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Handwerk gegen Automatismus Hochschule: Modellversuch

Landtag Handwerk gegen Automatismus Hochschule: Modellversuch

In etlichen kleinen Handwerksbetrieben gestaltet sich die Suche nach einem Nachfolger schwierig, wenn der Firmenchef in Rente geht. Sorge bereitet den Kammern, dass viele Abiturienten an die Hochschule streben, statt über eine Lehre nachzudenken. Schwarz-Grün will mehr Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung.

Wiesbaden. Das hessische Handwerk nimmt die Schulen bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels in der Branche in die Pflicht. "Wir müssen den Automatismus durchbrechen, dass junge Menschen mit Abitur sofort an die Hochschule gehen", sagte Bernhard Mundschenk, Geschäftsführer des Hessischen Handwerkstages, der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden. "Deshalb ist die Berufsorientierung an den Schulen ab der 8. Klasse für uns so von zentraler Bedeutung - gerade auch an den Gymnasien."

"Wir erwarten, dass in den Gymnasialzweigen auch eine Ausbildung im dualen System von den Lehrern als absolut gleichwertig zu einem Studium dargestellt wird", betonte Mundschenk. "Wir müssen den jungen Menschen signalisieren: Eine Ausbildung im dualen System ist keine Sackgasse." Zuletzt hätten bereits rund zwölf Prozent aller Lehrlinge und damit etwa dreimal so viel wie vor zehn Jahren ihrer Ausbildung in den hessischen Handwerksbetrieben mit einem Abitur begonnen. "Und diese Zahl wird steigen", betonte der Geschäftsführer.

Mundschenk begrüßte grundsätzlich die Initiative der Regierungsfraktionen von CDU und Grünen, die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung auch für Gesellen weiter zu verbessern. Ähnlich wie bei der Möglichkeit, dass Handwerksmeister auch ohne Abitur an einer Hochschule studieren können, wird seiner Einschätzung nach aber nur in überschaubaren Maße davon Gebrauch gemacht werden.

Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände stellte sich hinter die Initiative der Landesregierung. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der schnellen Veränderungen in der Wirtschaft seien immer mehr Menschen nötig, die das hohe theoretische Niveau, das die akademische Ausbildung vermittelt, mit Kompetenzen aus der beruflichen Praxis verbinden, betonte Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. "Wir brauchen den Ingenieur und den Facharbeiter, aber immer öfter in einer Person."

Seit diesem Wintersemester können sich Facharbeiter an Hessens Hochschulen immatrikulieren, sofern ihr Notendurchschnitt mindestens 2,5 beträgt und sie nach der Realschule eine dreijährige Ausbildung absolviert haben. 80 Realschüler nutzen diese Möglichkeit und schrieben sich an 37 verschiedenen Studiengängen ein, sagte Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) am Donnerstag im Landtag in Wiesbaden. 61 neue Studierende lernten im Zuge des Modellversuchs an den hessischen Fachhochschulen, die mittlerweile Hochschulen für angewandte Wissenschaften heißen.

Der Geschäftsführer des Handwerkstages machte sich dagegen für das in Hessen geplante Berufsabitur stark, einer Verknüpfung von beruflicher Ausbildung mit Abitur. "Wir sind in guten Gesprächen mit dem Kultusministerium und hoffen, dass wir noch in diesem Jahr einen Modellversuch hinbekommen", erklärte Mundschenk. Dieser könnte dann schon zum Schuljahr 2017/2018 starten.

In Hessen gibt es rund 74 400 Handwerksbetriebe mit 353 000 Beschäftigten. Die Branche verbuchte im Jahr 2016 einen Umsatz von rund 34 Milliarden Euro.

dpa

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