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Pop-Spektakel mit Schattenseiten

Eurovision Song Contest 2012 Pop-Spektakel mit Schattenseiten

Ein Lied kann eine Brücke sein? Beim Eurovision Song Contest in Baku prallen Welten aufeinander – und die Nervosität vor dem Finale ist in Aserbaidschan groß.

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Die meisten Aserbaidschaner aber nehmen Bewegung und Stillstand mit demselben Gleichmut hin wie das Songfestival.

Quelle: dpa

Baku. An der U-Bahn-Station „Sahil“ in Baku steht ein alter Mann. Er hat einen blauen Anzug an, es ist später Abend, die Menschen flanieren über den „Bulvar“ am Kaspischen Meer zwischen illuminierten, bizarren Buchsbaumfiguren und einem weißen Karussell. Der Mann betrachtet die Rolltreppe, die in die Tiefe führt, in die staubfreie, schimmernde, mit Marmorwänden und Kronleuchtern ausgestattete Station. Lilafarbene „London-Taxis“ sausen hupend vorbei, sie sind allesamt Kopien aus China. Der Mann setzt einen Fuß auf die oberste Stufe, zieht den zweiten nach, gerät ins Wanken, sucht das Gleichgewicht, stabilisiert sich. Steht gerade. Und fährt nach unten. Er sieht stolz aus. Er lächelt. Premiere auf der Rolltreppe.

Es ist ja nicht bloß so, dass die Welt Aserbaidschan entdeckt bei diesem merkwürdigen Eurovision Song Contest (ESC) 4000 Kilometer von Deutschland entfernt. Es ist auch so, dass Aserbaidschan die Welt entdeckt. Und die Welt ist eben nicht nur reich und freundlich und bringt Euros und Dollars ins Land für neue Rolltreppen und Bordsteinkanten aus Marmor und gusseiserne Straßenlaternen und Wolkenkratzer. Davon sind viele hier überrascht, die doch so stolz die Symbole des Westens herzeigen, die „Kentucky Fried Chicken“-Cola-Becher und Gucci-Täschchen und Fred-Perry-Hemden: Die Welt bringt auch Zweifel, Argwohn, Kritik, Fragen und Erwartungen.

Europa ist eben mehr als ein ökonomisches Konzept. Das sei für die Staatsmacht die wichtigste Lehre aus dem „Abenteuer Grand Prix“, sagen deutsche Baku-Kenner. Europa kann man sich nicht kaufen. Wer zu Europa gehören will, braucht dafür mehr als BMWs und  Barbie-Puppen und Cappuccino aus Pappbechern und Playmobil. Europa ist zwar ein Wirtschaftsraum. Aber auch eine Wertegemeinschaft.

Das Luxus-Einkaufszentrum „Park Bulvar“ an der Bakuer Uferpromenade. 18 Wachleute und Polizisten stehen rauchend am Eingang herum. Im Innern: Nike, Benetton, Ray Ban, Pierre Cardin, Van Laack, adidas, ein Kinderparadies namens „Happyland“, Bikinis im Schaufenster. Ein Mädchen mit riesiger Sonnenbrille, kurzem Kleid, schwarzen High Heels und einer Tüte der britischen Kette „Debenhams“ lässt sich fotografieren, in Victoria-Beckham-Pose, das rechte Bein keck angewinkelt. Sieh mich an, sagt das Bild. Ich gehöre dazu.

Es ist das, was die Machtelite in der pompösen Präsidialkanzlei am Hafen so irritiert und empört: Da kommen Tausende Grand-Prix-Fans ins Land und 1500 Journalisten aus 75 Ländern. Man ist auf Party eingestellt und PR, lanciert riesige Kampagnen, erdacht von westlichen Imageexperten. Man will sich als das Dubai des Kaukasus präsentieren, will den ESC, dieses Geschenk des Himmels, nutzen, um den Grundstein zu legen für das ganz große Ziel: die Olympischen Sommerspiele 2020 in Baku. Doch dann stürzt sich die Pressemeute auf das Schicksal von 17 Aktivisten in aserbaidschanischen Gefängnissen. Und die Werbewirkung verpufft.

Und das Fernziel Olympia ist auch passé: Gestern mittag hat das Internationale Olympische Komitee in Genf die Stadt Baku aus dem Kreis der Bewerberstädte für 2020 aussortiert. Begründung: „Mangelhafte Infrastruktur und fehlende Erfahrung bei der Ausrichtung von Großereignissen.“ Ausgerechnet. Hunderte Millionen hat man investiert, gute Stimmung im Westen gemacht, die Alijev-Stiftung spendete gar 50 000 Euro für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Und nun das.

Doch auch viele ESC-Gäste sind irritiert. Nicht nur von der mediterranen, wenn auch disneyhaften Schönheit dieser alten Ölstadt. Sondern von der Tatsache, dass hier offenbar kaum jemand nach Freiheit in westlichem Sinne dürstet, dass Ilham Alijev, der omnipräsente Präsident mit dem Schnäuzer, nicht etwa als Despot gilt, sondern als Wohltäter. Der Stolz ist groß, nicht nur in der reichen Elite. Frage an einen Hotelangestellten: „Woher kommt das Geld für all die Neubauten?“ – „Von der Regierung.“ – „Und woher hat die Regierung das Geld?“ – „Keine Ahnung.“ Lachen. „Aber sieht doch toll aus, Baku.“

Stadtrand. Bröckelnde, geduckte Häuschen, Kinder ohne Schuhe, kleine Mütterlein, die ein paar Gurken und Piroggen verkaufen. Bis hierhin hat es der neue Reichtum nicht geschafft. „Baku“, sagt der Fahrer knapp und deutet hinaus. Ein hinkender Mann kommt ans offene Fenster geschlurft. Er muss nichts sagen. Der Fahrer reicht ihm wortlos einen Manat, etwa einen Euro.

Jahrelang gehörte der Neun-Millionen-Einwohner-Staat zu den rätselhaftesten der 15 früheren Sowjetrepubliken – für westliche Augen ein Witz auf der Weltkarte. „Aserbaidschan kennt keiner bis auf ein paar Turkologen, Kaviarhändler und Ölexperten“, schrieb 2006 der Journalist Ingo Petz in seinem Buch „Kuckucksuhren in Baku“. „Allein der Name hört sich an wie ein Antidepressivum.“ In aller Ruhe konnte Präsident Hejdar Alijev das Land in den frühen Neunzigern, nach der Unabhängigkeit von Moskau, in Richtung Westen ausrichten. Öl- und Gaspipelines wurden zu Lebensadern des neuen Aserbaidschans. „2004 kam dann so langsam das echte Geld“, sagt ein Ölbauingenieur. Er reist für den Ölkonzern Socar um die Welt. Socar ist der Hauptsponsor des Grand Prix.

Vor vier Wochen in Baku. Der Journalist Idrak Abbasov will filmen, wie Häuser abgerissen, Bewohner vertrieben werden. Sicherheitsleute schlagen ihn bewusstlos. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus. „Die Jagdsaison ist eröffnet“, sagt er. „Und nach dem ESC wird es noch schlimmer.“ Ein paar Wochen zuvor: Der Blogger Jamal Ali rappt in einem YouTube-Video, er beschimpft den Präsidenten. „Fuck you“, ruft er. Zehn Tage Gefängnis. Polizisten stülpen ihm eine Plastiktüte über den Kopf, schlagen ihn, zwingen ihn, dem Präsidenten dafür zu danken, dass der ESC in Baku stattfindet.

2003, nach zehn Jahren, übergab der ehemalige KGB-General Hejdar Alijev die Geschäfte an seinen Sohn Ilham. Der änderte 2009 die Verfassung und machte sich faktisch zum Präsidenten auf Lebenszeit, gestützt auf einen gewaltigen Geheimdienstapparat. Das Internet ist zwar frei, die Presse darf offiziell schreiben, was sie will, der Einfluss des mächtigen Irans nebenan erstaunlich gering, die Armutsrate sank nach westlichen Angaben in zehn Jahren von 40 auf 6,7 Prozent. Doch die Unterdrückung geschieht subtil: untergeschobene Drogen, Drohanrufe, Sabotage, Festnahmen aus fadenscheinigen Gründen, Kameras in Privatwohnungen, Erpressung, Einschüchterung, Sippenhaft. Baku soll eine Geldmaschine wie Dubai werden, und nichts soll dabei stören. Kritik an der blühenden Korruption, an Alijev, an seiner schillernden Ehefrau und ESC-Cheforganisatorin Mehriban Alijeva, an den Geschäften seiner Familie und seinen beiden glamourösen Töchtern, den Kardashians von Baku,  wird man in den Staatsmedien nicht hören.

Die Nervosität ist groß. In alter sowjetischer Überspanntheit wittert die Präsidialkanzlei unter der geistigen Führung des 74-jährigen Chefideologen Ali Gassanow reflexhaft eine von Deutschland aus gesteuerte Kampagne gegen das Land. „Aserbaidschan ist nicht Nordkorea oder der Iran“, sagt der kritische Blogger Emin Milli. „Gerade deshalb war die Regierung so überrascht und schockiert von der  massiven Kritik.“ Es folgte  eine Schmutzkampagne alter Schule.

Die Staatsmedien bissen geradezu um sich, berichteten über Frankfurt am Main als Sex- und Drogenmoloch und stellten einfach mal die Frage, wer eigentlich damals den Zweiten Weltkrieg begonnen hat. Vor allem die deutschen Journalisten gelten als gesteuerte Agenten, Handlanger einer großen Macht, die dem kleinen Land die Butter auf dem Brot nicht gönnt.

Man hat offenbar Angst vor dem PR-GAU. Allein beim Eurovision-Finale morgen Abend in der 120 Millionen Euro teuren „Crystal Hall“ sollen bis zu 1000 Sicherheitskräfte in Zivil sitzen. Unauffällige Herren in Freizeitkleidung, bereit, jedem Protestler sein Poster aus den Händen zu reißen.

Party im „Euroclub“. Ein deutscher Gast-DJ legt „Apricot Stone“ auf, den armenischen Grand-Prix-Beitrag von 2010. Die schwule Kernzielgruppe des ESC tanzt und flirtet. Sofort kommt der Chef des Clubs angelaufen. Verboten. Keine armenische Musik. Anweisung von oben. Armenien boykottiert den ESC in Baku. Man befindet sich faktisch im Krieg um die Enklave Berg-Karabach, es ist die große, offene Wunde dieses Landes.

Viel zu lange schwieg die Europäische Rundfunkunion EBU als ESC-Veranstalter zu den Unwuchten dieses seltsamen Grand Prix. Man stellte sich taub, verpasste jede Gelegenheit, das Land auf die eigenen Normen von Gleichbehandlung und Fairness einzuschwören und Zensur zu untersagen. Die Kölner Produktionsfirma Brainpool, die mit 550 Leuten die TV-Show für 120 Millionen Zuschauer schmeißt, sieht sich nüchtern als „technischer Dienstleister“ und „Zaungast“. Die Baufirma Alpine AG, die die „Crystal Hall“ hochzog, lobt die Kooperation vor Ort. Aufträge im Wert von 180 Millionen Euro sollen an deutsche Firmen gegangen sein. Man sei nicht in diplomatischem Auftrag hier, heißt es meist. Musik. Man wisse schon. Das sei das Thema.

Musik? Für Bakus Machtelite geht es um viel mehr. „Im Fernsehen wurde der männlichen Bevölkerung gepredigt, während des Eurovision-Wettbewerbs auf das Tragen von Tennissocken zu verzichten“, berichtet die in Baku geborene, 27-jährige Schriftstellerin Olga Grjasnowa. Das Problem ist bloß: Bei Europa geht es nicht um Tennissocken.

Vor ein paar Tagen, auf der Flughafenstraße, ist ein alter Lada liegen geblieben. Er stand mitten auf der achtspurigen Autobahn. Und die Symbolkraft dieses Bildes würde Alijev gar nicht gefallen: Da rauscht links und rechts das neue Aserbaidschan in seinen SUVs vorbei, und der alte Lada stottert und bleibt stehen, und sein Fahrer mit weißem Bart weiß nicht mehr weiter.

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Eurovision Song Contest 2012
Foto: Die 29-jährige Schwedin Loreen gehört klar zu den Favoriten im zweiten ESC-Halbfinale.

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