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Das letzte große Geheimnis von Stammheim

40 Jahre Deutscher Herbst Das letzte große Geheimnis von Stammheim

Zum 40. Jahrestag des Deutschen Herbstes legt RAF-Experte Stefan Aust neue Erkenntnisse vor: Verfassungsschutz und Justiz wussten demnach von den Suizidplänen der Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Justizvollzugsanstalt – und nahmen ihren Tod billigend in Kauf. Gordon Repinski und Udo Röbel haben mit dem Autor gesprochen.

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Die Entführung von Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977 durch die RAF und seine Ermordung am 18. Oktober 1977 waren die zentralen Ereignisse des sogenannten Deutschen Herbstes.

Quelle: dpa

Hannover. Die Bundesrepublik Deutschland ist 1977 ein Land unter Schock. Fünf Jahre nach der Verhaftung der führenden Mitglieder der linksterroristischen “Roten Armee Fraktion“ um Ulrike Meinhof und Andreas Baader schlägt die zweite Generation der RAF zu. Im April ermorden die Terroristen den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, drei Monate später den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto.

Im sogenannten Deutschen Herbst erreicht die Gewaltwelle ihren Höhepunkt: Im September entführen die Terroristen den Präsidenten des Bundesverbandes der Arbeitgeber, Hanns Martin Schleyer, im Oktober kapern palästinensische Gesinnungsgenossen die Lufthansa-Maschine “Landshut“ mit 87 Passagieren an Bord. Ihr gemeinsames Ziel: die im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim sitzenden RAF-Mitglieder der ersten Generation freizupressen.

Als eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes (GSG 9) das Flugzeug stürmt und die Geiseln befreit, begehen noch in derselben Nacht die Gefangenen von Stammheim Selbstmord. Wenig später wird auch Hanns Martin Schleyer erschossen aufgefunden – aus Rache hingerichtet.

Entführung der „Landshut“

Entführung der „Landshut“: Ein Kommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas entführt am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine “Landshut“ auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt. Die Geiselnehmer unterstützen die Forderungen der Entführer Schleyers. Insbesondere sollen die Terroristen Baader, Ensslin und Raspe entlassen werden. Nach einem Irrflug von 9000 Kilometern landet die “Landshut“ in Somalias Hauptstadt Mogadischu. Tags zuvor haben die Entführer nach einer Notlandung im Jemen den Piloten Jürgen Schumann erschossen. Am 18. Oktober stürmt ein Kommando der GSG 9 die “Landshut“. Alle Geiseln kommen frei. Drei Entführer werden erschossen. In derselben Nacht begehen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim Selbstmord.

Quelle: AP Images

Einer der besten Kenner der RAF und jener dramatischen Wochen ist der ehemalige Chefredakteur des “Spiegel“, Stefan Aust. Begonnen hat er seine journalistische Karriere als Redakteur beim linken Monatsmagazin “Konkret“, das damals von Klaus Rainer Röhl herausgegeben wurde, dem Ehemann der späteren Terroristin Ulrike Meinhof.

So bekam Aust schon in jungen Jahren hautnah mit, wie Ulrike Meinhof im Umfeld der 1968er-Studentenrevolution peu à peu aus dem politischen Journalismus in die Terrorszene abdriftete. Als Mitarbeiter des NDR-Fernsehmagazins “Panorama“ befreite Stefan Aust im September 1970 auf eigene Faust mithilfe eines RAF-Aussteigers Meinhofs Zwillingstöchter, die von der RAF nach Sizilien verschleppt worden waren, und brachte sie zu ihrem Vater zurück.

In seinem Buch “Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat Stefan Aust die Geschichte der RAF akribisch aufgearbeitet. In der aktuellen Neuausgabe seines Buches geht er nun dem Verdacht nach, dass der Staat im Deutschen Herbst vom Selbstmord der RAF-Häftlinge gewusst haben muss – und ihn möglicherweise bewusst nicht verhindert hat.

Eigens für die Prozesse gegen RAF-Mitglieder wurde 1975 neben dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim ein Mehrzweckgebäude erbaut

Eigens für die Prozesse gegen RAF-Mitglieder wurde 1975 neben dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim ein Mehrzweckgebäude erbaut. Als Vorkehrung gegen etwaige Befreiungsversuche mit Hubschraubern wurde diese Halle – ebenso wie der Hofgang – großflächig mit Stahlnetzen überspannt.Nach Fertigstellung der Erweiterungen waren zeitweilig bis zu neun RAF-Mitglieder im siebten Stock der JVA zusammengelegt.

Quelle: imago

Herr Aust, auch 40 Jahre danach halten sich hartnäckig Gerüchte und Spekulationen, dass die Gefangenen von Stammheim nicht Selbstmord begangen haben, sondern …

… ermordet wurden? Liquidiert von finsteren Schergen des Staates?

Ja.

Das ist natürlich Unsinn – und vielleicht ein beredtes Beispiel dafür, wie schon vor 40 Jahren Fake News und Verschwörungstheorien ihren Weg in die Welt fanden. Auch ohne Internet und massenhafte Verbreitung über soziale Netzwerke.

Die einzige Überlebende der Nacht von Stammheim, Irmgard Möller, die damals mit vier Messerstichen in der Herzregion in ihrer Zelle gefunden wurde, bestreitet noch heute einen kollektiven Suizid und spricht von staatlich angeordneten Morden.

Das stimmt. Aber für mich gehört das mit zu den Legenden, die schon zu Lebzeiten um die Terroristen der RAF gestrickt wurden. Und Irmgard Möller ist ja noch am Leben. Vielleicht kommt auch sie einmal zu der Einsicht, mit ihrem alten Leben abzuschließen und rückhaltlos zu erzählen, was damals wirklich war. So wie es andere Aussteiger aus der RAF getan haben.

Für Sie steht also zweifelsfrei fest, dass sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl-Raspe damals selbst das Leben genommen haben?

Ja. Nach der Stürmung der “Landshut“ und der Befreiung der Geiseln in Mogadischu hatte sich der Weg, den sie gegangen waren, vollendet. Ihnen war klar, dass sie ihren Kampf verloren hatten, dass dieser Staat, den sie so gehasst und verachtet hatten, sich nie wieder erpressen lassen würde. Und vielleicht spielte bei ihren Überlegungen, aus dem Leben zu scheiden, auch eine Rolle, mit ihrem Tod diesen Staat ein letztes Mal zu diskreditieren. Den “Schweinestaat“, wie sie ihn immer genannt hatten, den Staat, der selbst vor Mord an denen nicht zurückschreckt, die sich gegen ihn stellen. Wenn das mit ein Kalkül war, sich mit Selbstmord zu Märtyrern zu machen, ist es in gewisser Weise sogar aufgegangen. Und das Aberwitzige daran ist, dass der Staat ihnen dabei vielleicht sogar geholfen hat, diese Legende zu befeuern. Mit von Anfang an undurchsichtigen, sich teils selbst widersprechenden Ermittlungen, mit Schlamperei oder der wissentlichen Verschleierung geheimdienstlicher Aktivitäten. Noch heute liegen nicht alle Akten auf dem Tisch. Noch heute werden wichtige Details zurückgehalten. Und noch heute ist die Frage nicht beantwortet, ob der Staat oder damit befasste Stellen vielleicht sogar informiert waren, dass sich Baader, Ensslin, Raspe und Möller das Leben nehmen wollen ...

… und in jener Nacht nicht eingegriffen und den Selbstmord billigend in Kauf genommen haben? In der Neuauflage Ihres Buches „Der Baader-Meinhof-Komplex“ machen Sie Andeutungen in dieser Richtung.

Nicht nur Andeutungen. Nach allem, was ich heute weiß, gibt es hinreichend Indizien, wenn nicht sogar Belege dafür, dass es zumindest die technische Möglichkeit gab, die Gefangenen von Stammheim auch in ihren Zellen rund um die Uhr abzuhören.

Woran machen Sie das fest?

Baader, Ensslin, Möller und ­Raspe hatten sich in ihren Zellen eine Art Gegensprechanlage gebastelt, über die sie auch nach Einschluss kommunizieren konnten. Dafür hatten sie – um es vereinfacht auszudrücken – das bereits vorhandene Lautsprechersystem des offiziellen Anstaltrundfunks angezapft und mit den Radios und Plattenspielern, die man ihnen zugebilligt hatte, vernetzt. Bei Razzien in ihren Zellen wurden Elektrobauteile, Fachbücher und sogar Mikrofone und Kopfhörer gefunden. In einem Hochsicherheitstrakt! Und kein Mensch hat angeblich die Frage gestellt: Wozu brauchen die eigentlich Mikrofon und Kopfhörer? Das kann man doch nicht im Ernst glauben.

Sie meinen, die Gefängnisleitung hat das Kommunikationssystem bewusst nicht gekappt? In der Hoffnung: Da erfahren wir Dinge, die wir noch nicht wissen.

Na klar. Man hat das nicht nur billigend in Kauf genommen. Man hatte sogar ein hohes Interesse daran, dass die Gefangenen ungestört miteinander reden konnten. Vielleicht war das auch der Grund, warum man die Zellentüren mit Schaumstoffmatratzen schalldicht gemacht hat – um die Häftlinge gleichsam zu zwingen, ihre eigene Kommunikationsanlage zu nutzen. Erst recht, als dann Hanns Martin Schleyer von Gesinnungsgenossen entführt wurde, um sie aus Stammheim freizupressen. Nicht abzuhören in dieser Situation, nicht alles zu versuchen, um herauszufinden, wo Schleyer versteckt ist, wäre doch nicht nur unlogisch, sondern auch fahrlässig gewesen.

Aber bis heute wird eine Abhöraktion bestritten.

Das haben die immer bestritten. Vernichtete Akten, keine Aussagegenehmigungen für Beamte, selbst im Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags wurde dazu kein Zeuge vernommen, obwohl schon damals ein weiterer Verdacht im Raum stand: dass nämlich die Zellen zusätzlich verwanzt waren durch den Verfassungsschutz.

Haben Sie dafür auch Belege gefunden?

Mehr als genug. Es gibt zum Beispiel die Handakte des damaligen Chefs des Landeskriminalamtes Stuttgart. Aus der geht hervor, dass man zumindest die Absicht hatte, für den Fall einer Geiselnahme die Zellen und die Gespräche der Gefangenen untereinander abzuhören. Dieser Akte liegt sogar ein Zellenplan bei – mit Linien und Kreuzen drin. Der kann eigentlich nur so interpretiert werden, dass die Zellen tatsächlich verwanzt waren. Und dann ist natürlich auch die Frage interessant, warum Wochen nach dem Selbstmord die Renovierung der Zellen unter der Aufsicht einer höchst geheimen Truppe stand.

Welche Truppe meinen Sie?

Die Gruppe Fernmeldewesen des Bundesgrenzschutzes in Heimerzheim, von deren Existenz die Öffentlichkeit damals gar nichts wusste und die erst 1994 legalisiert wurde. Abhörspezialisten, die Hand in Hand mit der ebenfalls streng geheimen Ingenieurgruppe des Bundesinnenministeriums und der Zentralstelle für Chiffrierwesen des Bundesnachrichtendienstes arbeitete. Warum haben die wohl die Maurer überwacht, die dann den Putz von den Zellen der RAF-Häftlinge schlugen? Abhöranlagen sind Schwachstromanlagen. Und es liegt nahe, dass diejenigen, die den Abbau überwachten, auch für den Einbau verantwortlich waren.

Angenommen, Sie haben Recht, Herr Aust, und die Gefangenen von Stammheim sind wirklich abgehört worden. Müsste es da nicht Abhörprotokolle aus der Todesnacht geben? Vielleicht sogar ein Tonband?

Das ist die große Frage, das letzte große Geheimnis von Stammheim. Ich weiß es nicht. Ich möchte auch nicht interpretieren, was auf einem solchen Tonband möglicherweise drauf ist. Aber wenn es dieses Tonband gäbe, wäre es von höchstem historischem Interesse – und es könnte endlich alle Zweifel am Tod von Baader, Ensslin und ­Raspe beenden. Und damit auch die Legenden, die sich bis heute darum ranken. Ich habe deshalb im Mai dieses Jahres einen Brief an Bundesinnenminister Thomas de Maizière geschrieben und um letztendliche Aufklärung gebeten.

Und wie lautete die Antwort?

Angeblich hat der Innenminister den Brief an die Chefs der betreffenden Behörden weitergeleitet. Antwort von denen habe ich bis heute nicht.

Herr Aust, die Geschichte der RAF zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben. Und alles begann mit Ulrike Meinhof, die Sie schon in ganz jungen Jahren kennengelernt haben. Wie eigentlich?

Ich bin mit dem jüngeren Bruder von Klaus Rainer Röhl, dem damaligen Herausgeber der Zeitschrift “Konkret“ und Ehemann von Ulrike Meinhof, zur Schule gegangen. Wir haben zusammen Schülerzeitung gemacht, und über den kannte ich Ulrike schon, als sie noch freie Mitarbeiterin beim NDR war. Wir haben häufig in der Wohnung seiner Eltern gesessen und dort Ulrikes Beiträge für das Fernsehmagazin “Panorama“ geschaut. Und nach dem Abitur haben die mich bei “Konkret“ so als Mädchen für alles engagiert.

Als junger Mann standen Sie plötzlich im Zentrum der 68er-Studentenrevolution mit Ulrike Meinhof als Ikone. Hat der junge Aust sie auch ein bisschen angehimmelt?

Niemals. Erstens habe ich noch nie jemanden angehimmelt und zweitens Ulrike Meinhof schon gar nicht. Ich fand sie interessant und klug – aber auch in höchstem Maße arrogant. Jeder, der nicht ihrer Meinung war, war unpolitisch. Und das war noch schlimmer, als rechts zu sein. Auf der anderen Seite war sie in dieser Zeit immer noch verhaftet in dem gut situierten bürgerlichen Milieu, aus dem sie kam, hin- und hergerissen zwischen ihren politischen Ansprüchen und ihrem Leben als Ehefrau und Mutter. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, als wir nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Jahr 1968 in ihrem kleinen R 4 zu einer Demonstration gegen die Springer-Presse fuhren. Vor dem Verlagshaus in Berlin wollten die Studenten die Auslieferung der Zeitungen verhindern, und plötzlich kam einer an und rief: “Hier, dein Auto muss sofort zur Barrikade!“ Und Ulrike antwortete: “Um Gottes willen, ich brauche das Auto doch. Ich muss die Kinder zur Schule bringen.“

Zwei Jahre später ging sie in den Untergrund.

Ja. Und wenn ihre Kinder an diesem Tag krank gewesen wären, wäre ihr Leben vielleicht ganz anders verlaufen.

Sie meinen den 14. Mai 1970, den Tag, als Andreas Baader von Gesinnungsgenossen aus der Haft befreit wurde?

Exakt. Baader saß damals in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, verurteilt zu drei Jahren. Wegen der Brände, die er zusammen mit Gudrun Ensslin in Frankfurter Kaufhäusern gelegt hatte. An diesem Tag hatte er Ausgang in das Zentralinstitut für Soziale Fragen, wo ihn Ulrike Meinhof vorgeblich für ein Buch interviewen wollte. Es war die ideale Gelegenheit, ihn zu befreien. Das glückte zwar, doch wurde dabei aus Versehen ein Institutsangestellter angeschossen und schwer verletzt. Ursprünglich war abgesprochen, dass Ulrike Meinhof nicht mit Baader und den anderen abtaucht. Und auch nach dem Schuss hätte sie in der Bibliothek sitzen bleiben und später der Polizei sagen können: Ich weiß von nichts. So aber sprang sie in der allgemeinen Panik mit aus dem Fenster und flüchtete.

Sie hat sich dann aber doch von der Gruppe um Baader abgesetzt?

Richtig. Sie tauchte erst einmal bei einer Freundin unter. Aber da war es für eine Umkehr schon zu spät. Ihr Foto stand bereits auf allen Fahndungsplakaten, und Baader und seine Leute erkannten sofort, welchen Nutzen sie daraus und aus ihrem prominenten Namen ziehen konnten. Von da an gehörte sie zu ihnen. Ob sie wollte oder nicht. Von da an war ihre Rolle in der RAF festgelegt: Sie wurde benutzt – und sie hat sich benutzen lassen.

Warum war Ulrike Meinhof so wichtig für die RAF? Und warum kam sie nicht mehr von einem gewalttätigen Mann wie Baader los, der doch weit unter ihrem intellektuellen Niveau stand?

Psychologisch deuten kann ich das nicht. Und von Anfang haben sich viele gefragt, wie es denn sein kann, dass dieser Baader in der Gruppe so eine wichtige Rolle spielt. Ich habe das immer mit einer Expedition durch den Amazonas verglichen: Da sind es nicht die Wissenschaftler, die sich mit Schmetterlingen auskennen, die letztendlich die entscheidende Rolle spielen, sondern die, die sich im Dschungel auskennen und dich auch wieder heil da rausbringen. Genauso wie in der RAF. Das plötzliche Leben in der Illegalität wirft ja auch viele praktische Fragen auf: Wo verstecke ich mich? Wie komme ich an Geld? Und Ulrike Meinhof kannte genügend Leute, die sie sehr geschätzt haben als intellektuelle Persönlichkeit. Und die haben sie dann – zumindest in der Anfangsphase der RAF – unterstützt und damit auch die gesamte Gruppe. Zudem glaube ich, dass die RAF niemals so eine wichtige Rolle hätte spielen können in der Öffentlichkeit ohne Ulrike Meinhof. Sie war ihr Aushängeschild.

Ulrike Meinhof galt und gilt heute ja noch ein bisschen als die Frau mit hehren Zielen, die irgendwie in Gewalt und Terror abgerutscht ist.

Ja. Aber man darf auch eines nicht vergessen: Ulrike war schwer depressiv. Und sie hat sehr viel getrunken und das Elend der Welt für die Ursache ihrer eigenen Depression gehalten. Außerdem hatte sie eine sehr masochistische Grundkomponente.

Ulrike Meinhof hat sich ja dann auch das Leben genommen. Ein Jahr vor den Selbstmorden in Stammheim. Was haben Sie empfunden, als Sie davon erfuhren?

Ich empfand das als eine grässliche Tragödie. Genauso wie den Tod von Baader, Ensslin und ­Raspe. Aber mir war schon vorher immer klar, dass es für die Mitglieder der RAF nicht viele Alternativen gab. Irgendwann würden sie an ihrem vorgeblichen Kampf für eine bessere Gesellschaft selbst zerbrechen, ob auf lebenslanger Flucht oder in lebenslanger Haft. Und so gesehen haftet ihren Selbsttötungen auch etwas Zwangsläufiges an. Stefan Aust, „Der Baader ­Meinhof Komplex“, erweiterte Neuausgabe, 1008 Seiten, Hoffmann und Campe, 24,99 Euro.

Was wurde aus der RAF?

Irmgard Möller, die einzige Überlebende der “Nacht von Stammheim“, wurde 1995 nach 22 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Sie soll unerkannt in Süddeutschland leben.

Brigitte Mohnhaupt, Anführerin der zweiten RAF-Generation, verurteilt zu fünfmal lebenslanger Haft, kam nach Verbüßung der Mindesthaftzeit von 24 Jahren im März 2007 auf Bewährung frei. Der “Bild“-Zeitung sagte sie 2011, dass sie keinen Kontakt zu früheren Gesinnungsgenossen habe und von Hartz IV lebe.

Christian Klar, ebenfalls führender Kopf der RAF II, wurde im Dezember 2008 nach 26 Jahren Gefängnis auf Bewährung entlassen. Angeblich lebt er heute in einer WG in Berlin-Kreuzberg.

Susanne Albrecht tauchte nach dem Mord an Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto mithilfe der Stasi in der DDR unter, wurde 1990 in Ost-Berlin aufgespürt und verhaftet. Aufgrund einer Kronzeugenregelung wurde sie nach sechs Jahren Gefängnis entlassen. Sie arbeitet angeblich unter neuem Namen als Lehrerin in Bremen.

Silke Maier-Witt, die an der Schleyer-Entführung beteiligt war, gilt als eine der wenigen geläuterten Terroristen. Sie stieg schon 1979 aus der RAF aus, nachdem bei einem Banküberfall eine unbeteiligte Frau erschossen worden war. 1991 wurde sie zu zehn Jahren verurteilt, kam aber schon 1995 wieder frei. Nach der Haft schloss sie ihr Psychologiestudium ab und bewarb sich mit einem Empfehlungsschreiben des damaligen Generalbundesanwalts Kay Nehm für eine Ausbildung zur Friedensfachkraft. In dieser Funktion betreute sie von 2000 bis 2005 traumatisierte Kriegsopfer im Kosovo. 2013 berichtete der SWR, dass sie von Sozialhilfe abhängig sei und sich für ihre Taten schäme.

Am 28. April 1998 ging bei der Nachrichtenagentur Reuters ein achtseitiges, als authentisch eingestuftes Schreiben ein, in dem die RAF ihre Selbstauflösung verkündete. Darin heißt es: “Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.“ Die Erklärung endet mit dem Gedenken an die Toten aus den Reihen der Terroristen. Die 34 Todesopfer der RAF werden darin nicht erwähnt.

Von Gordon Repinski und Udo Röbel

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