Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wissen Mama hat mich krank geraucht: Wie uns die Epigenetik prägt
Mehr Welt Wissen Mama hat mich krank geraucht: Wie uns die Epigenetik prägt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 16.03.2019
Nur die wenigsten Menschen ahnen, wie sich Traumata, Stress oder ein ungesunder Lebensstil auf die nächste Generation bedeutet. Quelle: Thissatan/iStock
Berlin

Rauchen ist ungesund, Chips sind es ebenso, Stress sowieso. Jeder weiß das – doch nur die wenigsten Menschen ahnen, was das für die nächste Generation bedeutet. Grund dafür sind unsere Gene. Genauer: Die Proteine, die aus unseren Genen ausgelesen werden. Deren Zusammensetzung nämlich ändert sich je nach Lebensstil.

Zwar bleiben die Baupläne des Körpers, also die DNA eines jeden Menschen, das ganze Leben weitgehend unverändert, welche Pläne jedoch umgesetzt werden, ändert sich. Durch Stress beispielsweise, durch Nahrung oder Zuneigung.

DNA als Bibliothek

Um zu erklären, wie genau das funktioniert, hilft es, sich die menschliche DNA als Bibliothek vorzustellen, vollgepackt mit Sachbüchern. Jedes Sachbuch enthält eine Anleitung – für den Aufbau einer Muskelzelle beispielsweise, den einer Leberzelle oder oder oder. Proteine nun, sogenannte Histone, fungieren als DNA-Bibliothekare.

Die Histone wissen genau, in welcher Zelle sie welche Bücher aufschlagen müssen. Dadurch weiß jede Zelle, was sie zu tun hat. Allerdings sind manche Stellen auch nach dem Aufschlagen noch unlesbar, geschwärzt sozusagen – und zwar durch Methylierung eines bestimmten DNA-Abschnitts.

Durch die Umwelt veränderbar

Mit der Frage, welcher Bereich der Genbücher aufgeschlagen und dann auch gelesen werden kann, beschäftigt sich die Epigenetik. Sie ist durch die Umwelt veränderbar. Thomas Elbert, Professor an der Universität Konstanz, forscht seit über zehn Jahren in diesem Bereich.

Prof. Dr. Thomas Elbert forscht und lehrt als Neuropsychologe an der Unversität Konstanz. Quelle: Suhwa Lee

Herr Elbert, Sie konnten erstmals nachweisen, dass sich Stress während der Schwangerschaft noch zwei Generationen später negativ auswirkt. Wie kommt es dazu?

Wir haben eine evolutionäre Erklärung gewählt: Denn wir konnten feststellen, dass Kinder, deren Eltern in der Schwangerschaft Stress oder Gewalt erfahren haben, ängstlicher sind und teilweise nahezu autistische Züge aufweisen. Wenn ein Kind in einer schwierigen Umgebung mit hoher Gewalt aufwächst, kann es evolutionär Vorteile haben, ständig alarmiert zu sein. Auch die fehlende Empathie kann helfen, wenn man selbst einmal Gewalt anwenden muss. Das mangelnde Verständnis für andere führt dann dazu, dass Gewaltanwendung einem selbst weniger schwerfällt.

Das mag früher nützlich gewesen sein, in der heutigen Zeit klingt das jedoch nach einem deutlichen Nachteil.

Dem ist so – und das in ganz massivem Ausmaß. Stress, Vernachlässigung und Gewalt während und nach der Schwangerschaft führen dazu, dass sich Kinder weniger gut konzentrieren können, dass sie unangepasst werden und dass sie den Anschluss an Gleichaltrige verlieren. Kurz gesagt: Sie machen Ihr Kind dadurch dumm.

Moment: Haben Sie gerade gesagt, die Epigenetik kann sich auch nach der Geburt noch ändern?

Ja. Was vor der Schwangerschaft geschieht, hat in der Regel keinen nachweisbaren Einfluss. Danach jedoch sind die Veränderungen massiv. Bis zur Pubertät baut sich der Körper fortwährend um, je nach Alter mehr oder weniger. Das gilt auch und vor allem für die Epigenetik. Stresserfahrungen in der Kindheit sind genauso schädlich wie während der Schwangerschaft. Es gibt ja die Fraktion derer, die sagen: Wir wurden früher auch geschlagen, und geschadet hat es nicht. Das ist völlig falsch. Es gibt eine groß angelegte Studie aus Dänemark, die Daten von einer Million Personen untersuchte. Sie zeigt: Mindestens jeder dritte Junge, der in der Kindheit massiven Stressoren ausgesetzt war, wird straffällig.

Die Forschung im Bereich Epigenetik widmet sich auch den Konsequenzen des allgemeinen Lebensstils. Den Konsequenzen des Rauchens oder von Übergewicht beispielsweise. Wirkt sich ein ungesunder Lebensstil auch auf unsere Kinder aus?

Ja, klar. Rauchen wirkt auf den ganzen Organismus. Zudem verändert Nikotin die Funktionsweise des Gehirns. Auch Übergewicht verändert die gesamte Funktionsweise des Körpers. Dass das auch epigenetische Konsequenzen hat, wissen wir. Wie genau diese Mechanismen funktionieren, wissen wir hingegen nicht.

Wenn ich also epigenetisch belastet bin – gibt es da Auswege?

Wir wissen, dass einige Teile der Epigenetik sich durch Psychotherapie in den Normalzustand zurücksetzen lassen.

Wie bitte? Eine Stunde Sitzung die Woche soll meine Genetik ändern?

Wenn Sie zum Beispiel eine Angststörung haben, sind Sie ständig in Alarmbereitschaft. In der Therapie jedoch lernen Sie, dass Ihre Ängste größtenteils nicht real sind. Sie basieren auf Erfahrungen der Vergangenheit, die allerdings nicht Teil des Alltags sind. In einer Therapie lernen Sie, sich genau das klarzumachen. Das Alarmsystem wird dann nicht mehr permanent hochgefahren, sondern kommt gar nicht erst zum Einsatz, Ihr Alltag ändert sich also. Das wirkt sich dann auch epigenetisch aus.

Wie lange dauert so etwas?

Nach sechs Monaten sind erste epigenetische Veränderungen nachweisbar. In der Regel dauert es ein halbes bis ein ganzes Jahr, bis sich die Veränderungen wirklich einstellen. In einigen Bereichen jedoch kann sich die Epigenetik sehr schnell umstellen. Das merken Sie zum Beispiel, wenn Sie beginnen, im Fitnessstudio zu trainieren. Da stellen Sie bereits nach wenigen Einheiten fest, wie sich der Körper darauf einstellt. Allerdings lassen sich nicht alle Bereiche der Epigenetik wieder verändern. Bei welchen das möglich ist, das versucht man gerade herauszufinden. Wir haben eine große Forschungsstation in Uganda, wo wir Therapien für traumatisierte Kinder anbieten. Das machen wir einerseits aus humanitären Gründen, andererseits der Forschung wegen. Wenn nämlich wie in Uganda ganze Dörfer überfallen werden, dann folgt die Auswahl der Opfer dort dem Zufallsprinzip. Damit haben Sie eine zufällig verteilte Stichprobe, und nur mit einer solchen können Sie nützliche Studien durchführen. Sonst besteht immer die Möglichkeit, dass Verhaltensweisen oder Genmuster durch einen Einfluss entstehen, der nur in einer bestimmten Personengruppe existiert.

Es ist davon auszugehen, dass auch die Mütter von Geflüchteten massivem Stress ausgesetzt waren. Hier müsste die epigenetische Vorbelastung doch ganz massiv sein.

Dem ist so, und wir haben gerade ein Projekt in Baden-Württemberg, bei dem wir eigens entwickelte Therapieformate ausprobieren wollen. Wir sind damit aber bisher nicht groß an die Öffentlichkeit gegangen. Dadurch, dass das Thema Flüchtlinge medial so präsent ist, ist es verdammt vorbelastet. Dabei müsste jede Partei, egal welche, ein Interesse daran haben, hier zu helfen. Die Auswirkungen der Stressoren erschweren eine erfolgreiche Integration. Die Anschlussfähigkeit ist gefährdet. Das ist inhuman und teuer.

Von Julius Heinrichs

Hilft ein Joint vor dem Sex, um mehr Lust zu empfinden? Forscher haben das untersucht und kommen zu einem eindeutigen Ergebnis.

16.03.2019

Bei Gelenkerkrankungen können ein „neues Knie“ oder eine „neue Hüfte“ die Lösung sein. Manchmal wird aber auch vorschnell operiert. Im Zweifelsfall sollten Patienten eine zweite Meinung einholen.

16.03.2019

Deo muss nicht unbedingt gekauft werden. Es kann tatsächlich auch gut selbst hergestellt werden. Ätherische Öle sorgen für Frische und Pflege.

16.03.2019