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"Ich freue mich auf die Aufgabe"

Interview mit Stefan Raab "Ich freue mich auf die Aufgabe"

Stefan Raab gilt als scheuer Gesprächspartner. Obwohl er fast jeden Abend im Fernsehen zu sehen ist, weiß man über den Entertainer recht wenig. Im Interview spricht er über Politik, Erwartungen und warum es dringend notwendig ist, junge Menschen für politische Themen zu interessieren.

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Stefan Raab gibt den seriösen Talkmaster, sieht sich selbst aber nicht als Politik-Journalisten.

Quelle: Archivfoto

Köln. Am Sonntag läuft die zweite Folge von Stefan Raabs Polit-Talk „Absolute Mehrheit“ auf ProSieben (ab 22.50 Uhr):Stefan Raab und die Politik. Teilnehmen werden dieses Mal Dorothee Bär (CSU), Katja Dörner (Grüne), Linda Teutenberg (FDP) und Yvonne Ploetz (Linke). Sie debattiert wird über Frauenquote und Mietpreis-Explosion. Dabei scheint Raab schon zu Höherem berufen. Edmund Stoiber (CSU) brachte ihn für das nächste Kanzler-Duell ins Gespräch. Kandidat Peer Steinbrück (SPD) äußerte sich erst kritisch, ruderte nun aber zurück, Angela Merkel zeigt sich offen.

Oberhessische Presse: Herr Stoiber hat schon gute Werbung für Sie gemacht - er schlug Sie für das Kanzlerduell vor.

Stefan Raab: Das ist eine durchaus visionäre Idee und die konsequenteste Maßnahme, um junge Leute zu gewinnen. Dass wir das können, haben wir mit „Absolute Mehrheit“ und den zwei Sendungen zu den Bundestagswahlen 2005 und 2009 bewiesen. Ich habe mit dem ProSiebenSAT1-Chefs Thomas Ebeling und Jürgen Hörner gesprochen, und wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir das Kanzlerduell machen wollen - und zwar möglichst auf ProSieben. Wenn man die jungen Leute erreichen will, muss man dahin gehen, wo sie sind. Ich freue mich auf diese Aufgabe. Ich kann alle Befürchtungen anderer zerstreuen, dass das Abendland dann untergeht.

OP : Überrascht es Sie, dass Herr Steinbrück seine Meinung - jetzt doch sehr schnell - änderte und seine Teilnahme indirekt bestätigte?

Raab: Nein, das überrascht mich nicht. Herr Steinbrück ist ein kluger Mann, der die Chancen erkennt, die darin liegen - nicht nur für seinen persönlichen Wahlkampf, sondern auch im Hinblick auf die Einbindung jüngerer Zuschauer in den demokratischen Meinungsbildungsprozess.

OP: Politik ist ein ernstes Geschäft, gab Peer Steinbrück sogleich zu Protokoll.

Raab: Es ist doch so: Ich habe mir bei Youtube Ausschnitte des letzten Kanzlerduells angeguckt. Allein in den ersten zehn Minuten habe ich mehrere Pointen-Versuche der Moderatoren entdeckt. „Das heißt hier Kanzlerduell und nicht Kanzlerduett“, sagt ein Moderator, da greift Frau Illner ein und sagt „Mir kommt das hier vor wie Ehen vor Gericht“. Entschuldigung - mit mir kehrt im Zweifel die Seriosität erst zurück ins Kanzlerduell! Und wenn Pointen, dann bitte gute!

OP : Also war es unfair, Sie auszugrenzen?

Raab: Das passiert immer nur im Vorfeld. Herr Lammert hat auch, bevor er die erste Folge „Absolute Mehrheit“ gesehen hat, schon gesagt, sie sei völliger Quatsch. Das Ergebnis ist, dass sich das sehr viele Menschen angeschaut haben - in der jungen Zielgruppe mehr als in allen anderen Talkshows zusammen. Sonst beklagen sich alle, dass nur 60- bis 80-Jährige politische Sendungen einschalten. Wir sorgen für eine dramatische Verjüngung der Zuschauer - das muss doch ein Ziel sein – auch für Politiker! Wenn die Jungen nicht sensibilisiert werden, wird die Zahl der Nichtwähler weiter steigen. Dann wählen nur noch 30 Prozent der Bevölkerung, die 70 Prozent ihren Willen aufdrücken. Das ist eine Gefahr.

OP: Sie sagen, dass kaum noch jemand wählen geht, wenn man nicht Sendungen wie Ihre macht. Richtig verstanden?

Raab: Ich kann zwar keine Wunder bewirken. Wenn man aber gar nichts tut, wird es dazu führen. Ob das in zehn, 20, 50 Jahren so ist, weiß ich nicht. Dann aber haben wir einen elitären Kreis, der sich in seiner Nische einrichtet und auch noch gut findet, dass niemand mitstimmt. Dann kann man das Business wenigstens unter sich ausmachen. Deswegen habe ich ein Interesse daran, den Trend aufzuhalten. Deswegen werden wir auch dieses Jahr wieder die „TV Total Bundestagswahl“ machen.

OP: Die Kritik nach der ersten Folge „Absolute Mehrheit“ war teils sehr heftig.

Raab : Sie war gespalten. Teils sehr gut, teils sehr schlecht. Ich bin nun auch Politik-Journalist, und das finden andere Politik-Journalisten erstmal nicht gut, weil der Markt enger wird. Wenn ein neuer Wolf ins Rudel will, werden die alten Wölfe skeptisch. Ich habe aber auch viel Akzeptanz erfahren. Ich richte mich im Wesentlichen nach meinen eigenen Kriterien und denen der Menschen, mit denen ich arbeite. Wir haben eine eigene Erwartung, und wir sind mit dem Ergebnis zufrieden.

OP: Wird sich „Absolute Mehrheit“ in Folge zwei verändern?

Raab: Ich versuche immer, die Sendungen zu optimieren, wenn es denn geht. Natürlich gibt es Punkte, an denen man ansetzen kann. Wir minimieren die Unterbrechungen, den Telefonvoting-Stand brauchen wir nur nach Abschluss eines Themas. Unter Umständen bleiben wir an einem Thema auch mal länger dran, dann fällt ein anderes eben spontan raus. Diese Flexibilität erlauben wir uns. Dass unsere Sendung polarisiert, das war uns vorher klar. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass alle sie schlecht fanden.

OP :  Im Vorfeld der ersten Folge gab es Gäste-Querelen - wer kommt, wer nicht, wer nur, wenn der auch kommt und so weiter...

Raab: Ja. Im politischen Business ist eine Zusage nicht gleich eine Zusage. Dass noch bis kurz vor der Sendung umgewürfelt wird, haben wir jetzt gelernt. Das kannten wir so bisher nicht, im Unterhaltungsgeschäft steht teilweise ein halbes Jahr vorher fest, wer kommt. Aber wir sind ja flexibel. Sonntag kommen vier hoffnungsvolle Politikerinnen, das wird interessant.

OP : Sind die auch Wunschbesetzung oder hätten Sie lieber vier Bundesminister gehabt?

Raab: Bei der ersten Sendung hatten wir Interesse an Hochkarätern. Aufgrund übermotivierter Pressereferenten, die alles durch die Gegend twitterten, gab es Hickhack und medialen Rummel, den wir gar nicht inszeniert haben. Bei Marktforschungsstudien haben wir jetzt gelernt, dass die Wunschgäste der Zuschauer aber sowieso nur Angela Merkel und Peer Steinbrück sind - darunter ist alles egal, völlig Wurst. Dann geht es nur noch um Eloquenz, um Verständlichkeit, um Interesse am Thema. Und diese beiden Spitzenpolitiker gehen sowieso nicht in normale Talkshows. Diese Erkenntnis macht es uns einfacher. Wir hetzen jetzt niemandem mehr hinterher. Ich bin aber sicher, dass die Akzeptanz weiter zunimmt.

OP : Welche Themen kommen?

Raab: Wir sprechen über die „Frauenquote - Per Gesetz auf den Chefsessel“. Nicht alle Anwesenden sind dafür. Dann die Mietpreisexplosion. Und ein mehrere Komplexe umfassendes Thema, die „Tugendrepublik Deutschland“ - macht es überhaupt noch Sinn oder Spaß, Politiker zu werden angesichts dessen, was man alles über sich ergehen lassen muss? Von Frau Schavan, deren 32 Jahre alte Doktorarbeit durchleuchtet wird, über Herrn Hahn, der über ethnische Merkmale von Herrn Rösler spricht und direkt als Rassist gilt, bis zu Herrn Brüderle, der gern flirtet und unter Seximus-Verdacht gerät. Da geht es um ein großes Themenspektrum, um die Dramatisierung banaler Themen zu Pseudowichtigkeiten.

OP: Wie politisch sind Sie? Haben Sie ein Parteibuch?

Raab: Ich interessiere mich für Politik, über Privates gebe ich grundsätzlich keine Auskunft. Nur das: Ich habe schon verschiedene Parteien gewählt - auf kommunaler wie auf nationaler Ebene. Ich bin flexibel, ich lerne gerne dazu. Das Leben ist ein Prozess - mein Lieblingssatz. Es gibt auch Phasen, in denen ich bereit bin, die politische Gesamthaltung zu wechseln.

OP: Was ist wichtiger: das Personal oder das Parteiprogramm?

Raab: Ich glaube, dass der Mensch eine viel größere Rolle spielt als Sigmar Gabriel es behauptet. Der sagte, Leute wählen Parteien, nicht Menschen. Das ist eine bittere Fehleinschätzung. Diesen Trugschluss hätte ich von ihm gar nicht erwartet. Egal, über welches Metier wir sprechen, ein Laden ist immer nur so gut wie der Mensch, der ihn führt. Es gibt sowieso kein Parteiprogramm, mit dem ich in allen Punkten übereinstimme. Also spielt die menschliche Komponente eine sehr wichtige Rolle - Sympathie, Führungsqualität, persönliche Einschätzung.

OP: Sie grenzen Ihr Privatleben tatsächlich radikal ab. Wie finden Sie es, wenn Peter Altmaier uns medial in seine Küche lässt?

Raab: Ich habe diese Haltung, die ich kompromisslos durchziehe. Ich würde diese Haltung auch bei Politikern lobenswert finden. Ich meine nicht, dass man sich mit Journalisten in die Küche setzen muss, und ich finde nicht, dass ein Politiker Homestorys machen muss. Ich habe bei manchen das Gefühl, sie verkaufen ihr letztes Stückchen Seele für drei Oma-Stimmen. Ich selbst will auch nicht damit überzeugen, wer ich privat bin, sondern mit dem, was ich mache. Wenn das bei Politikern nicht reicht, sollen sie sich etwas anderes suchen. Ich bin manchmal überrascht, wer sich so alles zu so erbärmlichen Promo-Aktionen hinreißen lässt. Da bin ich zuweilen gewillt, wen anders zu wählen.

OP : Wenn Ursula von der Leyen ihre Töchter vor die Kamera lässt, verschenkt sie Ihre Stimme?

Raab : Tut mir leid, da kann ich nichts mit anfangen, das ist armselig. Wenn es inhaltlich nicht reicht und man zu solchen Mitteln greift, um in Popularitätslisten einen Platz nach oben zu hüpfen, dann gute Nacht. Davor habe ich keinen Respekt. Aber das hier ist ein freies Land. Jeder darf tun, was er für richtig hält.

OP: Apropos frei. Dürfen Sie bei ProSieben inzwischen alles?

Raab: Ich komme ja nicht mit Ideen, die absurd sind. Niemand will 24 Stunden lang zwei Meisen zugucken, die sich zuzwitschern - auch wenn es manchmal so aussieht, als könnte ich alles machen, was ich will. Wenn ich eine gute Idee habe, rufe ich die Verantwortlichen beim Sender an. Ich bin keiner der hingeht und sagt: „das machen wir jetzt, sonst gibt es Ärger“. Mein Interesse ist der Erfolg der Sendung und der des Senders, sonst wäre ich hier auch falsch. Bisher haben in der Regel auch die kühnen Ideen funktioniert. Weil sie auf drei Dingen basieren: ich glaube an ihren Erfolg, ich habe Interesse und ich habe Spaß daran. Wenn wir jemand eine Wandersendung vorschlüge, würde ich das nicht machen, selbst wenn es vielleicht sogar funktionieren würde, mir aber Interesse und Spaß daran fehlen.

OP: Der Eurovision-Vorentscheid erinnerte in diesem Jahr sehr stark an Ihren Bundesvision Song Contest.

Raab : Das ist schon anders, bei uns wird deutsch gesungen, die Bundesländer sind entscheidend. Aber wir sehen, dass unsere Ideen gern weiterverwendet werden - das ist Standard geworden. Einerseits vermarkten wir Konzepte und Event-Shows in andere Länder, gerade lief das Turmspringen in den USA. Andererseits wird auch einfach kopiert. Eigentlich kann man heute nichts von Grund auf neu erfinden. Ein bisschen geehrt fühlt man sich aber, wenn die Konkurrenzsender Plagiate ausstrahlen.

OP: Was dachten Sie, als bei „Wetten, dass...?“ Lanz plötzlich gegen Zuschauer antrat?

Raab: Auch so ein Moment, in dem man denkt: Wie mag er da denn drauf gekommen sein... Man sieht daran, dass wir mit unseren Formaten den ein oder anderen kleinen Fußabdruck in der TV Welt hinterlassen.

OP: Wurden Sie wegen „Wetten, dass...?“ gefragt? Hätten Sie es gemacht?

Raab: Mich hat keiner gefragt. Ich habe lang laufende Verträge mit ProSieben, das ist bekannt und ich habe ein eisernes Prinzip, das ich bis heute durchgehalten habe. Ich mache nur Sendungen, die ich mir selbst ausgedacht habe. Ich habe noch nie ein Fremdformat angenommen. Das Kanzlerduell wird die erste Ausnahme.

OP : Event-Shows, Absolute Mehrheit, TV Total - schon einmal überlegt, irgendwas davon aufzugeben?

Raab: TV Total ist die Brutstätte, die Innovationsplattform für alles andere, was wir machen. Schlag den Raab zum Beispiel ist die Weiterführung von „Blamieren oder Kassieren“. TV Total ist für alles offen. Wir hatten einen Hochsprung-Abend, einen Jazz-Abend, wir haben Max Mutzke und Stefanie Heinzmann entdeckt, Mario Barth und Cindy aus Marzahn gefeaturert und vieles mehr.

OP: Wenn Sie mal keine Lust mehr hätten - gibt es jemanden, dem Sie Ihre Nachfolge zutrauen?

Raab: Was wir machen, ist in der gesamten Komplexität gar nicht so leicht zu bedienen. Vom Eurovision Song Contest bis zur Polit-Talkshow. Da muss man schon ein relativ breit gefächertes Interesse mitbringen. Jemanden zu finden, den das tatsächlich auch alles interessiert, wird vermutlich nicht so einfach sein. Aber ich bin ja noch ne Weile da.

OP: Apropos Eurovision. Nächstes Jahr wieder mit Ihnen?

Raab : Das habe ich jetzt oft genug auf jeder Seite gemacht. Da ist meine Mission erfüllt. Der Höhepunkt war der Sieg von Lena und das Jahr danach der Wettbewerb hier in Deutschland.. Der Bundesvision Song Contest liegt mir jetzt am Herzen, weil ich gern andere Künstler vorstelle und weil es nicht mehr so viele Sendeflächen gibt, wo man im Fernsehen Musik präsentieren kann.

OP: Was passiert, wenn Sie mal irgendwann „out“ sein sollten?

Raab: Nur weil mir was Spaß macht, und das, was mir Spaß macht, anderen keinen Spaß mehr macht, kann ich ja nicht einfach sagen, dass mir jetzt eben das Spaß macht, was den anderen Spaß macht, es sei denn, es würde mir wirklich Spaß machen. Ich habe das Glück, dass ich sehr flexibel.. Ich bin ja nicht verdammt, ewig Fernsehen zu machen. Dann arbeite ich eben als Musikproduzent, was ich sowieso permanent getan habe. Oder als politischer Journalist. Ich kann nur wieder sagen: Das Leben ist ein Prozess. Erstmal bereite ich mich jetzt aufs Kanzlerduell vor. Herr Steinbrück braucht keine Angst haben - klamaukiger als seine Aschermittwochsrede wird es auf keinen Fall.

Von Sebastian Scherer

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