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Flüchtlinge

Ganz allein und traumatisiert: Jugendliche auf der Flucht

Immer mehr Jugendliche kommen ganz allein und traumatisiert aus den Kriegs- und Krisenregionen der Welt nach Hessen. Rund 2000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge seien 2014 angekommen, im laufenden Jahr würden es voraussichtlich mehr als 3000, sagte Dayana Fritz vom hessischen Sozialministerium bei einer Tagung an der Frankfurter Fachhochschule am Mittwoch.
Die Jugendhilfeeinrichtungen müssten ausgebaut werden.

Die Jugendhilfeeinrichtungen müssten ausgebaut werden.

© Arne Dedert/Archiv

Frankfurt/Main. Dazu stünden zu wenige Plätze in Jugendeinrichtungen zur Verfügung.

Schon jetzt müssen viele der jungen Flüchtlinge nach Darstellung von Fachleuten in Übergangseinrichtungen oder Hotels bis zu einem Jahr warten, bis sie wissen, wo sie Fuß fassen können. "Das ist psychotraumatologisch eine Katastrophe", sagte die Psychoanalytikerin und Soziologin Ilka Quindeau.

"Wir werden die Unterstützung anderer Bundesländer brauchen", sagte Fritz. Ein vom Bundesfamilienministerium geplantes Gesetz will die Unterbringung, Versorgung und Betreuung junger Flüchtlinge verbessern. Nach Einschätzung von Flüchtlingsorganisationen und Traumaspezialisten dreht es sich aber zu sehr um Verteilungsfragen, statt das Kindeswohl ins Zentrum zu stellen. "Besser wäre es für eine beschleunigte Weiterentwicklung, die Gelder bei bestimmten erfahrenen Kommunen zu zentrieren", sagte Quindeau.

Rund 60 bis 80 Prozent der meist 16 bis 17 Jahre alten Flüchtlinge, die allein nach Deutschland kommen, sind Experten zufolge traumatisiert, viele von ihnen sind Waisenkinder. "Sie sind in auffälliger Weise unauffällig", sagte Quindeau über den ersten Eindruck. "Sie trauen sich zu sagen, ich habe einen gebrochenen Fuß oder meine Haut juckt, aber nicht, dass sie große Angst haben, mit der sie allein nicht zurecht kommen", berichtete Meike Huber vom Gesundheitsamt Frankfurt, die die jungen Flüchtlinge nach ihrer Ankunft untersucht. "Ein großer Teil spricht gar nicht an, was auf der Flucht passiert ist.

Etwa die Hälfte der jungen Flüchtlinge muss dringend von einem Zahnarzt behandelt werden, sagte Huber. "Jeder Fünfte hat Krankheitserreger im Stuhl", genauso viele litten aufgrund der Situation in ihrem Heimatland und den hygienischen Bedingungen der Flucht unter Hautkrankheiten. Jeder Zehnte habe Probleme mit dem Bewegungsapparat, weil er sich ein Bein gebrochen oder beim Überklettern von Stacheldraht verletzt habe. Andere seien mit Gewehren oder Eisenstangen geschlagen worden. Über Vergewaltigungen oder Beschneidungen wollten die meisten Mädchen und Jungen zunächst nicht sprechen.

Fast alle jungen Flüchtlinge kommen ohne Dokumente - die meisten landen bei den beiden großen Clearingstellen in Frankfurt und Gießen. Wenn sie volljährig sind, werden sie wie Erwachsene an die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen verwiesen, wenn sie jünger sind, werden sie in die Obhut des Jugendamtes gegeben.

60 bis 80 Kinder und Jugendliche kämen derzeit pro Woche, sagte Karin Vossmer von der Clearingstelle Frankfurt. "Die Alters-Einschätzung ist mit die schwierigste Aufgabe, die wir haben." In der Regel blieben nur 20 bis 30 Minuten für zwei Sozialarbeiter, um mit Hilfe eines Dolmetschers das Alter der Flüchtlinge und damit ihren weiteren Weg einzuschätzen. "Die Gefahr, sie am Anfang als zu alt einzuschätzen, ist groß", sagte die Frankfurter Traumaspezialistin Marianne Rauwald.

Weil die Plätze in den Jugendhilfeeinrichtungen in Frankfurt nicht ausreichen und die umliegenden Kommunen, auf die die Flüchtlinge verteilt werden, auch nicht nachkommen, versucht Frankfurt jetzt auch Pflegefamilien zu finden. Andere Länder wie Holland hätten damit gute Erfahrungen gemacht.

dpa


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