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Yoko Ono stellt in Frankfurt aus

Verborgene Welt der Wahrheit Yoko Ono stellt in Frankfurt aus

Die Frage, wie politisch Kunst sein soll, ist so ­gestrig, dass sie allenfalls noch hinter vorgehaltener Hand gestellt wird. Eine klare Antwort gibt Yoko Ono: Kunst kann gar nicht politisch genug sein.

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In der „Half-a-Wind-Show“ gibt es Luft aus dem Kaugummiautomaten (links oben), Wassergläser von Sokrates bis Strindberg (links unten) und bewegliche Berge aus menschlichen Säcken. Rechts unten Kuratorin Inge Pfeiffer, Yoko Ono und Max Hollein bei der Vorstellung der Retrospektive.

Quelle: Carsten Beckmann

Frankfurt. Dieses Statement hätte man durchaus auch erwarten dürfen von jener Frau, deren Werk-Retrospektive eines halben Jahrhunderts ab sofort in der Frankfurter Schirn zu sehen ist. „Weil die Politik immer uninteressanter und die Rolle von Politikern immer schwächer wird, muss die Kunst Stellung beziehen“, sagte Ono gestern während der Präsentation der „Half-a-Wind-Show“ in Max Holleins Ausstellungsräumen.

Bis 12. Mai sind unter dem Titel "Half-a-Wind Show" rund 200 Objekte, Fotos, Videos, Installationen und Zeichnungen von Yoko Ono in Frankfurt zu sehen.

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80 Jahre alt wird Yoko Ono in wenigen Tagen, und während die Kunstwelt ihre Produktivität über alle Maßen lobt, geht die Japanerin selbst weitaus selbstkritischer mit ihrem Output um: „Ich habe das Gefühl, bisher viel zu wenig getan zu haben, aber ich verspreche, nach meinem Geburtstag, in einem neuen, zweiten Leben all das zu tun, was ich bisher noch nicht getan habe.“ Dieses große Understatement begleitet die kleine Frau in Schwarz mit jenem Mädchenkichern, das sie vermutlich nie ablegen wird.

Alle Sinne einschalten muss, wer Yoko Onos künstlerisches Universum durchdringen will. Zwischen „konzeptionell-partizipativen“ Exponaten und musealer Kunst ordnet Kuratorin Inge Pfeiffer das Gezeigte ein, gemeint ist eine Retrospektive, die hier zum Mitmachen einlädt, dort zum Lesen, Hören und Zuschauen verführt. Körperkunst, Avantgardemusik, Malerei, Fluxus, Popkunst - seit den frühen 60er Jahren ist die Witwe John Lennons so umtriebig durch die US-amerikanische Kunstszene gefegt, dass die rund 200 in der Schirn gezeigten Objekte nur einen Bruchteil von Yoko Onos Schaffen abbilden können.

Unsichtbar im schwarzen Sack

In die schwarzen Mountainsäcke ist Schirnchef Max Hollein selbst noch nicht gekrochen, doch er denkt schon über Partizipation nach: „Mal sehen, vielleicht machen wir hier unsere nächste Mitarbeitversammlung“, scherzt er beim Rundgang. Blind und anonym im schwarzen Sack, für alle sichtbar im Glaslabyrinth oder bei einer Partie Schach mit ausschließlich weißen Figuren: Näher am Werk kann man kaum sein. Doch es sind insbesondere auch jene statischen Installationen wie der „halbe Raum“ oder „Balance Piece“, die den Betrachter gleichsam mental ins Werk ziehen, obwohl die räumliche Distanz gewahrt ist.

Über das Darstellungskonzept des „halben Raums“ gerät Yoko Ono gern ins Philosophieren: „Wir kennen immer nur die Hälfte der Wahrheit, die andere ist verborgen.“ Wer jedoch seine Vorstellungskraft beanspruche und seine Sensibilität wecke, könne auch die verborgene Seite der Wahrheit entdecken.

„Wir müssen dafür sorgen, dass keine Frau auf der Welt mehr leidet."

Feministische Kunstkonzepte hatten sich noch gar nicht manifestiert, als Ono sich auf offener Bühne die Kleider zerschneiden ließ oder sie vor laufender Filmkamera Fliegen über nackte Körper krabbeln ließ. Der weltweite Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen war damals ihr Thema, und es ist ihr Thema bis zum heutigen Tag. Doch heute sagt Yoko Ono auch Dinge wie: „Wir müssen dafür sorgen, dass keine Frau auf der Welt mehr leidet. Und wir müssen als Frauen so stark werden, dass wir der anderen Hälfte der Menschheit - den Männern - helfen können, die ja auch leiden.“ Altersmilde? Irrtum - eine künstlerische Kämpfernatur ist Yoko Ono nach wie vor: „Wenn auf der Welt wirklich alles so schlimm ist - warum springen wir dann nicht einfach aus dem Fenster? Dafür stehe ich nicht zur Verfügung - wir sind soziale Wesen und müssen die Welt besser machen!“

  • Yoko Ono: „Half-a-Wind-Show. A Retrospective“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 12. Mai.

von Carsten Beckmann

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