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Für mehr Lebens- und Selbstwertgefühl

Kosmetikseminar für Krebspatientinnen Für mehr Lebens- und Selbstwertgefühl

Patientinnen sind durch ihre Krebsdiagnose und -therapie häufig schweren Belastungen ausgesetzt. Sich wieder schön zu fühlen, ist wichtig für die Psyche und kann die Heilung fördern. In Kosmetikseminaren erhalten sie Tipps.

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Mithilfe von Kosmetikerin Marion Wehmeier lernen die Teilnehmerinnen des Seminars, wie man sich richtig und vorteilhaft schminkt.

Quelle: Oliver Schepp

Gießen. Vorsichtig setzt Birgit den Augenbrauenstift an und zieht den Bogen über ihren Augen nach – dort, wo sonst die Brauen wachsen. Im Kosmetikspiegel überprüft sie das Resultat. „Wow!“, sagt sie und lächelt. „Kein Alien mehr“. So fühle sie sich nämlich manchmal, wenn sie sich anschaue. Nackt und fremd. Von diesem Effekt ermutigt, widmet sie sich nun Augen und Lippen.

Mithilfe von Kosmetikerin Marion Wehmeier bekommt das Gesicht ein wenig Farbe. „Keine Sorge, hier geht niemand wie ein bemalter Clown raus“, tritt die Expertin der Angst entgegen, der Griff ins Rouge-Töpfchen könne zu tief ausfallen. Zehn Frauen sind in die Uni-Klinik gekommen.

Sie sind zwischen 30 und 75 Jahre alt. Alle haben Krebs, alle haben eine Glatze. Nun sitzen sie gemeinsam in diesem Raum und fühlen sich ein bisschen unbehaglich.

Braucht man so einen Nachmittag wirklich? Hat man nicht ganz andere Sorgen? Nach knapp drei Stunden gibt es auf diese bangen Fragen eine klare Antwort. „Als ich hierher kam, fühlte ich mich krank. Jetzt fühle ich mich stark und schön“, sagt Sabine.

Die anderen Patientinnen applaudieren und stimmen zu. Diesen Effekt beobachtet die Psycho-Onkologin Susanne Hanewald, die diese Seminare seit Jahren organisiert, bei fast allen Veranstaltungen.

Die Frauen gehen strahlend und optimistisch nach Hause. Hanewald ist Mitarbeiterin des Fördervereins „PalliativPro“, der in vielfältiger Weise Menschen mit schweren oder nicht heilbaren Krankheiten betreut.
Die Kosmetikseminare sind immer gut besucht. Die Frauen verbringen gemeinsam einen schönen Nachmittag und nehmen Rüstzeug für den Alltag mit, schildert Hanewald. Zum einen in ideeller Hinsicht, weil der Austausch mit anderen betroffenen Frauen guttut, zum anderen ganz praktisch, weil sie die Tipps zu Hause umsetzen und die Produkte ausprobieren können.

Für die meisten Erkrankten ist die Zeit ohne Haare eine Etappe auf ihrem schwierigen Weg zurück in ein gesundes Leben, das Seminar ist dabei eine gute Hilfe. Manchmal ist das Schminken aber auch Bestandteil des Abschiednehmens.
Kürzlich wollte eine Patientin, die stationär in der Klinik lag, unbedingt noch einmal auf ein Musikfestival gehen und sich dafür so richtig schön machen. „Sie hat es leider nicht mehr geschafft“, sagt Hanewald.

„Du hast eine wunderbare Ausstrahlung“

Im Seminar geht es zunächst um Hautpflege. Begonnen wird mit einer gründlichen Reinigung. „Das meine ich auch im übertragenen Sinn. Alles kommt runter, danach ist das Gesicht bereit“, erklärt Wehmeier. Während der Chemotherapie ist die Haut empfindlich, sie verträgt keine Sonne, oft ist sie sehr trocken, oft gibt es Pigmentflecken.

Für all das braucht man die richtige Strategie. Ist diese gefunden, beginnt die dekorative Kosmetik. Alle Frauen haben vor der Erkrankung Wimperntusche benutzt, jetzt lassen sie die Mascara weg. Meistens aus Furcht, die letzten Härchen könnten dadurch ausfallen – oder auch, weil ihnen das Schminken sinnlos und albern erscheint.

„Tuschen Sie, solange was da ist“, rät die Kosmetikern, „das gibt dem Gesicht sofort mehr Ausdruck.“ Und tatsächlich zeigt sich bei den Selbstversuchen oft eine unerwartete Erkenntnis. „Da ist ja noch ein Haarkranz übrig!“ Mit einem feinen Bürstchen wird die schwarze Farbe aufgetragen, anschließend sind Lidschatten und Lippenstift dran. Immer dezent, aber immer gut sichtbar. Zum Schluss kommt „der Clou“ in Gestalt von etwas Rouge, kündigt die Expertin an. Das ist eine heikle Sache, weil weder rote Apfelbäckchen noch flächige braune Flecken erwünscht sind. Die Kosmetikerin hilft mit einem dicken Pinsel. Nachdem auch das geschafft ist, kommt noch eine Anleitung, wie Tücher – je nach Anlass – gebunden werden können. Am Ende folgt den kritischen Blicken in die Kosmetikspiegel die gegenseitige Begutachtung.

Die Frauen sparen nicht mit Komplimenten. Sie kennen sich nicht, sind einander aber für den Moment ganz nah.

„Du hast eine wunderbare Ausstrahlung“, sagt die eine und bekommt von der anderen zu hören: „Ich möchte Dich immerzu anschauen.“ Da wäre es fast um die frisch aufgetragene Wimperntusche geschehen. Aber die ist zum Glück wasserfest.

Hintergrund

In Deutschland erkranken pro Jahr 230 000 Mädchen und Frauen an Krebs. Die DKMS ­Life bietet seit mehr als 20 Jahren die kostenlosen Kosmetikseminare „Look good, feel ­better“ an, pro Jahr bundesweit 1 300.
Mehr als 120 000 Frauen haben teilgenommen, die Nachfrage steigt. Die Schulungen werden von speziell ausgebildeten Kosmetikerinnen geleitet, die Industrie sponsert die Seminare mit hochwertigen Produkten, wobei in den Seminaren keine Produktwerbung betrieben wird. In Gießen ist der Verein PalliativPro Partner von DKMS Life.

  • Interessentinnen können sich unter 0176 / 51 75 47 22 an Susanne Hanewald wenden.

von Christine Steines

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