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Westerwelle bei Jauch

"Nutzen wir das Leben!"

Guido Westerwelle war am Sonntagabend zu Besuch beim ARD-Talk von Günther Jauch. Es war der erste TV-Auftritt des einstigen Spitzenpolitikers nach seiner Leukämie-Erkrankung im Sommer 2014.
Foto: Überraschende 180-Grad-Wendung: Ex-Außenminister Guido Westerwelle.

Überraschende 180-Grad-Wendung: Ex-Außenminister Guido Westerwelle.

© Jörg Carstensen/dpa

Hannover. Doch, es gibt auch andere Themen als die Flüchtlingskrise. Es war ja kaum mehr damit zu rechnen, dass sie bei „Günther Jauch“ mal über etwas anderes sprechen würden, nachdem die Sendung fünfmal in Folge vom „Flüchtlingszustrom“ handelte, von der „Flüchtlingskanzlerin“, von der „Flüchtlingsrepublik“. Mit jedem Mal schien Jauch seine Aufgabe zusehends zu entgleiten, oft war er eher teilnehmender Beobachter seiner Sendung denn ihr Moderator. Nicht wenige fragten sich: Kann er das noch: kluge Fragen stellen, auf seine Gäste eingehen, moderieren?

Ja, kann er. Jedenfalls dann, wenn das Gespräch nicht allzu politisch ist. Und ausgerechnet ein einstiger Politiker bot Jauch Gelegenheit dazu, seine Fähigkeit zu einfühlsamen, interessierten Fragen unter Beweis zu stellen, aber eben in einem ganz und gar unpolitischen Gespräch. Guido Westerwelle, 53, war im Berliner Gasometer zu Gast, um über seine Leukämie-Erkrankung zu sprechen. Es war der erste Auftritt des einstigen FDP-Bundesvorsitzenden und Außenministers nach seiner Krebsdiagnose im Sommer 2014 und dem darauf folgenden Rückzug ins Private. Irgendwann im Laufe der Sendung attestiert Jauch Westerwelle eine 180-Grad-Wende. Er hat recht damit.

Westerwelle ist gezeichnet von den Chemo- und Bestrahlungstherapien, denen er sich unterziehen musste, und von der Stammzellentransplantation. Das Gesicht weist Schwellungen auf, das Sprechen fällt ihm schwer, die Mundhöhle ist entzündet. Es gehe ihm „mal besser, mal schlechter“, sagt Westerwelle. Aber es ist nicht so sehr die Physis des Mannes, die den Eindruck erweckt, man habe es hier mit einem ganz anderen Westerwelle zu tun. Es sind seine nachdenklichen, auch warmen Worte: „Sind wir dankbar, dass wir da sind. Nutzen wir das Leben und regen uns nicht über jede Kleinigkeit auf.“ Der viele Zuspruch, der ihn während des Leidens erreicht habe, lehrte ihn dies: „Der Mensch ist Mensch, weil er sich anderen Menschen zuwenden kann.“ So spricht Westerwelle heute.

Wo ist jener rauflustige FDP-Mann abgeblieben, der zu den Promis ins „Big Brother“-Haus zog und seine Schulsohle in die Kameras hielt, auf der eine gelbe „18“ prangte, sinnbildlich für die 18 Prozent, die er ganz und gar unbescheiden zur Bundestagswahl 2002 für die Liberalen holen wollte? Der Besserwisser, der Leistung, Leistung, Leistung einforderte und vor dem „Vollversorgerstaat“ sozialistischer Prägung warnte? Der alte Westerwelle scheint kaum etwas gemein zu haben mit dem von heute. Dem dankbaren, nahbaren, demütigen Westerwelle. Insofern ist der Titel des Buches, das Westerwelle zusammen mit dem Journalisten Dominik Wichmann verfasst hat und das am Dienstag erscheint, recht treffend gewählt. „Zwischen zwei Leben“ heißt es.

Der Krebs hat ihn verändert. Vom Krebs sagt Westerwelle, er sei eine egalisierende Krankheit: „Die Hoffnung, dass sie den Krebs überwinden, macht alle Menschen auf Station gleich.“ Und noch etwas vermag der Krebs: „Krankheiten schütten Gräben zu, sie versöhnen miteinander“, sagt Westerwelle.

Mit im Studio sitzt neben einer jungen, während der Schwangerschaft an Leukämie erkrankten Frau auch Westerwelles behandelnder Arzt, der Kölner Professor Michael Hallek, weltweit anerkannter Leukämie-Experte. Hallek flankiert das Gespräch mit medizinischem Fachwissen zu den schwer auszumachenden Ursachen der Erkrankung, zum Verlauf einer hochriskanten Stammzellentransplantation, zur unproblematischen Stammzellenspende. Und er berichtet, dass seine Patienten in der Erkrankung ihren wahren Kern entdeckten und damit aufzeigten, was wichtig ist im Leben und was nicht. „Dann kommt die Schönheit im Menschen wieder hervor“, sagt Hallek.

Jauch konfrontiert Westerwelle in einem Einspieler mit Szenen seines früheren Ich. Zu sehen ist Westerwelle, der aggressive Rhetoriker. „Wenn man das so sieht, ist das wie von einer anderen Welt“, sagt Westerwelle über die Bilder, noch ehe Jauch dazu eine Frage stellen kann. „Das ist ja nichts, was bleibt“, sagt Westerwelle.

Es ist nicht so, dass Westerwelle sein bisheriges Leben bereuen würde. Es sei kein falsches Leben gewesen, sagt er. „Ich habe großes Glück gehabt – beruflich, wo ich viel gestalten konnte, aber vor allem privat, wo ich erwiderte Liebe erfahren habe.“ Er spricht über seinen Ehemann Michael Mronz; es ist einer der seltenen Momente in der Sendung, in der Westerwelle von sich in der ersten Person spricht.

Am Ende versucht es Jauch doch noch, das Thema auf das „alles beherrschende Flüchtlingsthema“ zu lenken. Er fragt Westerwelle: „Wir haben keine Chance, dazu etwas von Ihnen zu hören? „Genau“, antwortet Westerwelle. Und tut Jauch damit wohl einen Gefallen.

[Marina Kormbaki]

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