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Staatsbesuch mit familiärem Charakter

Frank-Walter Steinmeier in Gießen Staatsbesuch mit familiärem Charakter

Museen schützen besonders wertvolle Exponate wie rohe Eier. Ähnlich verhält es sich, wenn die höchsten Repräsentanten des Landes zu Besuch in der Provinz sind. Auch wenn es für diese wie ein Besuch in der Heimat ist.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird bei seiner Ankunft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen herzlich von Marga Pfeffer begrüßt, die 47 Jahre lang Sekretärin im Fachbereich Jura war. Sie hatte damals auch Steinmeiers Doktorarbeit abgetippt.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Gießen. Frank-Walter Steinmeier ist noch nicht viele Schritte von seiner Dienstlimousine in Richtung Universität geschritten, da herzt er eine ältere Dame. Marga Pfeffer war früher Sekretärin in der Juristischen Fakultät - auch in der Zeit, als der heutige Bundespräsident an der Justus-Liebig-Universität studiert und seinen Doktor­titel erworben hat. Entsprechend entspannt geht das deutsche Staatsoberhaupt gestern diese zweite Station seines Antrittsbesuchs in Hessen an.

Es ist für Steinmeier, aber auch seine Frau Elke Büdenbender, die ebenfalls in Gießen Jura studiert hat, die Rückkehr zu den Wurzeln der eigenen Karriere. Und weil auch der Tour-Begleiter, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, ein Absolvent der Gießener Jurafakultät ist, drehte sich das von Stein­meier gewünschte Gespräch mit heutigen Studenten des Fachbereichs zunächst auch vor allem um den Vergleich von früher und heute.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau kamen in Gießen an den Ort ihres Studiums zurück

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So entspannt wie das Präsidentenpaar können andere die Visite des früheren Außenministers nicht angehen. Während Steinmeiers Visite kreist ein Hubschrauber über dem Unigelände in der Licher Straße, alle Wege der hohen Gäste sind mit schwer bewaffneten Polizisten und Personenschützern gesichert. Kamerarucksäcke werden vor Beginn von einem Spürhund der Polizei abgeschnüffelt. Text- und Bild­journalisten und Kameraleute werden vorab gebrieft, was sie wann dürfen und was nicht. Und so diskutiert der Bundespräsident fast privat in einem Seminarraum mit 20 Studierenden über Demokratie, die europäische Krise und über das politische Engagement der jungen Generation, das deren Vertretern selbst deutlich schwächer vorkommt als in früheren Zeiten. Viele seien nur auf ihr Studium und einen schnellen Abschluss fixiert, klagt ein Student. „Politisch interessiert, das schon - aber engagiert? Eher nicht.“

Ministerpräsident Bouffier hält da dagegen. Die Konzentration auf die eigene Laufbahn, das habe es früher unter den Studenten genauso gegeben. Steinmeier sagt, dass es so viel mehr doch gar nicht brauche, als „einen Teil des Kopfes für Politik freizuhalten“ und sich zu fragen: „Wo ist denn meine Rolle in diesem Gemeinwesen?“

Der Bundespräsident sieht auch nicht allein die jungen Menschen in der Bringschuld. Die Politik (und die Medien) müssten sich eingestehen, dass sie über gedruckte Interviews und Nachrichtensendungen im Fernsehen nicht mehr alle Menschen erreichten. Es brauche neue Wege, damit die Kommunikationsstränge nicht aneinander vorbei laufen. Auch, indem man ehrlich über Europa und seine Defizite spreche.

„Man darf das europäische Friedenserbe nicht aus Unlust vertändeln“, mahnt Steinmeier. Aber man müsse Schwierigkeiten ansprechen und Lösungen finden für drängende Probleme - wie den Abbau der gravierenden Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa und „einen gemeinsamen europäischen Pfad zum Umgang mit Migrations- und Flüchtlingsbewegungen“. Ohne das werde es schwierig mit der Einheit Europas.

Viel über Demokratie zu sprechen und für die Errungenschaften Europas zu werben, das hat sich Steinmeier nach seinen Worten für diese Amtszeit vorgenommen. Und dabei setze er Hoffnung in junge Menschen wie die in Gießen, denen er noch auf den Weg gibt: „Wenn man an ein bisschen mehr denkt als nur an sich selbst, dann ist das schon Politik“.

von Michael Agricola

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