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Welt Airbnb: Schlafplatzbörse wird Tourismusgigant
Mehr Welt Airbnb: Schlafplatzbörse wird Tourismusgigant
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00:16 14.08.2018
Eine Reisetasche liegt in der Wohnung eines Airbnb-Gastgebers (gestellte Aufnahme). Vor zehn Jahre entstand der Vermittlungsdienst als reine Schlafplatzbörse. Quelle: Jens Kalaene
San Francisco

Ankommen, Wohnung beziehen, heimisch fühlen. Privatunterkünfte bieten­ all das, ohne das Portemonnaie allzu sehr zu belasten. Das macht den Erfolg von Airbnb aus. Die Möglichkeit, die Küche des Gastgebers mitbenutzen zu können, macht den Start in den Tag aus Sicht vieler Urlauber um einiges angenehmer als ein teures Hotel, an dessen Frühstückszeiten man sich halten muss. „Man fühlt sich angekommen, und es kommt einem nicht nur vor wie Übernachtungen im Hotel, sondern als wohne man für einige Tage selbst an diesem Ort“, sagt eine Marburger Studentin, die in Berlin für einige Tage ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gebucht hat.

„Vergesst Hotels“, verkündete­ Airbnb schon beim Start vor zehn Jahren selbstbewusst. Dass dem etablierten Gastgewerbe­ ein großer Rivale entstehen würde, der die Tourismusbranche kräftig umkrempelt, konnte damals noch keiner ahnen. Doch das Unternehmen aus San Francisco wuchs rasant und entwickelte sich rasch zu einem der wertvollsten Start-ups weltweit. Heute wird Airbnb von Investoren auf rund 31 Milliarden Dollar (27 Mrd. Euro) taxiert.

Das Ganze entstand aus einer­ fixen Idee der Firmengründer­ Brian Chesky und Joe Gebbia:­ Weil sie sich ihr Apartment in San Francisco nicht leisten konnten, stellten sie kurzerhand drei Luftmatratzen ins Wohnzimmer, um sie an Besucher ­einer Design-Konferenz zu vermieten. Im Preis inbegriffen war Frühstück. So ergab sich der ­Name „Air bed and breakfast“ – Luftmatratze und Frühstück – mit dem es am 11. August 2008 losging. So kam es zu Airbnb – oder wie Chesky amüsiert sagt: „Der schlechtesten Idee, die ­jemals funktioniert hat.“

Skandale gibt es keine, aber die Kritik steigt

Heute ist das Unternehmen laut eigenen Angaben mit über fünf Millionen gelisteten Unterkünften in 191 Ländern und rund 81.000 Städten weltweit präsent. Airbnb hat sich vom Stachel im Fleisch zum gefährlichen Wettbewerber entwickelt. Vom Luftmatratzen-Image hat sich Airbnb verabschiedet, Frühstück gibts auch kaum noch – mittlerweile geht es eher um reiche Kundschaft im ­Luxus-Segment. Kein Wunder, dass die Wall Street auf den Börsengang hinfiebert. Doch Chesky hat keine Eile: „Lasst es mich direkt ansprechen: Wir werden 2018 nicht an die Börse gehen“, teilte er im Februar mit.

Auch wenn Airbnb – im Gegensatz zum Taxikonkurrenten Uber, dem zweiten weltbekannten Schwergewicht der „Sharing Economy“, der Wirtschaft, die mit dem Teilen von Ressourcen Geld verdient – bislang ohne größere Skandale auskam, so gibt es doch viel Kritik und Ärger­ rund um den Globus. Airbnb wird vorgeworfen, den Mangel an erschwinglichem Wohnraum zu verstärken. Zudem klagten Behörden, dass häufig keine Steuern auf Airbnb-Einnahmen gezahlt würden und viele Inserate illegal seien.

In Großstädten wie Berlin wurden die Regeln für Airbnb deutlich verschärft. In der deutschen Hauptstadt war es zwischenzeitlich sogar ganz verboten, ­Ferienwohnungen auf dem Portal zu inserieren. Airbnb ist indes um Diplomatie bemüht und betont, gegen schwarze Schafe vorzugehen.

In Marburg sind derzeit 105 Inserate geschaltet

Auch in Marburg und Umgebung gibt es zahlreiche Airbnb-Unterkünfte. Eine Internet­recherche ergibt: Wer auf der Plattform nach Übernachtungsmöglichkeiten in Marburg sucht, bekommt derzeit 105 Inserate angezeigt – und das trotz des angespannten Wohnungsmarkts. So stellt sich die Frage, ob die inserierten Ferienwohnungen und WG-Zimmer nicht in Mieträume umgewandelt werden könnten.

„Der Stadt liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass in Marburg Unterkünfte dauerhaft und in so großer Zahl über Airbnb vermietet werden, als dass das Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt haben könnte“, so die Stellungnahme der Stadt zu diesem Thema.

Airbnb-Anbieter sind nicht zwangsläufig angemeldet und befinden sich somit in einer rechtlichen und steuerlichen Grauzone – ganz zum Leidwesen der ansässigen Hotellerie: „Airbnb-Anbieter und Hotels sind auf gleichem Markt mit ­unterschiedlichen Spielregeln“, sagt Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Hessen. Bedingungen, wie Steuer- und Meldepflicht, sowie ­Sicherheitsvorschriften würden von der Hotellerie befolgt, nicht jedoch von Privatanbietern. Durch deren niedrigen Preise laste Druck auf der Hotelbranche. Es seien jedoch grundsätzlich „keine erheblichen Einbußen auf Seiten der Hotels“ zu verzeichnen, so Wagner weiter.

Mit Marburg wurde keine Vereinbarung geschlossen

„Wir arbeiten weltweit mit Städten zusammen und haben bereits über 500 Vereinbarungen geschlossen, um verantwortungsvollen Tourismus zu fördern und Städte dabei zu unterstützen, Regeln zu implementieren“, verrät eine Sprecherin von Airbnb.

Marburg gehört nicht dazu. Es bestehe aktuell kein Handlungsbedarf, versichert Birgit Heimrich von der Pressestelle­ der Stadt. „Konkurrenz belebt­ das Geschäft“, sagt Wagner, und so ließen sich auch einige Vorteile erkennen: Die Hotelbranche habe den „Homestyle“­ ­übernommen. Gäste sollen sich so heimischer fühlen. Auch die Digitalisierung spiele eine immer wichtigere Rolle, so fänden sich zunehmend auch Hotelketten bei Airbnb, um dort ihre Zimmer anzubieten.

Derweil läuft es finanziell offenbar ganz gut: Die Buchungen bei Airbnb seien weltweit gesehen um 150 Prozent gestiegen, der Umsatz habe inzwischen mehr als 3,5 Milliarden Dollar erreicht.

von Hannes Breustedt und Larissa Pitzen