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Amazon gängelt Leiharbeiter

HR-Dokumentation: Amazon gängelt Leiharbeiter

Der Internet-Versandhändler Amazon steht erneut wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Logistikzentren in der Kritik.

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In der Kritik: Das Amazon-Logistik-Zentrum in Bad Hersfeld.

Quelle: Uwe Zucchi

München. Eine am späten Mittwochabend ausgestrahlte ARD-Dokumentation zeigt, wie Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die oft aus dem Ausland stammenden Leiharbeiter des Logistikzentrums in Bad Hersfeld und das Film-Team bedrängen. Auch die Gewerkschaft Verdi wirft dem Konzern seit längerem vor, gerade Saisonkräfte schlecht zu bezahlen und etwa mit strengen Kontrollen und Überwachung zu gängeln.

„Vollkommen indiskutabel“

Der Wirtschaftsexperte der Landtags-Grünen, Kai Klose, bezeichnete gestern die Situation für die meist ausländischen Saisonkräfte im Weihnachtsgeschäft als „vollkommen indiskutabel“. Der Linken-Abgeordnete Hermann Schaus zeigte sich schockiert von dem Bericht: „Leiharbeit ist die Sklavenarbeit des 21. Jahrhunderts.“ Amazon hat im osthessischen Bad Hersfeld eines von insgesamt sieben Versandzentren in Deutschland. Der HR-Reportage „Ausgeliefert!“ zufolge werden Arbeitssuchende in Osteuropa und Spanien mit falschen Angaben zur Entlohnung angeworben, in völlig überfüllten Feriendörfern untergebracht und dort von einem Sicherheitsdienst mit Verbindungen zur Neonazi-Szene penibel überwacht. Gekündigt würden sie mitunter von einem Tag auf den anderen. Klose warf Amazon und seinen Subunternehmern vor, die Not der Arbeitssuchenden auszunutzen. Leiharbeit und sittenwidrige Löhne müssten eingeschränkt oder verboten werden, forderte auch Schaus. Die Grüne Jugend Hessen zeigte sich erschüttert von dem Bericht. Angesichts der Umsatzzahlen von Amazon auf dem deutschen Markt erscheine der Umgang mit Leiharbeitern „wie ein schlechter Scherz“, hieß es in einer Mitteilung. Das Thema sorgte auch in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter für Aufregung. Hunderte Menschen kommentierten den ARD-Bericht.

Amazon selbst will die Vorwürfe prüfen. Der Online-Riese beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7700 festangestellte Mitarbeiter in seinen Logistikzentren. „In der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet ein“, teilte Amazon gestern mit. In Spitzenzeiten arbeite Amazon mit Zeitarbeitsfirmen zusammen.

„Ein Dauerproblem“

Der Amazon-Experte der Gewerkschaft Verdi, Heiner Reimann, sagte, das Unternehmen werbe viele Zeitarbeiter mittlerweile im Ausland an, da in der Umgebung der Logistikzentren viele Arbeitskräfte bereits schlechte Erfahrungen gemacht hätten und nicht mehr dort arbeiten wollten.

„Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde, prüfen wir derzeit selbstverständlich den von den Redakteuren gemachten Vorwurf bezüglich des Verhaltens des Sicherheitspersonals und werden umgehend geeignete Maßnahmen einleiten“, heißt es in der Stellungnahme von Amazon dazu. Man dulde „keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung“.

Reimann sagte, die Zustände bei Amazon seien ein „Dauerproblem“, auch im Branchenvergleich. Es gebe in anderen Versandfirmen ebenfalls Missstände, aber nicht in diesem Ausmaß. Dennoch habe Amazon durchaus auch auf Beschwerden reagiert und Mängel abgestellt. Allerdings bleibe angesichts des Geschäftsmodells dem Konzern kaum etwas anderes übrig, als befriste Mitarbeiter oder Zeitarbeiter einzusetzen.

(dpa/dapd/r)

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