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Rapper Sido: „Mir ist egal, was die Leute denken“

Interview Rapper Sido: „Mir ist egal, was die Leute denken“

Rapper Sido über seine neue TV-Rolle, seine Sinti-Wurzeln und warum er Hörspiele für Kinder macht. In der Tragikomödie „Eine Braut kommt selten allein“ (Mittwoch, 6. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) spielt er einen gescheiterten Clubbesitzer, bei dem eines Tages eine junge Roma-Frau Zuflucht sucht.

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Hilfsbereit oder nicht? Johnny (Paul „Sido“ Würdig) muss eine Entscheidung treffen. Die Braut (Michelle Barthel) spricht kein Deutsch, ist von ihrer Hochzeit geflüchtet und bittet ihn um Asyl.

Quelle: Foto: ARD

Hannover. Sido alias Paul Würdig kam am 30. November 1980 in Ost-Berlin als Sohn einer Sintiza zur Welt. Er begann schon als Teenager zu rappen, brach eine Ausbildung zum Erzieher ab und hatte seinen Durchbruch 2004 mit dem Lied „Mein Block“. Seitdem hat er zahlreiche erfolgreiche Alben veröffentlicht und sich schon mehrfach als Schauspieler versucht, unter anderem 2011 in der Kinokomödie „Blutzbrüdaz“. Sido ist mit der Moderatorin Charlotte Würdig verheiratet, das Paar lebt mit den gemeinsamen Kindern am Stadtrand von Berlin. Am Mittwoch ist sein neuer Film „Eine Braut kommt selten allein“ zu sehen.

Sido, Sie stammen aus einer Sinti-Familie und spielen jetzt in einem ARD-Fernsehfilm über Sinti und Roma mit. Wie kam es dazu?

Der Produzent Marc Conrad hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Er weiß, dass ich Sinti-Wurzeln habe, ich mache ja schließlich keinen Hehl daraus. Und weil mir das Thema sehr gefällt, habe ich zugesagt. Besonders lustig finde ich, dass ich im Film einen Deutschen spiele, obwohl ich selber Sinti-Wurzeln habe – aber das sieht man mir ja nicht an.

Seit einer Weile rappen Sie ja auch über diesen Aspekt Ihres Lebens. Gab es einen bestimmten Anlass für Sie, dieses Thema aufzugreifen?

Den gab es. Ich habe zwar eine große Familie, aber nur wenige Menschen, mit denen ich viel zu tun habe. Mein Opa ist vor einer ganzen Zeit gestorben, und vor etwa zwei Jahren ist auch noch sein Bruder gestorben. Er war der letzte Mann in der Familie, mit dem ich noch zu tun hatte, der mir noch Dinge über uns hätte erzählen können. Leider habe ich es aber verpasst, mit ihm darüber zu sprechen, und daraufhin habe ich mich selber damit befasst, und da sind die Songs entstanden.

Redet denn Ihre Mutter nicht gerne über die Familie?

Doch, die redet schon viel darüber, aber sie hat eine andere Sichtweise. Frauen werden in der Familie meiner Mutter traditionell nicht so gut behandelt, und sie würden gerne freier sein, als sie sind – das ist eine Kulturfrage.

„Meine Herkunft ist mir egal“

Sind Sie stolz, Sohn einer Sinti-Mutter zu sein?

Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin. Mir ist grundsätzlich die Herkunft eines Menschen egal, auch meine eigene Herkunft ist mir egal, ich versuche da keine Unterschiede zu machen. Sobald man Leute in Ethnien und Religionen einteilt, grenzt man sie aus und sich selber grenzt man ab. Auf sowas habe ich keinen Bock.

Kürzlich gab es Wirbel um den Jugendfilm „Nellys Abenteuer“: Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisierte, dass der Film Vorurteile schüre und rassistisch sei. Mit welchen Reaktionen rechnen Sie bei „Eine Braut kommt selten allein“?

Der Verein wird bestimmt irgendwas finden, was wir hätten anders machen sollen. Aber ich finde, wir haben alles richtig gemacht.

Nach Angaben der ARD ist „Eine Braut kommt selten allein“ der erste Film, der die Lebenswirklichkeit der Roma in den Mittelpunkt stellt. Glauben Sie, dass diese Kultur gut getroffen wird?

Ja, auch wenn der Film in 90 Minuten natürlich nicht die ganze Kultur vollständig darstellen kann. Aber er zeigt zum Beispiel, dass diese Leute sehr familiär und loyal sind. Die Familie hält zusammen und man gehört für immer und ewig dazu, egal was passiert. Und sie sind sehr musikalisch, was mir persönlich besonders wichtig ist. Der Film zeigt aber auch die Probleme – dass die hier und da klauen, dass die sich durchs Leben tricksen. Wir halten da nicht hinter dem Berg. Aber es wird auch erklärt, warum das so ist, und das finde ich spannend. Der Film zeigt, dass Sinti und Roma die Randgruppe aller Randgruppen sind – die, um die sich keiner kümmert. Die werden einfach vergessen und zur Seite geschoben, denen hilft keiner.

Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und haben es als Musiker ganz nach oben geschafft. Verspüren Sie eine besondere Verpflichtung, etwas für die Benachteiligten der Gesellschaft zu tun?

Ob ich Menschen helfen möchte, hat nichts damit zu tun, wie viel Geld ich besitze. Früher hatte ich nichts. Wenn ich damals mit der Bahn von der Schule nach Hause gefahren bin und ein Bettler kam rein, habe ich dem mein Schulbrot gegeben. Ich vertraue darauf, dass jeder Mensch mit einem moralischen Kompass geboren wird und weiß, was gut und schlecht ist, wem geholfen werden muss und wem nicht.

Sie sind vor allem als Musiker berühmt, haben aber auch schon mehrere Hauptrollen gespielt. Wie bereiten Sie sich auf Filme vor?

Ich habe nur einmal in meinem Leben, bevor ich den ersten Film gedreht habe, für zwei Stunden mit einem Coach gesprochen. Der hat mir verschiedene Fragen gestellt, und irgendwann meinte er „Du schaffst das“ und ist gegangen. Offenbar war er der Meinung, ich werde das hinkriegen. Das hat mich ziemlich beruhigt. Seitdem mache ich Learning by doing. Ich finde, ich werde von Film zu Film, von Szene zu Szene besser.

„Ich stehe gerne im Mittelpunkt“

Hilft es, dass Sie schon viele Musikvideos gedreht haben?

Musikvideos und Film sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn man ein Musikvideo dreht, performt man in die Kamera, für die Leute dahinter. Im Film dagegen vergisst du im besten Fall die Kamera. Scheu vor der Kamera hatte ich grundsätzlich noch nie, weil ich wie jeder Künstler gerne im Mittelpunkt stehe.

Der Johnny, den Sie im Film spielen, ist ein gutmütiger, friedlicher Kiffer. Ihr Image ist ja ein ganz anderes…

Gutmütig bin ich auch. Aber ich kann besser nein sagen als Johnny, dem fehlt ein bisschen Rückgrat, und das kann ich von mir nicht sagen.

Wollen Sie mit dem Film eigentlich Ihr altes Image als Gangster-Rapper loswerden?

Ihr Journalisten verwechselt da was. Meine Karriere besteht nicht aus einem Image, sondern aus mir, aus dem Menschen. Als ihr mich zum ersten Mal gehört habt, war ich 18. Heute bin ich ein anderer. Was erwartet man denn von mir? Soll ich auf einer Bahnhoftoilette liegen und mir Heroin spitzen, bin ich dann cool? Nein, was die Menschen über mich denken, ist mir egal.

Sie haben gerade ein Kinderhörspiel produziert, in dem es um eine fleißige Biene geht. Das klingt schon ganz schön brav…

Ich habe vier Kinder und finde es einfach cool, ein Hörspiel für Kinder zu machen. Die hören abends immer Hörspiele zum Einschlafen, und ich möchte, dass die auch eines von mir hören.

„Eine Braut kommt selten allein“ läuft ja am Nikolaustag. Wie feiern Sie mit Ihrer Familie?

Wir stellen dem Nikolaus geputzte Schuhe hin, und wer böse war, kriegt ein Stück Kohle reingesteckt. Das bin dann meistens ich.

Von Cornelia Wystrichowski / RND

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