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Die Mach tder Maschinen

Schauspiel Hannover Die Mach tder Maschinen

Rainald Grebe hat sich was vorgenommen. Sein Projekt "Anadigidings" am Schauspiel Hannover beschreibt einen Riss durch die Gesellschaft. Und das auch noch zum Mitmachen.

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Rainald Grebe auf der Bühne.

Hannover. „Sauer war ich“, brüllt Hagen Oechel, „so sauer!“ 2400 Mark habe sein erstes Handy 1991 gekostet - und zwei fünfzig für jede Sprechminute. „Ruft mich nicht an“, brüllt er noch, „und verlangt bloß nicht, dass ich zurückrufe!“

Der Wutausbruch ist gespielt, er findet auf dem Theater statt, doch er speist sich aus der Erinnerung an echte Wut. Denn hier fällt die imaginäre „vierte Wand“ zum Publikum, hier erzählen Schauspieler eigene Erlebnisse über die Rampe hinweg. Das ist Konzept bei Rainald Grebes Schauspielexperiment „Das Anadigiding“. Es gehe um „die Spaltung der Gesellschaft“, sagt der 43-Jährige, der hier als Maître de Plaisir auftritt. Es geht um den Riss zwischen analoger und digitaler Technik und Mentalität. Dieser Riss teilt, wie Grebes erste Frage zeigt, auch das Publikum: Twittern in der Premiere? Digitale Kommentare zum analogen Spiel? Ungefähr jeder Zweite ist dagegen.

Der Sänger, Schauspieler und Kabarettist bietet an diesem Abend auch sonst Mitmachtheater. Vom Mitsingen und Händerecken beim „Multitasker“-Song („Ich red mit Fred und sims dabei mit Klaus, telefonier dabei mit Pia und seh unterfordert aus“) bis zur Bitte um Kommentare im Anadigiding-Blog - und um Fundstücke aus der analogen Ära.

Die wird da für beendet erklärt - in einer Abschiedspräsentation alter (Kultur-)Techniken wie Telegramm oder Kassette, Brieffreundschaft oder Brockhaus. „Die Menschheit schafft sich fortschreitend ab“, sagt der durch die Glasknochenkrankheit kleinwüchsige Klaus-Dieter Werner, einer der Stars des Abends neben Grebe. Ist jeder Fortschritt ein Verlust? Der Abgesang auf alte Techniken streift auch Scharlatanerien - etwa den sprichwörtlich „getürkten“ Schachspielautomaten aus dem 18. Jahrhundert, in dessen Bühnennachbau Klaus-Dieter Werner feixend zum Vorschein kommt. Die anderen Akteure nähern sich dem schweren Thema gleichfalls mit schriller Leichtigkeit. Sarah Frankes Facebook-Hassrede erntet ebenso Szenenapplaus wie Henning Hartmanns Schilderung Hannovers durch die Google-Brille.

Lacht man darüber dereinst ebenso wie über den Schachtürken? „Das Anadigiding“ banalisiert die neue Digitalära keineswegs. Zwischendurch wird Grebe scheinbar gegen seinen Willen erst vom Schnürboden verdeckt, dann hinter der Rampe versenkt. Führt die Maschinerie plötzlich Regie? Grebe weist damit auf das Risiko hin, das in der Macht „intelligenter“ Maschinen liegt. In Zeiten, da Computer in Nanosekunden Aktienkäufe tätigen, gerät das menschliche Maß in Gefahr.

Klar: Ausgeschöpft ist das Thema noch längst nicht. Aber dies ist ja nur der erste Teil des auf drei Spielzeiten angelegten Anadigiding-Projekts. Und das Premierenpublikum zeigt ganz klar Lust auf mehr: Sechsmal werden die Akteure am Ende auf die Bühne zurückgeklatscht.

Weiter am 10., 11., 12., 15, 18. und 19. Juli. Kartentelefon (05 11) 99 99 11 11.

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