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Verbannt an den „Nordpol"

Filmtipp der Woche Verbannt an den „Nordpol"

HAZ-Kinoexperte Stefan Stosch weist jede Woche auf einen besonders sehenswerten Film hin. Diesmal: „Willkommen bei den Sch'tis“.

In Frankreich war “Willkommen bei den Sch'tis" eine Sensation: Mehr als 20 Millionen Zuschauer wollten die Komödie von und mit dem Komiker und Schauspieler Dany Boon sehen. Ob man in Deutschland auch so herzhaft über einen Film machen könnte, der die regionalen Besonderheiten des eigenen Landes aufspießt? Jedenfalls kann man im hannoverschen Apollo-Kino jetzt noch einmal überprüfen, ob man mit den Franzosen lachen kann.

Die Geschichte geht so: Ein biederer Postbeamter aus der schönen Provence versucht, einen Posten an der noch schöneren Côte d'Azur zu ergattern. Weil er dabei unlautere Methoden anwendet, wird Philippe (Kad Merad) in den hohen Norden zwangsversetzt. Man kann auch sagen: Er wird in die Verbannung geschickt.

“An den Nordpol", glaubt sein Sohn, wenn er in die entsetzten Gesichter seiner Eltern sieht und Angst um die erfrorenen Zehen seines Vaters hat. Philippes Frau Julie (Zoé Félix) schenkt ihrem Mann Daunenjacke und Fellmütze. Sie selbst bleibt selbstverständlich da, wo die Sonne scheint: im Süden. So langsam schleicht Philippe auf der Autobahn gen Norden, dass ihn unterwegs ein Polizist stoppt ­ und aufs Strafmandat verzichtet, als er vom Ziel der Reise erfährt: das Nest Bergues in der Region Nord-Pas-de-Calais unweit des Ärmelkanals und der belgischen Grenze.

Sch'tis nennt man die Leute dort wegen ihres Dialekts. Statt “s" sprechen sie “sch". Wenn sie also “Merci" sagen, klingt das wie “Merschi", und ihre Sätze beenden sie gerne mit einem “heiiiin", was irgendwie nach dem Balzruf einer Krähe klingt. Überhaupt reden die Eingeborenen so, als hätten sie eine heiße Kartoffel im Mund. Philippe jedenfalls versteht kaum ein Wort und vermutet eine schwere körperliche Verletzung des ersten Eingeborenen, den er trifft ­ allerdings hat er den im strömenden Regen über den Haufen gefahren.

Die Kontaktaufnahme bestätigt aufs Vortrefflichste seine schlimmsten Befürchtungen: Hier oben, knapp südlich des Nordpols, hausen arbeitslose Minenarbeiter, die allabendlich dem Alkohol zusprechen. Doch kann der Postbeamte seine Vorurteile nicht lange aufrechterhalten. Bald lernt er wunderbar gastfreundliche Menschen kennen. Mit dem Postboten Antoine (Regisseur Dany Boon) zieht er um die Häuser und genießt lokale Spezialitäten wie stinkenden Maroilleskäse oder deftiges Biergulasch ­ und den täglichen Gang zur Frittenbude.

Seiner Frau, die im Süden sehnsüchtig auf ihren Wochenendgatten wartet, tischt Philippe jedoch weiterhin Gruselmärchen auf: So gut wie in der Zeit der Verbannung funktionierte seine kränkelnde Ehe schon lange nicht mehr. Bis Julie ihm doch noch in den Norden nachreist.

Regisseur Boon inszeniert mit viel augenzwinkerndem Witz, schreckt auch vor Albernheiten nicht zurück, die an Louis-de-Funès-Filme erinnern. Tatsächlich ist Boons Werk eine Liebeserklärung an den Norden. Schlecht weg kommen nur die Südfranzosen.

Mit “Willkommen bei den Sch'tis" entfernt sich das französische Kino von den Cafétischen der Hauptstadt Paris, wo sich das gehobene Bürgertum noch immer gerne im intellektuellen Geplänkel verliert (natürlich in bestem Französisch). Bislang waren französische Komödien vorrangig im Süden angesiedelt. Der Norden, sagt der Regisseur und Drehbuchautor, sei eher ernsten Stoffen vorbehalten gewesen. Das habe er ändern wollen. Boon ist selbst ein “Sch'ti", Sohn einer Hausfrau und eines aus Algerien stammenden Fernfahrers.

Ganz erklären lässt sich der Wahnsinnserfolg von Boons Film trotzdem nicht, jedenfalls nicht für einen Nichtfranzosen. Aber auch die Franzosen selbst rätselten und bemühten kluge soziologische Versuche über die Rückkehr des Dialekts, die Wiederentdeckung der Provinz und des Volkstümlichen. Mit der Synchronisation hat man sich ins Deutsche hat man sich viel Mühe gegeben und eine eigene Kunstsprache entwickelt, um den Wortwitz wenigstens halbwegs ins Deutsche zu transportieren.
Im Apollo-Kino: Freitag bis Sonntag, 3. bis 5. April, 20.15 Uhr , sowie am
Dienstag und Mittwoch, 7. und 8. April, 22.45 Uhr. Am Sonntag mit Weinprobe,
Filmbeginn um 21 Uhr.

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