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HAZ-Interview mit Jean-Luc Moulène

„Eine andere Kunst beginnt“

Jean-Luc Moulène zeigt seine Werke im Kunstverein. Er fordert ein neues Kunstverständnis und mehr politische Kunst. Redakteur Daniel Alexander Schacht hat den Künstler im HAZ-Interview zu seiner Kunst und Einstellung befragt.

Jean-Luc Moulène, dessen Werk im Kunstverein zu sehen ist, fordert ein neues künstlerisches Selbstverständnis.

© Michael Thomas

Hannover. Ihre Ausstellung im Kunstverein zeigt ein Foto von „Le Roc-aux-Sorciers“ mit prähistorischen Gesteinsskulpturen bei Poitier. Sie haben dazu gesagt: Das ist ein wichtiges Dokument, um zu zeigen: Kunst macht Geschichte. Tatsächlich? Warum?

Wenn man die Geschichte den Historikern überlässt, dann schreiben sie die auf. In Worten. Aber die Geschichte besteht nicht nur aus Worten. Es gehören auch Gefühle und sinnliche Eindrücke dazu, nicht nur die Rationalität. Deshalb bin ich Künstler geworden. Ich bin an die Uni gegangen, um Geschichte zu studieren. Aber dann hat mich das Enigma beeindruckt.

… das Rätselhafte?

Ja, und zwar in allen historischen Objekten. Und ich wollte diese künstlerischen Zeichen der Geschichte mit dem verbinden, was in meiner Gegenwart passiert. Meine Arbeit ist ein Zeugnis meiner Zeit. Natürlich ein anderes als es ein Polizist ablegen würde. Es ist mein individuelles Zeugnis, aber auf der Basis aller früheren Kunst.

Sie verbinden Industrial Design und Industrieproduktion in ihrer Arbeit. Sie nehmen eine Plastikflasche, füllen Sie mit Beton und machen sie dadurch zu etwas Einzigartigem. Sie starten damit einen Diskurs mit dem Industriedesign … 

Es ist eher ein Kampf. Künstlerische Arbeit ist zunächst einmal Arbeit, und die ist nie nur ein individueller Akt. Jeder, der mit mir zusammenarbeitet, ob ein Helfer beim Aufbau der Ausstellung oder eine Autofabrik bei der Herstellung eines Karosserie-Unikats, trägt etwas bei. Nehmen Sie die Fotografie, die zwar individuell ist, aber heute auch ein industrielles Instrument, es gibt also eine starke Verbindung zwischen Fotografie und Industriedesign. Und vergessen Sie nicht: Wer ein Dokument erarbeitet, nimmt dafür immer Elemente der realen Welt auf.

Sie verknüpfen also künstlerische mit industrieller Produktion?

Genau. Denn so entsteht ein großes Panorama aller Arten von Arbeit.

Sie haben beim Rüstungskonzern Thomson in der Designabteilung gearbeitet. Hat das Ihre künstlerische Arbeit verändert?

Davor war ich ja kein Künstler (lacht).

Sie haben Straßenaktionen gemacht, Interventionen, Performances. War das keine Kunst?

Damals haben wir nicht von Kunst gesprochen sondern von Aktivitäten. Aber am Ende des Tages wurden auch diese Aktionen Teil der Kunst.

Sie kombinieren diese Flaschen mit Saint Emilion Grand Cru – Inbegriff eines guten Weines – mit Beton, Knochen und roter Farbe. Wollten Sie diese Aura alten Weines zerstören, eine andere aufbauen?

Es geht um eine andere Aura, ein anderes Ethos. Klar ist ja, dass die traditionelle Aura des Kunstwerks mit dessen technischer Reproduzierbarkeit zerstört ist. Das hat ja schon der deutsche Philosoph Walter Benjamin reflektiert. Aber ich glaube, wir können eine neue Aura auch mit künstlerischer Reproduktion aufbauen. Die klassische auratische Kunst ist Geschichte, aber eine andere beginnt – mit der Industrie und der Reproduktion. Wer heute in den Supermarkt geht, hat eine Riesenauswahl an Produkten. Warum sollte dieses besser als jenes sein? Den Unterschied macht die Aura, die Werbung und Design der Ware verleihen.

Heute wird also, Walter Benjamin zum Trotz, via Warenästhetik eine Art neuer Aura konstruiert? 

Absolut richtig. Benjamin war ein großer Denker, aber auch ein großer Melancholiker. Deshalb konnte er nicht auf selbstkritische Distanz zu seinen Ideen gehen, zu seinen wirklich wunderbaren Arbeiten. Und das ist auch für heutige Denker eine Gefahr.

Auch für Sie?

Ich bin nicht melancholisch. Denn ich bin eher handlungsorientiert, ich denke immer an den nächsten Schritt, künstlerisch und politisch.

Ein politischer Schritt, politische Kunst?

Ob das politisch ist? Unbedingt. Aber ich denke, Politik ist Aktion, nicht Repräsentation, nicht das Getriebe der politischen Institutionen, an die man seine Souveränität abgeben soll.

Sie lassen sich nicht repräsentieren, wollen nicht repräsentieren.

Auf keinen Fall. Ich repräsentiere niemanden, manchmal bin ich nicht einmal sicher, ob ich auch nur mich selbst repräsentiere.

Sie haben überhaupt Argwohn gegenüber Repräsentanzen? 

Deshalb kombiniere ich teuren Wein und billiges Material, um eben auch diese Repräsentanzen bourgeoisen Daseins infrage zu stellen. Schauen Sie genau hin, dann sehen Sie die roten Spuren. Wein wird oft mit Blut verglichen, er hat ein Image von Stärke. Ich lasse ihn sozusagen durch die Knochen laufen. So etwas steckt in der Bewegung der Dinge. Und zugleich steckt darin die Idee, die Waffen zu wechseln.

Wer sich die Arbeitsbedingungen von Weinarbeitern vor Augen hält, mag den Wein auch nicht nur metaphorisch als Blut verstehen. 

Unbedingt. Die Weinernte ist eine blutige Knochenarbeit. Das ist keine schlechte Deutung meiner politischen Arbeit als Künstler.

Interview: Daniel Alexander Schacht

[Daniel Alexander Schacht]

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