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Staatsoper Hannover

Jules Massenets "Werther" hat Premiere

Die Sängeroper „Werther“ von Jules Massenets feierte am Pfingstwochenende Premiere an der Staatsoper Hannover. Im Stück versuchen die Protagonisten die Fesseln der Norm abzustreifen – sie tun das ebenso leidenschaftlich wie berührend.
Der Tod kommt auf Rädern: Philipp Heo als Werther bringt sich um, Charlotte (Monika Walerowicz) beobachtet es mit Schrecken.

Der Tod kommt auf Rädern: Philipp Heo als Werther bringt sich um, Charlotte (Monika Walerowicz) beobachtet es mit Schrecken. 

© Landsberg

Hannover. Kinder, Küche, Kirche, Krise: Der neue „Werther“ an der Staatsoper Hannover könnte auch „Charlotte“ heißen.

Es geht um Liebesschmerz und Todesverlangen. Und zugleich darum, dass ein Seelendrama wie Jules Massenets „Werther“ nicht nur im späten 19. Jahrhundert, sondern auch in der Gegenwart, im trügerischen Idyll einer kleinbürgerlichen Familie von heute, noch seinen Platz finden kann.

Es ist der Kontrast zwischen diesen beiden Polen - zwischen existenziellen Gefühlen und Alltagspflichten - aus dem Bernd Mottls ins 20. Jahrhundert verlegte Interpretation dieses „Werther“ ihren Reiz bezieht. Jetzt feierte sie an der Staatsoper Hannover Premiere.

Über die Liebe sinnieren

Den Werther lässt der Regisseur, der in Hannover unter anderem schon Frederick Loewes „My Fair Lady“ und Kurt Weills „Street Scene“ inszenierte, gleich zu Beginn in einer profanen Gartenschaukel mit Siebzigerjahre-Anmutung über die Liebe sinnieren. Der junge versponnene Dichter (Philipp Heo) ist fasziniert von Charlotte, der Tochter des Amtmanns (mit Weihnachtsmütze: Michael Dries), die nach dem Tod der eigenen Mutter trotz ihrer gerade einmal 20 Jahre die Ersatzmutter für ihre Geschwister geben muss. Die überragende Monika Walerowicz macht aus ihr einen „Engel der Pflicht“(wie es im Libretto heißt), dessen besondere Anziehungskraft irgendwo zwischen mädchenhaftem Charme und bürgerlicher Fraulichkeit angesiedelt ist.

Der Autocrash

Wohnküche, Waschküche, Wohnzimmer oder Garage ziehen im Laufe der Inszenierung als Spielorte am Publikum vorbei. Goethe hat die Geschichte Werthers in Briefen beschrieben. Mottl erzählt sie bilderbogenartig (Bühnenbild: Friedrich Eggert), verlegt sie bis auf ein letztes, spektakuläres Bild, den Selbstmord Werthers als Autocrash, in die Räume eines kleinbürgerlichen Einfamilienhauses, das sich so in jeder Vorortsiedlung irgendwo in Deutschland befinden könnte. In allen Zimmern sind die Rolladen geschlossen. Die Enge, die in dieser Familie herrscht, wird so versinnbildlicht. Einen Ausblick nach draußen gibt es nicht.

Es sind die genau beobachteten Details, die Mottls Massenet überzeugen lassen. Nur manchmal atmet diese Inszenierung zu sehr den Geist der prüden Siebzigerjahre: Der Hausfrauencharme Charlottes und Sophies (Ina Yoshikawa), die zu oft in Küchenschürze durch das Bühnenbild stapfen, wirkt zu Beginn des 21. Jahrhunderts doch etwas antiquiert. Goethes noch heute oft bei Hochzeiten verwendeter, ziemlich altkluger Aphorismus „Die Ehe ist nie ein Letztes, sondern Gelegenheit zum Reifwerden“, den Mottl dem zweiten Akt voranstellt, löst im Publikum sogar ein empörtes Raunen aus. Dass diese Inszenierung dennoch so gut funktioniert, hat damit zu tun, dass all diese Prüderie und Staubigkeit - von der auch Christopher Tonkin als Albert, Latchezar Pravtchev als Schmidt und Daniel Eggert als Johann ein Lied zu singen wissen - den Kontrast zu der von Massenet so kunstvoll in Musik verwandelten Sehnsucht Werthers und Charlottes nach der großen Liebe nur noch verstärken.

Protagonisten können überzeugen

„Werther“ ist eine Sängeroper, die mit dem Protagonistenpaar steht und fällt. Philipp Heo und Monika Walerowicz gestalten ihre verzweifelten Versuche, die Fesseln der Norm abzustreifen, ebenso leidenschaftlich wie berührend. Wunderbar weich und empfindsam legt Philipp Heo den so weltentrückten und zugleich gegen alle Widerstände an seiner Liebe festhaltenden Werther an. Selbst seinen Ossian-Gesang „Pourquoi me réveiller“ durchzieht trotz aller Verzweiflung vor allem leise Melancholie. Ungleich dramatischer, zerrissen, tragisch, gibt Monika Walerowicz die Charlotte, rückt sie ins Zentrum des Stückes und verwandelt die große Soloszene mit „Laisse couler mes larmes“ in den puren Schmerz einer Frau, die sich zu spät für richtigen Gefühle im Falschen entscheidet und am Ende alles verliert. Dirigentin Anja Bihlmaier, von der kommenden Spielzeit an stellvertretende Generalmusikdirektorin in Kassel, hält Massenets zwischen Härte und Sentiment changierende Musik mit dem Staatsorchester wunderbar in der Balance. Transparent klang das und immer schön.

Wieder am: 30. Mai, 19.30 Uhr, 7. Juni, 18.30 Uhr, und 17. und 19. Juni, jeweils 19.30 Uhr. Karten: (05 11)99 99 11 11.

[Jutta Rinas]

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