Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Holpriger Start und Flug ins Ungewisse

Flughafen Kassel-Calden Holpriger Start und Flug ins Ungewisse

Getrübte Feststimmung bei der Eröffnung des Regionalflughafens Kassel-Calden. Negative Schlagzeilen und ausbleibende Passagiere ärgern die Macher. Die ersten Fluggäste stört das nicht.

Voriger Artikel
Am liebsten ist ihm der "Normalfall"
Nächster Artikel
Sie wollen alle nur spielen

Ein Airbus A 319 der Fluggesellschaft Germania bei der Landungs-Premiere auf dem Flughafen Kassel-Calden. Nach rund 15 Jahren des Planens, Prüfens und Bauens übergab Flughafen-Chef Jörg Ries gestern den symbolischen Schlüssel an Thomas Schäfer.

Quelle: Uwe Zucchi

Kassel-Calden. Und dann gab es sie doch: Eine Verspätung am Flughafen Kassel-Calden. An Nordhessens neuem Regionalflughafen war doch alles nach Plan gelaufen, wenn man von der Kostensteigerung mal absieht - aus geplanten 151 Millionen Euro wurden schließlich 271. Der Bau war zu Eröffnung pünktlich fertig. Den Kollegen in Berlin zeigte man die lange Nase.

Doch dann blockierte gestern Vormittag eine Maschine der Fluglinie Air Namibia das Gate E 24 am Frankfurter Flughafen. Von diesem aus sollte die Sondermaschine mit geladenen Gästen - unter anderem Hessens Finanzminister und Flughafen-Aufsichtsratschef Thomas Schäfer (CDU) - als erste die Landebahn in Kassel-Calden ansteuern.

Als vielleicht einziger Passagierflieger, der diese unwirtschaftlich kurze Route je fliegen wird, setzte der A319 der Airline Germania nach nur 23 Minuten Flugzeit und mit elf Minuten Verspätung auf der Landebahn in Nordhessen auf. Die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun, die ausgeteilten Sektflaschen rechtzeitig vor der Landung wieder einzusammeln. Nach einem ruhigen Flug bei diesigem Aprilwetter berührten zum ersten Mal die Reifen einer offiziellen Passagiermaschine die neue Landebahn in Kassel: Es war genau 11.11Uhr, als eine Blaskapelle, die Flughafen-Chefs und hunderte Schaulustige die Ehrengäste begrüßen konnten.

Kritiker verstummen nicht

Mancher wird das wohl für eine passende Start-Zeit für einen Flughafen halten, in dem viele Kritiker nicht mehr sehen als einen schlechten Scherz. Auch am Eröffnungstag verstummten die Gegner nicht. Der Flughafen sei „überflüssig und wirtschaftlich eine Katastrophe“, sagte die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Karin Müller. „Mit dem Geld hätte man viel mehr für Nordhessen erreichen können als mit diesem vermeintlichen Leuchtturmprojekt aus der Ära Koch.“

Der Bund der Steuerzahler warnte, der neue Regionalflughafen in Nordhessen komme die Bürger teuer zu stehen. Bei der Planung hätte sich die Landesregierung weniger an Bedarf und Kosten ausgerichtet als vielmehr an der Regionalpolitik, kritisiert der Landesvorsitzende Joachim Papendick. Land und Kommunen tragen den Hauptteil der Baukosten und werden auch für die zu erwartenden Verluste in den ersten Betriebsjahren aufkommen. Im Jahr 2013 sind dafür 4,5 Millionen Euro Landesmittel eingeplant.

Ungelegen kam den Verantwortlichen deshalb wohl auch ein holpriger Start: Einige Flüge nach Antalya, die ab heute vom Flughafen Kassel-Calden geplant waren, mussten mangels Interesse zusammengelegt werden und starten nun ausgerechnet vom rund 70 Kilometer entfernten Regionalflughafen Paderborn- Lippstadt. Die Macher am nahen Flughafen in Ostwestfalen gehören zu den lautesten Kritikern von Kassel-Calden.

Paderborn hatte im letzten Jahr zehn Prozent weniger Passagiere. Die Menschen fliegen in der Finanzkrise weniger. Regionalflughäfen haben es schwer. Man befürchtet „Kannibalisierungseffekte. In Kassel-Calden stehen derzeit ein Dutzend Flüge pro Woche auf dem Flugplan: Es geht vor allem zu den klassischen Touristenzielen Mallorca und Antalya. Geplant sind auch Verbindungen nach Zypern, Reykjavik, Sardinien, Armenien und zur Seidenstraße (Usbekistan). Bisher fehlen aber für viele Routen noch die Fluglinien, die die Passagiere befördern sollen. Neue Erfolgsmeldungen konnte die Flughafen-Chefin Anna Maria Muller auch gestern nicht vermelden: „Ich bin in Verhandlungen, aber das ist noch nichts für die Zeitung“, so Muller.

Trotzdem blieben die Macher in Kassel auch am Eröffnungstag bei der Prognose, die Experten für die Planfeststellung erstellt hatten: 640000 Passagiere jährlich ab dem Jahr 2020. Dann soll der Flughafen eine schwarze Null schreiben.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor

Im Festzelt neben der Landebahn wollte man sich die Laune von den vielen Kritikern nicht vermiesen lassen. Die Bedeutung von Passagierzahlen und der Bilanz des Flughafens wurde heruntergespielt. „Nordhessen ist eine Region im Aufwind und hat heute Flügel bekommen“, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Der Flughafen Kassel-Calden sei das größte Infrastrukturprojekt in der Geschichte der Region und eine Chance, wenn Flughäfen wie der in Frankfurt an ihre Kapazitätsgrenzen stießen. Kassel-Calden sei nicht nur für den Urlaubsreiseverkehr, sondern auch für Linienflüge, Geschäftsreisen und Kurier-Express-Paket-Dienste ausgelegt, sprang ihm der gelandete Finanzminister Schäfer zur Seite. Entscheidend also für das weitere Prosperieren der ohnehin boomenden nordhessischen Wirtschaft.

Während die letzten gewichtigen Worte im Festzelt verhallten, checkten die ersten echten Fluggäste im neuen Terminal ein. Um 16 Uhr startete der erste Urlaubsflieger Richtung Antalya. In der Halle, die mit ihrer Holzdecke den Charme eines Ikea-Lagers hat, gaben urlaubsreife Kasseler zwischen neugierigen Eröffnungstouristen ihre Koffer ab.

Bei Mareile und Volker Klein aus Fuldatal war die Freude ungetrübt. „Hier muss man nicht warten, wie an manchem Großflughafen und das Parken ist umsonst“, sagt der Ehemann. Während andere noch diskutierten, freute er sich auf 27 Grad in der Türkei. Recht hat er, jetzt ist der Airport Kassel-Calden ja auch erstmal da.

von Tim Gabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr