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„Wind River“ – Blutiger Schnee

Kino „Wind River“ – Blutiger Schnee

Mörderjagd im Reservat: Ein Fährtenleser folgt im Krimi „Wind River“ (Kinostart am 8. Februar) der Spur dreier Pumas. Dabei entdeckt er die Leiche einer jungen Frau. Regisseur Taylor Sheridan erzählt in seinem Regiedebüt eine archaische Geschichte. Nie war Jeremy Renner eindrucksvoller als in diesem Film.

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Racheengel im Schneeanzug: Cory Lambert (Jeremy Renner) sucht im winterlichen Wyoming einen Mörder.

Quelle: Foto: Wild Bunch

Hannover. Mit nackten Füßen war Natalie durch den Schnee vor ihren Verfolgern geflüchtet. Am Ende waren die Lungenbläschen der 18-Jährigen in der nächtlichen Eiseskälte von Wyoming geplatzt. Sie erstickte an ihrem eigenen Blut.

Eine verschneite Welt der kargen Worte

Der Jäger Cory Lambert, unterwegs im Dienst der Naturschutzbehörde, hat die junge Frau gefunden. Eigentlich war er hinter drei Pumas her, die eine Kuh gerissen hatten. Dann stieß er auf Natalies blutige Spur und folgte ihr. Lambert versteht sich darauf besser als jeder andere: Er verdient seinen Lebensunterhalt damit, Fährten zu lesen.

Mit nüchternen Worten erklärt Lambert (Jeremy Renner) der eilig herbeigerufenen FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen), wie Natalie starb. Hier in Wyomings Bergen werden keine großen rhetorischen Umwege gemacht, Wortkargheit scheint viele Bewohner auszuzeichnen.

In dieser gewaltigen und auch gewalttätigen Natur geht es immer ums Ganze: Entweder du überlebst, oder du gibst auf. Oder wie es Lambert formuliert: „Der Wolf holt sich nicht den Hirsch, der am meisten Pech hat. Er holt sich den schwächsten.“

Wenn der Glauben an den amerikanischen Traum verloren geht

Natalie aus dem Indianerreservat war eine „Kriegerin“, sagt Lambert, aber sie hatte in dieser Frostnacht keine Chance. Woher sie kam und wieso sie barfuß unterwegs war, lässt sich nach dem Schneesturm nicht mehr rückverfolgen. Die Autopsie zeigt, dass Natalie vergewaltigt wurde.

Eine archaische Geschichte erzählt Taylor Sheridan in seinem momenteweise beinahe meditativen Regiedebüt, das sich nach seinen eigenen Angaben an realen Geschehnissen orientiert. Der Regisseur ist auch der Drehbuchautor des Drogenthrillers „Sicario“ (Regie: Denis Villeneuve) und des Neo-Westerns „Hell or high Water“ (Regie: David Mackenzie), die zusammen mit diesem Film als „American-Frontier-Trilogie“ rangieren. Bei Sheridan geht es immer um die, die den Glauben an den amerikanischen Traum verloren haben.

Taylor Sheridan weiß, wie man Spannung aufbaut

Der Regisseur weiß, wie sich Spannung aufbauen lässt: Er konzentriert sich auf das Wesentliche. Und das ist der Mensch im Verhältnis zu den gewaltigen Schneepanoramen. Grandiose Bilder gelingen Kameramann Ben Richardson in dieser Einsamkeit, in der der Schneemobilfahrer dreckige Linien im Weiß ziehen. Hier pfeift der Wind gnadenlos, wiehern die Pferde ängstlich, wenn sie den nächsten Schneesturm riechen, und hier überprüfen die Zuschauer im warmen Kino besorgt, ob die Protagonisten auch ihre Handschuhe übergestreift haben.

Der Fährtenleser und die junge FBI-Agentin – die kurioserweise in der Wüstenstadt Las Vegas stationiert ist, aber zufällig gerade dienstlich in der Gegend unterwegs war - machen sich mit Hilfe der lokalen Stammespolizei auf die Suche nach den Mördern. Glücklicherweise wird auf die in Krimis üblichen Kabbeleien zwischen den so verschiedenen Ermittlern verzichtet, auch auf eine Romanze sollte niemand hoffen. Hier weiß jeder, was seine Aufgabe ist und was er am besten kann. Der Regisseur entkommt so den Klischees, die in dieser Story lauern.

Geradlinig nähert sich der Zuschauer der Lösung des Falls

In Wyomings Abgeschiedenheit ist allerdings auch keine Zeit für kriminologische Finessen. Erstaunlich geradlinig nähern wir uns der Lösung des Falls. Etwas anderes treibt diese Story an und dämpft sie wie eine dicke Lage Schnee: der Schmerz. Wir stoßen auf das Elend der indigenen Bevölkerung in ihrem Reservat, auf von Drogen zugedröhnte junge Männer in Wohnwagen, die jede Zukunftsperspektive verloren haben oder vielleicht auch nie eine hatten. Und wir erfahren, dass Lambert selbst vor Jahren bei einem Verbrechen seine Tochter verlor.

Natalie war deren Freundin, er selbst kennt ihren Vater gut. Über seinen eigenen Schicksalsschlag ist er zum Experten für die Verarbeitung von Traumata geworden: Lambert weiß, dass man Schmerz akzeptieren muss, um weiterleben zu können.

So gut hat man Jeremy Renner selten gesehen: Zwischen philosophischen Einzeilern und brutaler Härte findet er seinen Weg. Aber hätte der Regisseur nicht einen indigenen Hauptdarsteller vorziehen müssen? Er habe einen Star zur Finanzierung des Projekts gebraucht, hat Sheridan in Interviews gesagt. Und den gebe es unter indianischen Schauspielern leider noch nicht.

Gefangene werden in den Wind-River-Bergen nicht gemacht

Eines aber ist klar, ohne dass dies groß diskutiert werden müsste: Gefangene werden in den Wind-River-Bergen nicht gemacht. „Ich bringe ihn nicht zurück“, sagt Lambert einmal. Nicht einmal die FBI-Agentin widerspricht, die zu diesem Zeitpunkt die verschlossenen Reservatbewohner schon näher kennengelernt hat.

Die immer wieder plötzlich ausbrechende Brutalität in diesem Film erschreckt den Zuschauer dann aber doch. Das schießwütige Finale ist durchaus zweifelhaft. Der Racheengel im weißen Schneeanzug bedient die antizivilisatorischen Instinkte des Publikums perfekt.

Von Stefan Stosch / RND

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