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Wissen Serotonin: Die Pille zum Glück?
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09:49 25.02.2019
Keine berauschende Wirkung: Längst nicht alle Patienten sprechen auf Antidepressiva optimal an. Quelle: iStockphoto
Hannover

Eine Hirnerkrankung könnte die Ursache dafür sein, dass weltweit mehr als 300 Millionen Menschen an Schwermut leiden. Die Botenstoffe im Gehirn sind nicht im Gleichgewicht, es gibt zu wenig Serotonin. So einfach erklären Therapeuten seit Jahren die Zusammenhänge, die zu einer Depression führen. Die steigenden Verschreibungszahlen von Antidepressiva, die den Serotoninhaushalt regulieren sollen, sprechen dafür. Allein in Deutschland sind diese Medikamente dem Arzneimittelreport von 2016 zufolge mittlerweile auf mehr als 1400 Millionen Tagesdosierungen gestiegen.

Sind Antidepressiva die ideale Lösung?

Antidepressiva sollen das chemische Ungleichgewicht beheben. Doch ist das wirklich die ideale Lösung? Vor allem in den Medien machte Serotonin als Glückshormon Karriere. Fehlt es, wird man depressiv, bekommt man es, hellt sich die Stimmung auf. Und so ist es auch nicht von ungefähr Titelgeber für das jüngste Buch des französischen Erfolgsautors Michel Houellebecq. Doch in Forscherkreisen tobt bereits seit Jahren ein Streit darüber, ob es wirklich etwas nützt, den Serotoninspiegel zu erhöhen, um dauerhaft besserer Laune zu sein. Daten, die das zweifelsfrei belegen können, gibt es bislang nicht. Die Behandlung von Depression ist deutlich komplexer, als Ärzte und Patienten es sich wünschen.

Houellebecqs bittersüßes Roadmovie

Einsamkeit, Depression,käuflicher Sex, Islamophobie, Schwulenhäme, Alkohol – das sind die Themen in Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“ (Dumont), der derzeit die Bestsellerlisten dominiert. Die Handlung ist eher todtraurig als aufmunternd: Der Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste schluckt Antidepressiva, um das Elend der Welt besser ertragen zu können. Mit der täglichen Dosis Serotonin im Blut fährt der Ingenieur im Geländewagen von Südspanien nach Paris und weiter in die französische Provinz. An manchen Stellen wirkt der Roman wie eine Vorlage für die Bewegung der Gelbwesten, die sich abgehängt fühlen. „Das bittersüße Roadmovie“ (Deutschlandfunk Kultur) ist eine verzweifelte Suche nach dem großen Glück. Serotonin wirkt letztlich nicht

Serotoninmangel führt zu Depressionen: These aus den 60er-Jahren

Dass ein Serotoninmangel zu Depressionen führt, ist eine Hypothese aus den 1960er-Jahren. Tatsächlich klingt sie erst mal einleuchtend: Die meisten Antidepressiva, die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, steigern die Konzentration des Stoffs im Hirn, was dafür sorgt, dass zwischen den Nervenzellen Signale übertragen werden. Der indirekte Rückschluss: Depressive hatten zuvor einen Mangel an Serotonin.

„Das Serotoninsystem spielt auf jeden Fall eine wichtige Rolle bei Depression“, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. „Störungen des Serotoninsystems gehen einher mit einer schlechteren Befindlichkeit.“ Doch die Sache hat einen Haken: „Es gibt bei Patienten mit einer schweren Depression kein einheitliches Korrelat im Serotoninsystem.“ Die Erkrankung lässt sich nicht einem Molekül zuordnen. Auch Psychiater Tom Bschor, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie der Schlosspark-Klinik Berlin, teilt die Serotonin- Hypothese nicht: „Ein Serotoninmangel konnte bei depressiven Menschen noch nie nachgewiesen werden – weder im Vergleich zu gesunden Menschen noch im Vergleich zu depressionsfreien Zeiten.“

Serotonin-These ein Mythos?

Direkt, an den Synapsen im Gehirn, könne man Serotonin beim Menschen nicht messen. Der Serotoninpegel lasse sich nur im Blutplasma anhand von Abbauprodukten erfassen oder im Nervenwasser, das Gehirn und Rückenmark umspült. „Hier findet man aber keine konsistenten Befunde dafür, dass es bei Menschen mit Depressionen einen Serotoninmangel gibt“, sagt Bschor. Stattdessen gibt es Widersprüche bei der Serotonin-Hypothese. So erhöht sich die Konzentration des Stoffes im synaptischen Spalt, der Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen, bereits kurz nach der Einnahme eines Antidepressivums. Die Depressionen selbst würden aber erst nach ein paar Wochen gemildert, meint Bschor: „Die Erhöhung von Serotonin durch Antidepressiva ist also wohl nur ein Nebeneffekt, der gar nicht mit der klinischen Wirkung zusammenhängt.“ Auch die Rolle als Glückshormon sieht der Berliner Psychiater skeptisch: „Wir haben keine Belege dafür, dass Serotonin glücklich macht.“ Zu viel Serotonin sorge sogar für eine starke Unruhe – Symptome, wie sie eigentlich bei Depressionen vorkommen. Ob und welche Rolle genau der Botenstoff bei einer Depression spielt, ist weiterhin unklar.

Der Psychologe Irving Kirsch von der Harvard Medical School erklärt die ganze Serotonin-Hypothese der Depression zum Mythos: „Denn unterschiedliche Antidepressiva führen zum gleichen Ergebnis – auch solche, die den Serotoninspiegel gar nicht beeinflussen oder sogar senken.“ Senke man das Serotonin bei gesunden Menschen, würden sie deshalb nicht depressiv.

Glückshormon Serotonin für schwer depressive Patienten

Kirsch hat fast im Alleingang dafür gesorgt, dass Antidepressiva ihren Status als Glückshormone verloren haben. Der Psychologe hatte früher als Psychotherapeut seinen schwer depressiven Patienten gelegentlich selbst Antidepressiva empfohlen. Besserte sich das Befinden, nahm er an, es sei den Wirkstoffen der Tabletten zu verdanken. Doch dann begann er, sich genauer für die Wirkung der Mittel zu interessieren. Er wertete Studien der Pharmafirmen aus. Einzelstudien hatten über Jahrzehnte gute Ergebnisse für einzelne Medikamente geliefert. Doch obwohl es vielen Patienten nach der Behandlung besser ging, war es meist relativ gleichgültig, ob sie ein echtes Medikament oder eine Zuckertablette eingenommen hatten.

Nur bei schwer depressiven Patienten ging die Wirkung der Medikamente über die der Placebos hinaus. Die Untersuchungen sorgten auch deshalb für große Aufmerksamkeit, weil der Forscher auch nicht öffentliche Studien unter die Lupe nahm. An Kirschs Analysen gibt es zwar Kritik. Aber viele Forscher stimmen ihm zu und halten Zweifel an der Wirksamkeit der Antidepressiva für angebracht. Allerdings hat die zunehmend kritische Berichterstattung zur Wirksamkeit von Antidepressiva in den Medien viele Patienten verunsichert.

Studien belegen: Antidepressiva helfen nicht allen Patienten

Anfang 2018 wollte Andrea Cipriani dann endlich alles klarstellen. Der Forscher der Universität Oxford hatte gemeinsam mit internationalen Kollegen 522 Studien mit insgesamt mehr als 116 000 Patienten zusammengetragen und die Ergebnisse im Fachblatt „Lancet“ veröffentlicht. Es ist die bislang größte Metaanalyse zu Antidepressiva. Sie setze Maßstäbe und stelle bis auf Weiteres die Basis für die Beurteilung der Antidepressiva dar, sagt Tom Bschor. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass alle untersuchten Antidepressiva besser wirken als Scheinmedikamente. Die Unterschiede sind statistisch signifikant, sie sind also wohl nicht durch Zufall zustande gekommen. Sind Antidepressiva also doch verlässlicher als Placebos?

In der Praxis stellte sich Ernüchterung ein: Im besten Fall profitierten etwa doppelt so viele Patienten vom Antidepressivum wie vom Placebo. Bei den meisten Wirkstoffen aber war der Erfolg bescheidener. Das entspricht der klinischen Erfahrung von Bschor. Seine Patienten profitieren zwar von Antidepressiva. „Aber die Wirkung ist nicht berauschend, längst nicht alle sprechen darauf an, und falls doch, bleiben häufig noch Restsymptome“, räumt Bschor ein. So wenig wie Serotonin also ein Glückshormon ist, sind Antidepressiva verlässliche Glücksbringer. Sie können Patienten helfen, wirken aber längst nicht bei jedem.

Von RND/Christian Wolf

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