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Welt Wie plausibel ist Maaßens Fälschungsvermutung? Der Faktencheck
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14:39 07.09.2018
Demonstranten der rechten Szene zünden am 27.8. Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen. Quelle: Jan Woitas/dpa
Berlin

Was genau ist bei den Demonstrationen in Chemnitz passiert? Über die Faktenlage und deren Interpretation wird auf politischer Bühne gestritten. Im Mittelpunkt der Debatte steht das Wort „Hetzjagd“. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Regierungssprecher Steffen Seibert hatten nach den Vorfällen dieses Wort benutzt, um die Geschehnisse zu beschreiben. Dabei bezogen sie sich auf ein Video, das die Jagd auf nicht-weiße Menschen zeigt.

Nun hat der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, die Debatte weiter angeheizt. Er hege Zweifel, ob es zu regelrechten Hetzjagden auf Ausländer gekommen ist, sagte Maaßen der „Bild“. „Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.“ Nach seiner „vorsichtigen Bewertung“ sprächen „gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken“, sagte Maaßen.

Daher stellt sich nun die Frage: Ist das Video echt? Ein Fakten-Überblick.

Das ist in dem Video zu sehen

Das Video, auf das Maaßen sich bezieht, zeigt Jagdszenen auf ausländische Menschen nahe des Johannisplatzes in Chemnitz. Nach der tödlichen Messerattacke auf den 35-jährigen Deutschen mit kubanischen Wurzeln Daniel H. in Chemnitz vor gut zwei Wochen hatte es in der sächsischen Stadt Demonstrationen von Rechtsgerichteten, Neonazis und Gegnern der deutschen Flüchtlingspolitik gegeben, dabei kam es zu Übergriffen auf Polizisten, Journalisten und Ausländer. In dem Zusammenhang soll das Video entstanden sein.

Ort, Zeit, Wetterverhältnisse

Als erstes deutsches Medium hat sich tagesschau.de das Video näher angeschaut. Demnach lässt sich der Ort der Aufzeichnung überprüfen, auch die Zeit und Wetterverhältnisse auf den Bildern stimmen mit anderem Material des Tages überein.

Weitere Kriterien seien die auf dem Video zu sehenden Personen und Gebäude. Zudem könne man überprüfen, wann das Video erstmals hochgeladen wurde. Auch bei diesen Punkten gibt es keine Hinweise auf eine Fälschung.

Aussagen von Zeugen

Um der Frage nach der Echtheit näher zu kommen, können Aussagen von Zeugen in die Bewertung einfließen. Wie tagesschau.de weiter schreibt, bestätigte der Journalist Johannes Grunert der „Bild“-Zeitung, dass er ähnliche Szenen nahe des Johannesplatzes beobachtet habe. Einen weiteren Hinweis darauf, dass es sich bei dem Video wahrscheinlich um echtes Bildmaterial handelt, liefert das Magazin ze.tt. Die Journalisten dort haben eine Person ausfindig gemacht, die auf den Bildern zu sehen ist.

Weitere Videos von dem Tag

Zudem gibt es nicht nur ein Video, sondern weitere Videos von dem Tag, die ähnliche Szenen zeigen. Dies spricht ebenfalls für die Echtheit.

Schlussfolgerung aus der Prüfung

Bislang gibt es keine Indizien dafür, dass es sich bei dem Video um eine Fälschung handeln könnte. Viele Hinweise sprechen dafür, dass es genau an dem Tag aufgenommen wurde. Eine technische Überprüfung, um Manipulationen ausschließen zu können, steht noch aus. Die Nachrichtenagentur dpa hat einen Check angekündigt.

Das sagen die Ermittler zu den Vorfällen und dem Video

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Dresden dokumentieren Videos von den Demonstrationen in Chemnitz auch zahlreiche Übergriffe. Das reiche von Landfriedensbruch zu Körperverletzung bis hin zu Beleidigung und Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. „Derzeit haben wir 120 Ermittlungsverfahren bei der Polizei für den 26. und 27. August“, sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden, Wolfgang Klein.

Die Auswertung der Videos dauere an. „Bis jetzt haben wir nach wie vor keine Anhaltspunkte für sogenannte Hetzjagden gefunden“, so Klein. Bei Hetzjagden stelle man sich vor, dass Menschen durch die Straßen gejagt und verprügelt würden. Das habe man nicht gesehen.

Was bedeutet Hetzjagd?

Eine juristische oder polizeiliche Definition für den Begriff Hetzjagd gibt es nicht. Laut Duden wird das Wort abwertend für „das Verfolgen“ oder „Jagen eines Menschen“ benutzt. Das verwandte Verb „hetzen“ gibt es bereits im Mittelhochdeutschen: für „jagen“ oder „antreiben“. Das Digitale Wörterbuch der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gibt an, dass der aus der Jägersprache stammende Begriff schon früh in den allgemeinen Wortschatz übergegangen ist - im Sinne von „zur Eile antreiben“ aber auch „durch Worte aufstacheln, aufwiegeln, gegeneinander aufbringen“.

Gebrauch des Wortes in der Vergangenheit

Schon vor rund zehn Jahren wollte der damalige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) einen Überfall auf Ausländer im sächsischen Mügeln nicht als „Hetzjagd“ werten. Mit Blick auf Medien, die über den Vorfall berichteten, sagte er: „Es gab keine Hetzjagd in Mügeln, sondern auf Mügeln und die Mügelner.“ Im August 2007 hatte eine Gruppe von rund 50 zumeist jungen Deutschen acht indische Besucher eines Stadtfestes verfolgt und ausländerfeindliche Parolen gebrüllt. Die Inder und weitere Menschen wurden verletzt. Mehrere Angreifer wurden wegen Volksverhetzung verurteilt.

Gebrauch des Wortes in der aktuellen Debatte

Merkel und Seibert hatten nach den Vorfällen von „Hetzjagden“ gesprochen. Dem widersprach Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Merkel entgegnete ihrem Parteifreund Kretschmer daraufhin, es habe Bilder gegeben, die „sehr klar Hass und damit auch die Verfolgung unschuldiger Menschen“ gezeigt hätten. Davon müsse man sich distanzieren. „Damit ist alles gesagt.“

Von Naemi Goldapp/RND mit dpa

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