Präsidenten der Bundesärztekammer, nach Sulzbach (Saar) eingeladen.

Parallel zum Pharmazie-Studium hatte Krieglstein auch ein Medizin-Studium beendet, auch wenn er nie als Arzt praktiziert hat.

Im Jahr 1974 war Krieglstein auf eine Professur für Pharmakologie an der Marburger Universität berufen worden. Zu seinen wissenschaftlichen Spezialgebieten zählten die Erforschung der Mechanismen des neuronalen Zelltods bei neurodegenerativen Erkrankungen, aber auch die Entwicklung von pharmakologischen Strategien gegen den Schlaganfall. Erst mit 68 Jahren wurde er am Fachbereich Pharmazie in Marburg emeritiert. Seine wissenschaftliche Laufbahn verlängerte sich aber noch, weil er als Seniorprofessor noch einige Jahre länger an der Universität Münster arbeitete - und zwar bis 2010.

Dann aber war endgültig Schluss im Wissenschaftssektor für den Verfasser mehrerer Standardwerke zur Pharmakologie. Krieglstein stand vor der Frage, womit er sich weiter beschäftigen sollte. Er fühlte sich aber viel zu agil, um sich nicht einer weiteren Beschäftigung zuzuwenden. „Ich bin nicht geeignet, um einfach zu Hause rumzusitzen. Ich wollte etwas haben, was mich herausfordert“, erzählt Josef Krieglstein.

Seine Wahl fiel auf die Kunstmalerei. Bilder gemalt hatte er das letzte Mal als Schüler. Immerhin seien es damals in den 50-er Jahren bereits abstrakte und für die damalige Zeit sehr moderne Gemälde gewesen, erinnerte sich Krieglstein im Gespräch mit der OP. Generalstabsmäßig und mit naturwissenschaftlicher Gründlichkeit ging Krieglstein seine neue Aufgabe an. „Gecoacht“ von einer Künstlerin studierte er erst einmal die Werke der „Konkurrenz“ von Pablo Picasso über Gerhard Richter bis zu Andy Warhol, ehe er sich dann entschloss, sich auf dem Gebiet der abstrakten Malerei zu versuchen. Wichtig war ihm dabei, dass seine Malerei authentisch ist.

Mittlerweile hat er es bereits so weit geschafft, dass seine Gemälde gut erkennbar sind. Ein „echter Krieglstein“ besticht durch eine Kombination von durch den Beobachter frei interpretierbaren Formen und wilde Farbmischungen.

Dabei geht er beim Malen mit den Instrumenten Pinsel und Rakel teilweise intuitiv vor. Seine Technik besteht zunächst darin, die Farben nicht gezielt auf die Leinwand aufzutragen, sondern ein Stück weit dem Zufall seinen Lauf zu lassen. Dann allerdings kommt die Phase der Feinabstimmung, in der er diesen Zufall steuert.

Mittlerweile hängen seine Gemälde in der ganzen Wohnung, und es gibt auch ein „Magazin“ im Keller mit den gerade nicht aufgehängten Gemälden. Die wichtigste Kontrollinstanz für die Qualität der Bilder ist zunächst seine Frau, die Krieglsteins erste Kritikerin ist.

Aber auch von ehemaligen Kollegen oder Freunden und Bekannten erhält er wie bei Ausstellungen regelmäßig Rückmeldungen zu seinen Werken.

Dass er dabei Gefahr läuft, aufgrund seines späten „Karrierestarts“ als Maler von manchen ihm nicht wohlmeinenden Kritikern nicht ernst genommen zu werden, ist ihm zwar wohl bewusst. „Es ist viel schwieriger, die Qualität eines Bildes zu definieren als das klare Ergebnis eines naturwissenschaftlichen Experiments“, weiß der Forscher. Josef Krieglstein ist aber so selbstbewusst, dass die Kritik ihn nicht trifft. Zudem hat er mit dem Malen eine Tätigkeit gefunden, die ihm sehr viel Spaß macht und ihn sichtlich ausfüllt.

von Manfred Hitzeroth

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