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M'era Luna Festival: Es wird schwarz

Hildesheim M'era Luna Festival: Es wird schwarz

Ganz viel Schwarz, ausgefallene Kleidung und Accessoires aus Metall: So zurecht gemacht tummeln sich am Wochenende Tausende Menschen auf dem Flugplatz in Hildesheim. Rund 25 000 Gothic-Fans aus ganz Deutschland feiern dort das Festival „M'era Luna“.

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Scarlett Appareat, verkleidet als japanische Schönheit, auf dem M'era Luna Festival.

Quelle: Heidrich

Hildesheim. Der schönste Augenblick des diesjährigen M’era Luna findet nicht auf dem Festivalgelände am Hildesheimer Flugplatz statt. Am Sonntag flaniert ein aufwändig herausgeputztes Pärchen über den Marktplatz. Sie in schwarzem, sorgfältig zerrissenem Rüschenkleid, er in einem ebenso schwarzen Mantel, der vor Edelstahl-Nieten nur so glänzt. Zwei, drei Passanten blicken auf, verlieren aber schnell das Interesse.

Das M’era Luna findet seit dem Jahr 2000 in Hildesheim statt, der Vorgänger, das Zillo, startete 1996. Zurecht gemachte Festivalbesucher gehören zum Stadtbild. Das Pärchen bleibt kurz vor dem restaurierten Knochenhaueramtshaus stehen, biegt dann um eine Ecke und stellt sich an der Theke es Eiscafé Venezia an.
 

Auch, wenn sich das Wetter am Sonntag entspannte: Eine Atempause schadet nicht auf dem diesjährigen M’era Luna. Denn trotz der Bemühungen der Festivalleitung war das laut Angaben der Veranstalter größte Musikfestival der Gothic-Szene von Schwierigkeiten geprägt. Schon Freitag hatte Dauerregen einige der vorgesehenen Parkplätze unbrauchbar gemacht, die Festivalleitung bemühte sich um Ersatz, Verkehrschaos und Stau herrschten trotzdem.

Am Sonnabend verwandelten Schauer und Platzregen das Gelände in eine Seenlandschaft. Trotz des am Morgen eilig ausgelegten Strohs wateten die 25.000 Besucher auf dem Gelände und dem Campingplatz stellenweise bis zu den Knöcheln durch Schlamm.

Gefeiert wurde trotzdem. Schon zur ersten Band des Festivals, Circus of Fools, füllte sich der Flugplatz. Im Laufe des Tages strömten bis zum Headliner KoRn immer mehr Besucher vom Campingplatz auf das Festivalgelände, klatschten und tanzten bis es egal war, trugen den Frontmann Band Unzucht auf ihren Schultern, tranken aus einem ihnen vom der Band Ost+Front angebotenen gelben Getränk aus einem Infusionsbeutel, sangen während eines 30-minütigen Stromausfalls beim Auftritt von ASP einfach weiter, blieben trotz des darauf folgenden Platzregens und der aufgrund des Stromausfalls einstündigen Verspätung von KoRn auf dem Gelände.

Das M’era Luna gibt sich gerne einen Anstrich von Gegenkultur. Bei aller behaupteter Anders- oder Eigenartigkeit kommt ein Großteil der Bands allerdings harmlos und konventionell daher. Gruppen wie ASP oder der Headliner am Sonntag, And One, produzieren inhaltlich und musikalisch wenig mehr als Schlager, die sich zwischen verzerrten Gitarren verstecken. Elektronischere Truppen wie Solar Flake oder Faderhead baden in den Keyboardsounds der 90er.

Eindruck einer starren Szene

Selbst Ost+Front, eine Band, die – während eine leicht bekleidete Frau in einem durchsichtigen Trog mit roter Flüssigkeit badet – Textzeilen wie „Fleisch ist Fleisch / die Farbe ist egal / schmecken tut es allemal“ zum Besten gibt, ist auf denselben billigen Schock ausgelegt, der schon an den Konsens-Grenzüberschreitern Rammstein ausgiebig diskutiert wurde.

Allerdings liegt das nicht an der Szene. Deren anderes Festival, das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, setzt auf deutlich frischere Bands , auch mit Ausflügen in die Klassik oder die künstlerisch ambitionierten Bereiche des Indie-Rock. Zwischen dem 2017er Line-Up des Wave-Gotik-Treffen und dem M’era Luna gibt dabei kaum Überschneidungen. Das M’era Luna lädt alte Bekannte ein. Wie etwa Project Pitchfork – mit drei Schlagzeugern auf der Bühne –, Subway to Sally oder die alternden Elektro-Pioniere DAF. Das muss zwar nicht unbedingt schlecht sein. Erweckt aber den Eindruck einer starren Szene, in der sich seit 20 Jahren nichts getan hat. Was sicherlich nicht richtig ist.

Aber ein oder zwei Lichtblicke gibt es auch auf dem M’era Luna. KMFDM, beispielsweise, die zwar ein wenig angestaubt wirkenden Industrial spielen, aber diesen immerhin mit erfunden haben und weiterzuentwickeln versuchen. Die Wave-Band She Past Away, die auf eine ganz eigene Weise The Cure in türkischer Sprache emuliert. Vor allem aber Ambassador21, die sich aus Punk, Noise und den eigenartigeren Songs von Aphex Twin eine wütende Mischung aus geschrienen politischen Manifesten zusammenrühren. Und natürlich auch der Headliner am Sonnabend, die Band KoRn, die zwar auch nicht mehr zu den frischesten gehört, allerdings als einzige der großen NuMetal-Bands nicht klingt wie eine Antiquität – eher gut abgehangen und reif.

Kein Wunder also, dass das Pärchen – nachdem sich beide ein Eis geholt haben, er Zitrone, sie Erdbeere – nach der Atempause eisschleckend wieder zurückschlendert, durch die Fußgängerzone zum Shuttlebus, um dort gestärkt durch den Modder zu waten. Auf der Suche nach den alten Bekannten, vielleicht, oder neuen Überraschungen – und diesen raren Momenten, in denen auf dem Jahrmarkt der Dunkelheiten die Sonne scheint.

Jan Fischer

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