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"Heaven (zu Tristan)" auf der Cumberlandschen Bühne

Niedergang Ost "Heaven (zu Tristan)" auf der Cumberlandschen Bühne

Ansichten aus Wolfen: Fritz Katers "Heaven (zu Tristan)" auf der Cumberlandschen Bühne: Das Stück hat was. Ein großes Thema (den Abbau Ost), ein paar hübsch miteinander verwobene Handlungsstränge und eine ziemlich beeindruckende geistesgeschichtliche Grundierung.

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Selbstmordversuch mit der Nebelmaschine: Helga (Johanna Bantzer) und Psychiater Königsforst (Christian Kuchenbuch) haben genug von Wolfen und vom Leben.

Quelle: Karwasz

Hannover. Am Ende macht Simone, die selbstmordgefährdete junge Frau, eine Rechnung auf: „Wolfen. 44000 - 1990; 25000 - 2005. Macht 19000 minus plus ein Micha“. Micha ist ihr junger Bruder. Er wurde von ein paar Leuten aus einer Gang mit Baseballschlägern erschlagen. Die Stadt Wolfen stirbt langsamer. Sie stirbt, weil die Leute weggehen. 19000 in 15 Jahren. Zu DDR-Zeiten stand hier die Filmfabrik Orwo, das Werk versorgte fast den gesamten Ostblock mit Filmmaterial. 14500 Menschen waren in den letzten Tagen der DDR im Werk beschäftigt. 1994 hat Orwo Konkurs angemeldet.

Es ist immer weniger Arbeit da. Es sind immer weniger Menschen da. Aber es sind noch fast genau so viele Häuser da. Und es ist Liebe da und Schmerz und Trauer. Und Träume sind auch noch da. Über Wolfen, über das, was geht, und das, was bleibt, hat der Dramatiker Fritz Kater (es ist das Pseudonym des Regisseurs und Theaterleiters Armin Petras) ein Stück geschrieben. „Heaven (zu Tristan)“ wurde 2007 als Koproduktion zwischen dem Frankfurter Schauspiel und dem Maxim-Gorki-Theater in Berlin uraufgeführt, die Inszenierung wurde zu den Mülheimer Theatertagen, zum Heidelberger Stückemarkt und zu den Hamburger Autorentheatertagen eingeladen. Es ist ein bemerkenswertes Stück. Es ist realistisch, politisch, packend, witzig und tiefgründig. Kater/Petras erzählt vom Architekten Anders, der weggeht, von Simone, die ihn liebt, aber dableibt, vom Psychiater Königsforst und seiner Frau Helga, die einen gemeinschaftlichen Selbstmord planen, der dann aber scheitert. Von deren Tochter Sarah, die Berufsmusikern ist und sich eisern durchs prekäre Leben übt.

Und er erzählt von Robert, dem Träumer. Der will mit Grundwasser das stillgelegte Freibad fluten oder in einer Kiesgrube Wein anbauen. Ansonsten sammelt er Pfandflaschen. Und hilft Simone dabei, ihr Leben einigermaßen auf die Reihe zu kriegen. Die denkt an Selbstmord und hat eine Affäre mit Psychiater Königsforst, dessen Tochter wiederum Anders kennenlernt.

Das Stück hat was: ein großes Thema (den Abbau Ost), ein paar hübsch miteinander verwobene Handlungsstränge und eine ziemlich beeindruckende geistesgeschichtliche Grundierung. Novalis wird zitiert, Forschungsgeschichte (von Tycho Brahe bis zur glücklosen Atomforscherin Marietta Blau) klingt an, und der Tristan-Mythos kommt auch vor. Das Stadttheater braucht sich nicht zu schämen, wenn es „Heaven“ auf den Spielplan nimmt.

In Hannover wird das Stück auf der kleinen Cumberlandschen Bühne gespielt. Regisseur Sascha Hawemann (der zum ersten Mal am hannoverschen Staatstheater inszeniert) hat nicht den großen Wurf gewagt und das Stück irgendwie anders, vielleicht auch neu zu lesen versucht. Er bleibt nah am Text, stellt ihn in einen rustikalen Rahmen mit viel Sperrholz und offenen Stellen, durch die man auf die Gerüststruktur und die Räder eines beweglichen Bühnenportals (entworfen von Alexander Wolf) blicken kann. Es riecht nach Brecht.

Aber während Brecht seinem Publikum sein „Glotzt nicht so romantisch“ entgegengeschleudert hat, befiehlt hier der Schauspieler Hagen Oechel einer Zuschauerin in der ersten Reihe: „Guck nicht so ernst“.

Manchmal allerdings geht es nicht anders. Wenn auf der Bühne ohne Unterlass hochtourig geblödelt wird, wenn Schauspieler „Brumm Brumm“ machen, sobald sie eine Autofahrt darstellen, wenn leere Plastikflaschen über die Bühne gekickt werden, dann kann man im Zuschauerraum durchaus mal ein bisschen ernst werden und sich zum Beispiel fragen, wo man das schon mal gesehen hat. Die Plastikflaschen, die Lebenskünstler Robert aus großen Säcken auf die Bühne kippt - und deren Zerknacken dann zum Sound des Abends wird, sind zwar vom Autor gefordert (im Jahr 2007), aber leider doch auch ziemlich bekannt auf deutschen Bühnen (Mehrwegflaschen eben).

Regisseur Hawemann lässt seine Darsteller mächtig aufdrehen und alles ziemlich dick auftragen. Hagen Oechel (ein sehr guter, sehr auffälliger Schauspieler) spielt den Lebenskünstler und Plänemacher Robert mit erheblichen Olaf-Schubert-Anklängen, aber aufgedrehter, mit einem Dauerpoltern, das bald langweilig wird. Christian Kuchenbuch gibt den Psychiater Königsforst erst als grauen Intellektuellen, später, nach dem vermasselten Selbstmord und dem Zwischenspiel mit der schönen Simone hat er sich ein Lächeln ins Gesicht gemeißelt. Johanna Bantzer spielt die leidende Simone als Schmerzensfrau. Auffällig ist ihre Ähnlichkeit mit Fritzi Haberlandt, die die Rolle in der Uraufführungsinszenierung spiele. Camill Jammal monologisiert als waidwunder Architekt, Sarah Franke ist die rigorose Musikerin, die von der Liebe gepackt wird, und Lisa Natalie Arnold spielt die Ehefrau des Psychiaters etwas schrill und wie unter Strom gesetzt. Manchmal wirkt das ziemlich verbissen.

Von Figurenzeichnung kann im Grunde kaum die Rede sein, denn fein gezeichnet ist hier nichts, alles ist eher mit breitem Pinsel gemalt. Das ist natürlich irgendwie in Ordnung - aber man muss sich auch nichts darauf einbilden. Ein Wagnis ist so eine spaßige Sperrholzinszenierung nicht. Die Herausforderung wäre eine andere gewesen, sie hätte darin bestanden, dem Stück, das zum groben Spiel einlädt, etwas Feines, Leises, Vorsichtiges entgegenzusetzen.

Und das Ganze vielleicht auch in etwas weniger als knapp drei Stunden zu Ende zu bringen.

Wieder am 2., 7. und 30. März.

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