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Welt Wladimir Kaminer auf Kreuzfahrt: Unterwegs mit der schwimmenden Kneipe
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09:05 25.08.2018
Auf seiner Kreuzfahrt lernte Wladimir Kaminer Menschen kennen, die fünf Kreuzfahrten im Jahr machten, andere waren ein halbes Jahr ununterbrochen unterwegs und gingen nur widerwillig überhaupt noch von Bord. Quelle: wetcake/IstockPhoto
Berlin

In Miami traf ich ständig Menschen auf der Straße, die beim Gehen schaukelten, als wären sie leicht betrunken. Das sind bestimmt Kreuzfahrttouristen, die zu viele Seetage hinter sich haben, dachte ich. Kreuzfahrten waren groß im Kommen.

In der Zeitung hatte ich gelesen, immer mehr Deutsche würden dem Festland Adieu sagen, unzählige neue Schiffe würden gebaut, und die bisherigen seien komplett ausgebucht. Unsere Kreuzfahrt mit der “Queen“ hatte uns jedoch für eine Weile die Lust an solchen Abenteuern ausgetrieben.

Der Sommer in Berlin hatte spät angefangen. Wir überlegten, vielleicht eine Flussfahrt in Brandenburg zu unternehmen, wo man neuerdings ein ganzes Hausboot mieten und von See zu See fahren konnte mit allem, was einem wichtig und lieb war, von der Tischtennisplatte für die Kinder bis zum Fernsehsessel für die Oma. Andererseits schien es sehr dekadent und sinnlos, das ganze Haus mit in den Urlaub zu nehmen.

Schwimmende Kneipe statt schwimmender Kaufhalle

Wir stritten lange, was mit aufs Boot durfte, und dann war der Sommer auch schon vorbei. Es wurde kälter. Eines Tages im November kam eine Einladung von Aida: Man bot meiner Frau Olga und mir an, für eine Gegenleistung von insgesamt drei Lesungen, jeweils vormittags, zwei Wochen lang im Mittelmeer auf einem mittelgroßen Schiff mit kulturinteressiertem, deutschem Publikum mitzuschwimmen: Mallorca, Malta, Volos, Piräus, Rhodos, Santorin, Kreta.

Danach sollte das Schiff ohne uns durch den Suezkanal Richtung Abu Dhabi weiterfahren. Wir sagten zu, flogen nach Mallorca und wurden sehr herzlich von zwei freundlichen Blondinen namens Silvia und Annette in Empfang genommen, die als Unterhaltungsoffiziere auf der “Aida“ Wache schoben.

Wenn die amerikanische “Queen“ am ehesten einer schwimmenden Kaufhalle ähnelte, so glich unsere “Aida“ einer schwimmenden Kneipe. Ihre Gäste – die meisten davon Stammgäste auf dem Schiff – hatten schon längst jede Lust aufs Festland verloren. Man konnte sie nur mit Gewalt zu den Sehenswürdigkeiten Griechenlands zwingen. Manche wurden von den Unterhaltungsoffizieren buchstäblich von Bord geschubst.

Hier ist die Welt noch in Ordnung

“Was verpassen wir schon?“, stritten sich die Passagiere mit Silvia und Annette, die sie zu Ausflügen animieren wollten. “Wir bleiben lieber an der Bar, hier ist die Welt noch in Ordnung. Solange es unter unseren Füßen schaukelt, kann uns nichts Schlimmes passieren.“

Das Frühstück war offiziell um 11 Uhr zu Ende, ab 12 Uhr gab es schon ein üppiges Mittagessen, und eine Grillstation auf Deck 11 sorgte von 15 bis 18 Uhr für einen schmerzfreien Übergang, bis die Restaurants zum Abendessen läuteten. Um 20 Uhr begann die Happy Hour auf allen Ebenen des Schiffes: zwei Cocktails zum Preis von einem und laute Musik, die jeden im Chor mitsingen ließ.

Alle Passagiere kannten die alten Schlager, deren Texte und Melodien wie aus einer anderen Welt kamen, einer Welt, in der die Menschen keine Sorgen hatten außer Liebeskummer. Die Passagiere tobten und johlten, sie trafen sogar den richtigen Ton: Schön war es, auf der Welt zu sein, wir alle wollten heute glücklich sein, und die Freiheit musste grenzenlos sein.

Überwältigende Partystimmung

Meine Frau und ich verpassten keinen Tanzabend: Am ersten Tag waren wir zwar noch nicht ganz textsicher, aber die Partystimmung überwältigte uns. Bald konnten wir die Lieder auswendig – es wurden zum Glück immer dieselben gespielt. Also liefen wir mit den anderen Passagieren atemlos durch die Nacht, übrigens ohne vom Barhocker aufzustehen.

Marmor, Stein und Eisen brachen zuverlässig, und manchmal brach auch der eine oder andere Gast, wurde aber von geschultem Personal sofort aufgehoben und sauber gemacht. “Stößchen!“, riefen die Unterhaltungsoffiziere Silvia und Annette, die selbst nur Wasser zu sich nahmen, aber stets dafür sorgten, dass sich alle Gäste betranken. In betrunkenem Zustand wurden die Menschen kommunikativer, neue Bekanntschaften wurden geschlossen, Paare fanden zueinander.

Die meisten Passagiere auf unserer “Aida“ waren ältere Ehepaare, die mit voller Kraft auf ihre goldene Hochzeit zusteuerten. Sie hatten quasi ihre Prüfung in sozialer Kompetenz schon bestanden. Sie brauchten gar nicht mehr viel miteinander zu reden, um vom jeweils anderen gehört und verstanden zu werden. Mit rührender Aufmerksamkeit bestellten die Männer Getränke für ihre Frauen, und auch die Frauen wussten immer genau, was ihre Männer wollten.

Frühbucher mit Weltreiserabatt

Wir lernten Menschen kennen, die fünf Kreuzfahrten im Jahr machten, andere waren ein halbes Jahr ununterbrochen unterwegs und gingen nur widerwillig überhaupt noch von Bord. Als Frühbucher bekamen sie bei Aida Weltreiserabatt, dazu einen Preisnachlass bei der Wahl einer Innenkabine ohne Fenster.

Ich hätte Angst vor so einer Weltreise. Ein halbes Jahr im Dunkeln zu schaukeln, ohne zu wissen, ob es draußen hell war, ob die Sonne am Himmel strahlte, ob das Schiff nicht längst untergegangen war und ob es die Welt überhaupt noch gab – für mich wäre das eine ziemlich erschreckende Vorstellung.

“Fenster werden überbewertet“

“Herr Kaminer“, sagte ein Schwabe zu mir, den wir an der Bar kennengelernt hatten, “ich bin selbst Bauingenieur, und ich kann Ihnen versichern, das ist reine Gewöhnungssache. Fenster werden in der heutigen Welt weitgehend überbewertet. Außerdem“ – der Schwabe zwinkerte mir zu – “kennen wir da einen Trick: Wir lassen einfach die ganze Zeit das Licht in der Toilette an und die Tür einen Spalt auf. Dann sieht es beim Aufwachen aus wie ein Sonnenaufgang.

Tagsüber müssen Sie ja sowieso nicht in der Kabine sitzen, da gehen Sie ins Restaurant. Abends trinken Sie sich schön in den Schlaf, und schon ist die Weltreise vorbei. Wozu Fenster? Was verpassen Sie denn schon? Natürlich kann man ab und zu interessante Landschaften bewundern, doch Hand aufs Herz, so sehenswert ist die Welt da draußen auch wieder nicht, dass man nur für ein kleines Bullauge in der Wand den doppelten Preis bezahlt. Oder?“

Wladimir Kaminer Quelle: Michael Ihle

Zur Person: Wladimir Kaminer, geboren 1967 in Moskau, lebt seit 1990 in Berlin. Der Autor und Satiriker war mehrere Jahre Mitglied der “Reformbühne Heim & Welt“. Im Jahr 2000 erschien sein Debüt “Russendisko“. Seitdem hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter “Militärmusik“. Gerade ist sein Buch “Die Kreuzfahrer“ (Wunderraum-Verlag) erschienen.

Von Wladimir Kaminer

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