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Hannover erinnert an Horst Bienek

„Horst Bienek zum 20. Todestag“ Hannover erinnert an Horst Bienek

Vor 20 Jahren starb der Schriftsteller, Filmemacher und Künstler Horst Bienek – Hannover erinnert an den Autor, dessen Nachlass in der Leibniz Bibliothek liegt. Er hat ein umfangreiches Werk geschaffen. Trotzdem ist er fast vergessen. Warum? „Keine Ahnung“, sagt sein Verleger.

Horst Bienek war Romancier, Lyriker, Lektor, Filmemacher, Redakteur, und die Literaturabteilung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste leitete er auch eine Weile. Er hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen, darunter im Jahr 1978 den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen, doch im literarischen Bewusstsein der Gegenwart ist er kaum noch präsent. Das könnte sich zumindest in Hannover ändern: Unter dem Titel „Horst Bienek zum 20. Todestag“ erinnert ein Abend im Literaturhaus an den am 7. Dezember 1990 in München gestorbenen Autor.

Gut zwei Dutzend Bücher hat Bienek geschrieben; sein umfangreiches Werk ist mit zwei Städtenamen verbunden: Workuta und Gleiwitz. 1952 wurde der 22-Jährige in Ost-Berlin wegen angeblicher Spionage und sogenannter Sowjethetze zu 25 Jahren Zwangsarbeit im nordrussischen Workuta verurteilt. Nach einer Amnestie drei Jahre später siedelte er in die Bundesrepublik über und veröffentlichte bald darauf sein „Traumbuch eines Gefangenen“, das sich – ebenso wie der Roman „Die Zelle“ – um Haft- und Lagererfahrung dreht. Ein größeres Publikum lernte ihn durch die Gleiwitz-Tetralogie kennen. Der Auftaktband, „Die erste Polka“, erschien 1975; sieben Jahre später bildete der Band „Erde und Feuer“ den Abschluss. Bienek, 1930 in Gleiwitz geboren, erzählt von Oberschlesien zwischen 1939 bis 1945, vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zu der Flucht der deutschen Familien.

Dass ausgerechnet Hannover an den Autor erinnert, der lange in München lebte, hat einen Grund: Sein Nachlass liegt bei der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. Das hängt damit zusammen, dass Literatur aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus Ost- und Südosteuropa in den siebziger, achtziger Jahren zu einem Sammlungschwerpunkt in Hannover aufgebaut werden sollte. Diese Sammlungsausrichtung wurde nach 1989 nicht weiterverfolgt. Zudem, so Bibliotheksprecherin Marita Simon, bestand ein persönlicher Kontakt zwischen dem früheren Bibliotheksdirektor Wilhelm Totok und Bienek, der testamentarisch festlegte, dass sein Nachlass nach Hannover verkauft werden solle.

Das Vermächtnis lagert in zwölf Stahlschränken, jeder rund ein mal zwei Meter groß. Darin befinden sich eine Arbeitsbibliothek (8000 Bände), Handschriften, Manuskripte, persönliche Briefe, zudem eine Sammlung von 2200 Fotos sowie Kunstwerke, die Bienek gesammelt und solche, die er selbst geschaffen hat. Außerdem gehören zum Nachlass Filme; Horst Bienek hat Drehbücher geschrieben und auch selbst Regie geführt. Die Filme lagern, weil das leicht entzündliche Material in der Bibliothek nicht fachgerecht aufbewahrt werden kann, im Filmarchiv Babelsberg.

Rund 220.000 D-Mark, sagt Marita Simon, zahlte man damals für die Hinterlassenschaft. Die Leibniz Bibliothek ist Eigentümerin des Nachlasses, das Urheberrecht der Texte liegt aber bei der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und das Verwertungsrecht beim Münchener Hanser Verlag, Bieneks früherem Verlag. Dessen Geschäftsführer Michael Krüger war mehrere Jahre Lektor des Autors. An ihm, sagt Krüger, schätze er besonders „die künstlerische Insistenz, mit der er die alte preußische Kolonie wieder zum Leben erweckt hat“. Warum der Schriftsteller heute weitgehend vergessen ist? „Keine Ahnung“, sagt Krüger und ergänzt, dass der Autor in Polen, in Schlesien zumal, überhaupt nicht vergessen sei. Derzeit prüft der Verleger ein 1000-Seiten-Tagebuch Bieneks auf eine eventuelle Veröffentlichung. Doch was auch immer aus dem Nachlass publiziert würde: Die drei Rechte-Inhaber – Leibniz Bibliothek, Bayerische Akademie und Hanser Verlag – müssten sich einig sein.

Fest steht schon jetzt, dass die Leibniz-Bibliothek fürs kommende Jahr einiges zu Bienek vorbereitet. So soll eine Ausstellung entstehen, außerdem sind ein Kolloquium und ein Abend mit Zeitzeugen, die ebenfalls als Zwangsarbeiter in Workuta waren, geplant.

„Horst Bienek zum 20. Todestag“: Am Montag, 6. Dezember, 19.30 Uhr, im Literaturhaus, Sophienstraße 2. Die Lesung und das Gespräch mit Hanser-Chef Michael Krüger moderiert Reinhard Laube von der Leibniz Bibliothek.

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